Ohne Spielmacher Michael Kraus gegen Europameister Dänemark: Die deutschen Handballer suchen ihre kleine Chance aufs WM-Halbfinale.
Von den 9,8 Millionen Menschen, die den Schluss des Handball-WM-Spiels gegen Norwegen in Deutschland am Fernsehen verfolgten, dachten vermutlich alle bis auf eine Frau in Gummersbach: Ui, jetzt brät er ihnen eins über. Bundestrainer Heiner Brand war mit erhobener Faust hinter den slowenischen Schiedsrichtern hergelaufen, er wirkte wie eine Mischung aus Waldschrat und Straßenkämpfer, und als er die Bilder am nächsten Morgen im Fernsehen sah, hat er sich ein wenig erschrocken. Seine Frau Christel aber war ganz ruhig. Als er sie am Sonntagabend nach dem Spiel anrief, sagte sie: "Heiner, du hattest dich gut unter Kontrolle."
Oliver Roggisch: "Wir müssen gewinnen, fertig!" (© Foto: dpa)
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Das stimmt zumindest insoweit, als dass nichts Schlimmeres zu befürchten stand. "Ich verabscheue Gewalt und habe noch nie jemanden geschlagen", sagte Brand am Montag, "es bestand keine Gefahr, dass ich ausraste. Das war ein Ausdruck der Ohnmacht gegenüber den Entscheidungen, die ich immer noch nicht nachvollziehen kann."
In den letzten zehn Sekunden des Spiels hatten die Schiedsrichter Rechtsaußen Christian Schöne einen Freiwurf so lange wiederholen lassen, bis die Zeit abgelaufen war. Die Deutschen verloren die Hauptrundenpartie 24:25, was die Chancen aufs Erreichen des Halbfinales schmälert.
Die Szene war mindestens kurios. Der Norweger Harvard Tvedten war ausgerutscht, so dass die Deutschen noch eine letzte Chance zum Ausgleich hatten. Da der Ball nicht im Aus war, hätte es Freiwurf geben müssen. Die Schiedsrichter begründeten das Zurückpfeifen Schönes jedoch damit, dass sie Einwurf gegeben hätten. "Es war vieles möglich in dieser Szene, nur nicht das, was die beiden Herren getan haben", sagte Brand, "wenn sie ein Gewissen haben, müsste es ein schlechtes sein."
Die Spieler hatten die Partie am Montag gut verdaut, Handballer sind an seltsame Schiedsrichter gewöhnt. "Es wäre das Schlechteste, jetzt weiter darüber nachzudenken", sagte Linksaußen Dominik Klein, "wir müssen uns ganz auf das Spiel gegen Dänemark konzentrieren." Es ist das dritte große Spiel gegen die Dänen innerhalb von zwölf Monaten, das EM-Halbfinale 2008 und das entscheidende Vorrundenspiel bei Olympia haben die Deutschen verloren. Klein benutzte ein interessantes Bild, um die Situation zu beschreiben, er sagte: "Wir sind jetzt am Schlangenfluss, da muss es links oder rechts rum gehen."
Was Klein meint: Mit einem Sieg gegen die Dänen am Dienstag (17.30 Uhr/RTL) sind alle Fragen geklärt, dann stehen die Deutschen im Halbfinale dieser WM in Kroatien. Doch auch wer am Schlangenfluss die falsche Abzweigung nimmt, ist noch nicht verloren. Das ist einerseits tröstlich, bedeutet aber andererseits viel Rechnerei. Bei einem Unentschieden gegen Dänemark kann es auch fürs Halbfinale reichen, wenn Norwegen nicht gegen Polen gewinnt.
Selbst eine Niederlage könnte reichen, man braucht zwar kein abgeschlossenes Mathematikstudium, um die entsprechende Konstellation zu berechnen, man muss aber wie Heiner Brand firm sein in Klassikern deutschen Liedguts. Brand zitierte Katja Ebstein mit den Worten: "Wunder gibt es immer wieder." Kurzum: Die Gegend am Schlangenfluss ist in Wahrheit eher unübersichtlich, was Abwehrchef Oliver Roggisch zu der Bemerkung veranlasste: "Ich habe keine Lust auf diese Rechnerei. Ich sehe das Spiel als Viertelfinale, wir müssen gewinnen, fertig."
