Frauenfußball Kleber im Mittelfeld

Antreiberin: Als neue Spielführerin strukturiert Dzsenifer Marozsán das Geschehen im DFB-Team.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

DFB-Trainerin Steffi Jones muss einen Umbruch moderieren. Eine zentrale Rolle in ihrer verjüngten Elf dürfte die neue Kapitänin Dzsenifer Maroszán einnehmen.

Von Max Ferstl, Regensburg

Unauffällig schiebt sich Dzsenifer Marozsán in den Pressebereich des Regensburger Stadions. Es ist gerade wenig los. In der Mitte des Raums hat sich eine kleine Traube um die einzige Gesprächspartnerin, Sara Däbritz, gebildet. Marozsán bleibt am Rand stehen. Als sie die Reporter entdecken, bewegen sie sich rasch zu ihr hinüber. Schließlich steht nur noch der Vertreter der Lokalzeitung bei Däbritz, der Oberpfälzerin.

Marozsán gilt als ruhige Vertreterin, doch sie zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Am Freitag hat Bundestrainerin Steffi Jones die 24-Jährige zur neuen Spielführerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft befördert. Am Samstag hat Marozsán das Team im Freundschaftsspiel gegen Österreich zum ersten Mal angeführt. Sie gibt zu: "Ich war nervöser als sonst." Zumindest bis sie gemerkt habe, dass die Partie in die richtige Richtung läuft. Deutschland gewann 4:2. Ein Ergebnis, das man erwarten darf von einer Mannschaft, die in Rio Olympiasieger wurde.

"Es geht darum, mehr Verantwortung zu übernehmen"

Doch diese Mannschaft gibt es nicht mehr. Silvia Neid, seit 2005 Bundestrainerin, hat das Amt nach Olympia an Steffi Jones abgetreten. Außerdem hörten Kapitänin Saskia Bartusiak, Annike Krahn und Melanie Behringer auf. Zusammen haben sie 361 Mal für Deutschland gespielt und hinterlassen entsprechende Lücken. "In diese Rollen müssen nun andere hineinwachsen", glaubt Däbritz: "Die Verantwortung muss sich verteilen."

Jones muss einen Umbruch moderieren und dabei der Mannschaft ihre eigene Handschrift verpassen; Marozsán dürfte in ihren Gedanken eine zentrale Rolle spielen. Das neue 4-4-2-System soll das deutsche Spiel weniger kalkulierbar machen, gegen Österreich bildete das Mittelfeld eine Raute. Marozsán, die im Grunde im offensiven Mittelfeld zu Hause ist, fiel dabei eine defensivere Rolle zu.

In der Raute besetzte sie das Eck vor der Abwehr. Sie verlieh dem deutschen Spiel die Struktur, schlug außerdem ein paar schöne, eröffnende Pässe. Marozsán war der Kleber zwischen Verteidigung und Mittelfeld. Abseits des Platzes soll sie künftig als Bindeglied zum Trainerstab fungieren, sagt Jones: "Sie ist nicht die Lauteste, aber genießt hohe Anerkennung innerhalb der Mannschaft."

Nach ihrer Premiere mischt Marozsán leise Kollegenlob mit Selbstkritik. Doppeltorschützin Anja Mittag und Svenja Huth, die neue Doppelspitze, hätten gewirbelt, "als würden wir schon zum fünften Mal nacheinander so spielen". Sie selbst kommt weniger gut weg. Vor allem kreidet sie sich den Anschlusstreffer an, der die deutsche Mannschaft kurz nach der Halbzeit für 20 Minuten aus dem Spiel warf: "Da schieße ich eine Gegenspielerin ab, und sie fahren den Konter. Das darf in Zukunft nicht mehr vorkommen."

Marozsán zählt mit 67 Länderspielen zwar eher zu den Erfahreneren im Team, ist als 24-Jährige allerdings noch weit von ihrem Zenit entfernt. Im Sommer traf sie daher eine wichtige Entscheidung: Nach sieben Jahren beim FFC Frankfurt wechselte sie zum europäischen Spitzenklub Olympique Lyon, dem aktuellen Champions League-Sieger. Nun folgte die Beförderung in der Nationalmannschaft. Marozsán soll das neue Gesicht einer verjüngten Mannschaft werden. Eine Aufgabe, an der sie wachsen möchte. "Es geht darum, mehr Verantwortung zu übernehmen", sagt sie. Andererseits: "Wir haben so viele intelligente Spieler - da hat man kaum was zu tun. Falls nötig, stelle ich mich gerne vor die Mannschaft."

Noch ist allerdings nicht klar, vor wen genau sich Marozsan im Fall der Fälle stellen wird. Jones verfügt über einen breiten Kader, für das Freundschaftspiel am Dienstag (16.10 Uhr/ARD) gegen die Niederlande hat sie bereits einige Wechsel angekündigt: "Irgendwann werde ich die Qual der Wahl haben", glaubt Jones, die den Blick bereits nach vorne richtet. Im Sommer 2017 steht mit der Europameisterschaft in den Niederlanden ihre erste Bewährungsprobe an: "Jeder weiß, was unser Ziel ist: Europameister zu werden." Die Mannschaft hat sich verändert, die Ansprüche sind dieselben geblieben.