Fußball-WM: Freude in Japan Japaner machen sich oft kleiner, als sie sind

Ein echter Außenseiter war Japan nicht. Doch japanischen Sportlern versagen in entscheidenden Momenten oft die Nerven. Das kommt so oft vor und sitzt so tief, dass es in einem populären Sprachlehrbuch für Japanisch heißt: "Was, die Japaner haben schon wieder verloren? Schrecklich." Nur selten wachsen japanische Teams über sich hinaus wie jetzt die Fußballerinnen. Der Sieg der Volleyballerinnen bei Olympia 1964 in Tokio ist bis heute eine ähnliche Helden-Legende.

"Das Herz der Frauen gepackt!"

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Es mag stimmen, dass die dreifache Katastrophe die Japanerinnen anspornte. Coach Norio Sasaki motivierte die Spielerinnen mit Bildern aus dem Tsunami-Gebiet. Und Kapitänin Homare Sawa sagte im japanischen Fernsehen: "Mit unserem Sieg wollen wir den von der Katastrophe Betroffenen Kraft und Ausdauer geben." Aber damit lässt sich dieser Erfolg nicht erklären.

Die Japaner mögen Geschichten, in denen ihre Landsleute übermächtige Gegner besiegen. Sie machen sich und ihr Land oft kleiner, als sie sind. Sie können zum Beispiel gar nicht glauben, dass kein europäischer Staat so viele Einwohner hat wie Japan. Und auch vor dem WM-Finale redeten die Fernsehmoderatoren Japans Team kleiner, als es ist.

Nach dem Halbfinale sagten mehrere abschätzig, die Amerikanerinnen seien ja Männer, vor allem Abby Wambach mit ihren 1,81 Meter. Und der Sieg ist nun besonders süß, weil die USA die ehemalige Besatzungsmacht sind, die noch immer Militär in Japan stationiert hat, die man zugleich bewundert und verabscheut.

Die Spielerinnen des japanischen Kaders sind im Schnitt sechs Zentimeter kleiner als die Amerikanerinnen, man kann darüber streiten, ob das wirklich ein so deutlicher Höhenunterschied ist. Jedenfalls schwören die Trainer ihre Spielerinnen wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit auf einen speziellen Stil ein, auf gute Ballkontrolle, genaues Passspiel, viel Laufarbeit.

Die Frauen haben diesen Stil nun so erfolgreich angewandt, dass ein ehemaliger japanischer Nationalspieler meinte, die Männermannschaft müsse von den Frauen lernen. Das sind neue Töne in Japan.

Auch die Hauptnachrichten am Montagabend waren noch ganz dem Fußball gewidmet. Man kostete den Sieg noch einmal aus. Bis der Wetterbericht warnte, ein Taifun bewege sich auf Tokio zu. In Westjapan habe er bereits Überschwemmungen verursacht. Morgen ist wieder Alltag.