So einfach könnte das alles in der Tat sein, wenn sich da nicht das eine oder andere neue Problem aufgetan hätte. Um fünf Uhr am Montagmorgen hat Spielmacher Michael Kraus das Mannschaftshotel in Zadar verlassen, um sieben Uhr flog er zurück nach Deutschland. Nach einem Foul und anschließender unkontrollierter Landung war er Mitte der zweiten Halbzeit gegen die Norweger umgeknickt.
Die Untersuchung in Göppingen ergab einen einfachen Außenbandriss im Sprunggelenk. Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier berichtete zudem von mangelhafter medizinischer Versorgung in Zadar, nicht einmal Krücken habe es im Krankenhaus gegeben, die Ärzte seien überdies unfreundlich gewesen, er habe sich deshalb beim Weltverband IHF beschwert. Rückraumspieler Pascal Hens leidet an einer Oberschenkelverhärtung, sein Einsatz ist laut Hallmaier fraglich, Hens selbst aber sagt: "Ich denke schon, dass es gehen sollte."
Der Ausfall von Kraus ist kaum zu kompensieren für das Team, wenn auch noch Hens ausfiele oder nur unter starken Beschwerden spielen könnte, wäre es ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, gegen die Europameister aus Dänemark gewinnen zu wollen. Auch wenn Heiner Brand sagt: "Sicherlich sind wir den Dänen dann unterlegen, was die individuelle Stärke angeht, aber wer uns kennt, der weiß, dass wir uns nicht geschlagen geben."
Übermächtige Nordmänner
Ein bisschen klingt das alles wie das Drehbuch zu einem amerikanischen Film voller Klischees: Die junge, neu zusammengestellte Mannschaft leidet unter den Schiedsrichtern, sie verliert wichtige Spieler wegen Verletzungen, alles hat sich gegen sie verschworen, und jetzt steht das Spiel gegen die schier übermächtigen Männer des Nordens an. Keiner setzt mehr auf das junge Team, aber dann ... Der Film hieße selbstverständlich "Duell am Schlangenfluss".
Da dies aber eine Handball-WM ist und kein Film, lässt sich nüchtern festhalten: Die Chance der Deutschen gegen die Dänen ist sehr klein. Aber immerhin, sie besteht.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
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(SZ vom 27.01.2009/jüsc)
Führungsstreit der Linken
Auf ein Neues, denn das kann man den Moderatoren gar nicht oft genug sagen:
Aha, der Moderator hat sich an dem Spruch "Gib jemandem Macht und er wird sie missbrauchen" gestört. War wohl schon wieder zu subversiv, denn mit dem gleichen Spruch könnte man auch das Tun des Moderators abhandeln. Das ist wohl der Job, vergleichbar mit dem des Kassierers beim Supermarkt: Keiner will in machen, so daß es am Ende die Schwächsten trifft, was meist die Lehrlinge sind. Und gerade die Schwachen müssen dann ihre trostlose Situation überkompensieren. Bei der Süddeutschen Bildzeitung sieht das dann so aus, daß wahllos Kommentare zurückgewiesen werden, mit dem Hinweis auf irgendwelche schwammig verfassten und deshalb beliebig auslegbaren Regeln. Eine Auseinandersetzung mit den Kommentatoren vermeidet man so, aber die kann man von einem Schwachen auch nicht verlangen.
Aber genau wie bei den Zwangsverpflichteten an der Kasse, vergisst man bei der Heimleitung, daß man es mit Kunden zu tun hat. Kunden, die das Geld in den Laden bringen, damit die Löhne bezahlt werden können.
An dieser Stelle sei nochmals daran erinnert, daß die SZ mit dem Spruch "Seien Sie anspruchsvoll" wirbt. Man muß feststellen, daß man aber genau das nicht will, oder die subalternen Chargen, so wie z.B. die Moderatoren, kennen den Spruch gar nicht, weil er in Zeitungen abgedruckt ist, die sich eben nicht mit den eingewachsen Fußnägel von irgendwelchen Dahergelaufenen beschäftigen, sondern investigativen und ernstzunehmenden Journalismus betreiben.