Fußball: Bremer Transfer-Affäre Doppelt und dreifach kassiert

Ist Claudio Pizarro Stürmer? Spielervermittler? Gar beides? Die Geschichte und die Dokumente eines brisanten Transferfalls.

Von P. Burghardt, T. Kistner und R. Wiegand

Die Entstehung seines Treffers zum 2:0, der Werder Bremen endgültig ins Viertelfinale des Uefa-Pokal-Wettbewerbs verholfen hatte, konnte Claudio Pizarro noch flüssig erklären. Sein Sprint in die Spitze, der Kopfball, die Chancenlosigkeit des Abwehrspielers von St. Etienne: "Da kann der gar nichts machen, das hat mich sehr gefreut", trällerte der Angreifer - ehe plötzliche Sprachbarrieren die weitere Kommunikation mit dem ARD-Reporter empfindlich störten. Ob ihn denn die andere Sache gar nicht belaste, fragte der. Pizarro erwiderte etwas von "großem sportlichen Druck". Nein, nein, er meine den Vorwurf, er sei verbotenerweise Spielerberater tätig. Pizarro: "Ich verstehe nicht, was?" Im dritten Anlauf dann: "Ach Du meinst das Ding da drüben? Darüber spreche ich nicht."

So leicht wird Pizarro wohl nicht mehr lange das "Ding da drüben" abschütteln können - denn es ist ein ziemlich dickes Ding, das in Pizarros Heimat Peru steigt. Gegen Pizarros langjährigen Geschäftspartner und Agenten, den Spielerberater Carlos Delgado, laufen beachtliche Ermittlungen wegen zahlreicher Delikte, die mit Geld zu tun haben: Geldwäsche, Schwarzgeld, Steuerhinterziehung. Immer mit im Boot: Claudio Pizarro Bosio, 30, peruanischer Nationalspieler und derzeit an Werder ausgeliehener Angestellter des englischen Klubs FC Chelsea.

Für Werder Bremen, das mit einem 2:2 (2:0) in St. Etienne gerade die lang anhaltende sportliche Flaute dieser Saison endgültig beendet hat, könnte die Affäre noch sehr unangenehme Weiterungen haben. Der Klub dürfte den schwer belasteten Pizarro Ende der Saison zwar problemlos wieder nach London entlassen, er ist ja nur ausgeliehen. Aber das Problem bliebe an der Weser.

Denn die Vorwürfe kreisen hauptsächlich um einen Transfer aus dem Jahre 2001, als ein anderer Klient von Delgados Firma "Image" aus Peru in die Bundesliga wechselte. Roberto Enrique Silva Pro heuerte damals bei Werder an - als Nachfolger von Pizarro, der zu diesem Zeitpunkt gerade sein erstes Engagement bei den Bremern mit einem Wechsel zum FC Bayern München abgeschlossen hatte.

El tanque blanco, der weiße Panzer, wurde Stürmer Silva in Peru genannt. Heute versuchen die Bremer, die Entdeckung des damals 25-jährigen Nationalspielers ausgerechnet wieder in Peru und wieder im Stall des Spielerberaters Delgado als Zufall erscheinen zu lassen - mit dem Claudio Pizarro gar nichts zu tun gehabt habe. "Natürlich habe ich mit Claudio damals über Roberto gesprochen", sagte Werders Sportdirektor Klaus Allofs am Mittwochabend in St. Etienne. "Er hat mir gesagt: Du, ich kenne den gar nicht richtig."

Silvas artiger Dank an Pizarro

Das wäre erstaunlich. Pizarro und Silva spielten nicht nur ein paar Monate im selben Verein Seit an Seit - 1998 für den Klub Allianz Lima - es gab offenbar auch regen Gedankenaustausch zwischen allen Beteiligten. Der Weser-Kurier schrieb damals über den Neuzugang: "Werders Sportdirektor Klaus Allofs hat erst etliche Videobänder studiert, sich dann Silva in Lima selbst angesehen und schließlich auch auf Claudio Pizarro vertraut, der seinem bisherigen Arbeitgeber den einstigen Mannschaftskameraden Silva wärmstens empfahl." In einem Interview bedankte sich Silva später artig für die Hilfe und Tipps von Pizarro.

Heute weiß man: Aus reiner Nächstenliebe förderte Pizarro die Karriere seines Landsmannes nicht. Er hat, das geht aus den kompletten Vertragsunterlagen des Transfers hervor, mit dem Silva-Deal sehr viel Geld verdient - mindestens 895.875 US-Dollar. Die belastenden Papiere sind derzeit im Besitz von Delgados Noch-Ehefrau Fiorella Faré, die sich in einem Rosenkrieg mit dem Gatten befindet und nicht zimperlich ist dabei, dessen Geschäftgebahren offen zu legen. Das Material offenbart, dass Pizarro in der Firma Image wohl weit mehr gewesen ist als ein stiller Teilhaber, wie er zuletzt stets behauptete. Und die Papiere, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, belegen auch die mindestens naive Rolle, die Werders Geschäftsführung gespielt hat.

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