Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Der Doc weiß von nichts

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Hat erstaunliche Ansichten über Doping im Fußball

(Foto: dpa)

Doping bringt im Fußball nichts, sagt der Teamarzt des FC Bayern und der Nationalmannschaft - und verrät damit viel über die Selbstwahrnehmung der Branche.

Kommentar von Thomas Kistner

Der Doc hat gesprochen, und was der Doc sagt, hat Gewicht in der Branche. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Deutschlands Fußballhelden in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern ungefähr seit der Kreidezeit betreut, ist auf Promotions-Tour für ein neues Buch. Und dabei traf der sonst konsequent medienscheue Sportmediziner in der Zeit zwei sehr erstaunliche Aussagen, die Szenekenner an allem zweifeln lassen müssen, was doch eigentlich klar und offen auf dem Tisch liegt. Müller-Wohlfahrt gibt Entwarnung just zu einem der heikelsten Bereiche der Muskel-Industrie: Doping.

Erstens: Usain Bolt, Wundersprinter unserer Zeit, sei porentief sauber. Zweitens: Doping im Fußball bringe nichts.

Was Bolt angeht: Es gab bei ihm nie einen positiven Befund. Dass dieses Argument generell wertlos ist, haben die Chroniken des Sports aber dramatisch bewiesen: Superstars von Lance Armstrong bis Marion Jones überstanden Hunderte Tests, entlarvt wurden sie durch Kriminalermittlungen. Auch bei Bolt gibt es Anlass für Skepsis: vom Umstand, dass er unter den zehn weltbesten 100-Meter-Sprintern der einzige (und schnellste) ist, der nie konkret mit der Dopingfrage in Berührung kam, über seine Herkunft aus dem mit steten Dopingfällen belasteten Jamaika, bis hin zu einem Mysterium rund um die Peking-Spiele 2008. Damals wurden Clenbuterol-Funde bei mutmaßlich jamaikanischen Sprintern verschwiegen und das Verfahren eingestellt.

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Und der Fußball? Das Thema füllt Vortragsabende. Schon, weil der reiche Volkssport Nummer eins seine Sonderwege geht. Von effektiven Zieltests kann bis heute kaum einmal die Rede sein, auch bei der WM im Staatsdoping-Land Russland ist die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gar nicht dabei. Der Weltverband Fifa testet seine Milliarden-Sause lieber selber. Dazu gibt es diverse Geständnisse zu veritablen Doping-Orgien im Spitzenfußball, vorgetragen von ehemaligen Kickern, in Biografie-Form, nach der Karriere. Auch werden Doping-Ermittlungen gern eingestellt, sobald sie nationale Klub-Heiligtümer zu erreichen drohen. Wie 2006 in Spanien, rund um den Blutpfuscher Eufemiano Fuentes.

Postwendend erhebt die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada Einspruch gegen den Doc. Natürlich bringt Doping im Fußball was, in Hinblick auf die Regeneration von Verletzten bis zur Erhöhung der - im Fußball besonders wichtigen - Ausdauerleistungsfähigkeit durch verbotene Substanzen. Aber die Wissenschaft hat einen schweren Stand im Fußball. Da wäre etwa jene Langzeitstudie, die intensiven Anabolika-Missbrauch nahelegt: Experten aus zwölf Dopinglaboren fanden auffällige Testosteronwerte in 7,7 Prozent von gut 4000 Urinproben aus den Jahren 2008 bis 2013. Die Proben stammten von 879 Spitzenfußballern, die größtenteils in Champions- und Europa-League spielten. Einen klaren Dopingnachweis liefert das nicht, aber Indizien für weiteste Verbreitung von Steroiden im Fußball. Nachgegangen wurde der Sache nicht.

Vor diesem Hintergrund fragt sich, was den Doc mit so klaren Ansagen in die Öffentlichkeit trieb. Warum redet einer mit seiner Kompetenz so apodiktisch an gegen all das, was von Zeitzeugen und vielerlei Belegen öffentlich ausgewiesen ist?

Über etwaige Dopingmissstände sagt so ein naiv anmutender Vorstoß nichts - aber viel über die Selbstwahrnehmung der Branche.

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