Finanzkrise des FC Schalke "Wir liegen auf der Nase"

Die DFL fordert vom FC Schalke 04 und Aufsichtsratschef Tönnies im Nach-Lizenzierungsverfahren klare finanzielle Antworten.

Von H. Leyendecker, J. Nitschmann und K. Ott

Felix Magath, 56, hatte sich in einem Parkhaus in Hannover verabredet. Er trug einen breiten Hut, tief ins Gesicht gezogen, als wäre er Udo Lindenberg. Hallöchen! Ich bin's! "Wie sehen Sie denn aus?", fragte Clemens Tönies, 53, der Aufsichtsratschef von Schalke 04. "Niemand darf mich erkennen", antwortete der Fußballtrainer. Dann unterschrieb der Mann mit dem Hut seinen neuen Vertrag für den Traditionsverein aus dem Revier.

"Ich habe in Schalke in 15 Jahren alles schon erlebt, aber keinen Typen, der so strukturiert arbeitet wie Magath", sagt Tönnies heute. Der Neue, der Trainer, Manager und Vorstand ist, sei "auch geprägt durch wirtschaftliches Denken". Diese Fähigkeit ist ebenso vonnöten wie seine Eignung als Trainer. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat sich schon in Gelsenkirchen gemeldet. Der Verein wird, wie die DFL der Süddeutschen Zeitung bestätigte, einem Nach-Lizenzierungsverfahren unterzogen. Dabei drohen, wenn es schlecht für Schalke läuft, harte Sanktionen.

Geht es bei Schalke derzeit um die "Abwendung der Insolvenz", wie ein Anwalt des Vereins, von dem sich der Klub Anfang Oktober getrennt hat, in einem "streng vertraulichen" Memorandum dem Aufsichtsrat mitteilte? "Wir liegen auf der Nase", sagt der Empfänger des Memorandums, der ostwestfälische Fleischfabrikant Tönnies. Der Verein stehe vor einem "harten Sanierungsweg". Schalke sei überhaupt "kein Sanierungsfall", meint wiederum Magath. Es gehe vor allem um "Restrukturierung".

Drei Insider, drei Perspektiven - und ganz viele Fragen. Der Schuldenstand wird offiziell mit 136 bis 140 Millionen Euro angegeben. Das Bilanzloch pro Saison wird von Nicht-Offiziellen auf etwa 20 bis 30 Millionen Euro geschätzt. Das wahre Problem aber sind nicht die aktuellen Schulden, das Problem sind die Risiken der undurchsichtigen Finanzierung, bei der Zahlen oft nur Schemen sind, die auftauchen und verschwinden.

Zunächst wird sich also die DFL mit dem Wirtschaftsfall Schalke beschäftigen. Bis Ende des Monats muss der Verein Unterlagen vorlegen. Auf den ersten Blick ist das nicht dramatisch, weil diesmal rund 20 Vereine der ersten und zweiten Liga nachträglich inspiziert werden. Darunter befindet sich beispielsweise Union Berlin. Bei genauerem Hinsehen könnten die Prüfer in dem Finanz-Geflecht der Schalker von Sicherheitskonten, Anleihen und Krediten auf manche Überraschung stoßen.

Eine solche Nachschau gibt es seit der Saison 2006/2007, im Fokus stehen vor allem Vereine, die trotz hoher Schulden intensiv auf dem Transfermarkt tätig wurden. Die abgestiegen sind oder in ihren Planungen fälschlicherweise mit einer Teilnahme am Europacup gerechnet haben. Die DFL kann auf Verstöße mit Sanktionen wie Geldstrafen oder Punktabzug oder im schlimmsten Fall mit dem Lizenzentzug reagieren. Bis Jahresende haben die Vereine Zeit, die Mängel abzustellen. Der bislang gravierendste Fall betraf im Vorjahr den Zweitligisten TuS Koblenz, dem in der laufenden Saison sechs Punkte abgezogen wurden, weil er im Lizenzierungsverfahren Spielerverträge verschwiegen hatte. Der Verein geriet in den Abstiegskampf.

Im Fall Schalke 04 geht es weniger um neue Spielertransfers, sondern unter an-derem um die Kündigung von Managern und Trainern sowie die Verpflichtung des Teams um Magath. Nach SZ-Informationen soll die Magath-Crew im Jahr insgesamt zehn Millionen Euro verdienen. Der Cheftrainer soll vier Millionen Euro Gehalt plus weitere zwei Millionen aus Marketingrechten pro Jahr erhalten.

Die Kosten für seinen vierköpfigen Trainerstab sowie den neuen stellvertretenden Sportdirektor und den ehemaligen Wolfsburger Pressesprecher, der noch nicht in Schalke ist, sollen weitere vier Millionen betragen. "Zu Vertragsinhalten nehmen wir keine Stellung", erklärt Schalke. Die DFL äußert sich ähnlich. Der Ligaverband gebe "zu individuellen Klubentscheidungen" öffentlich keine Stellungnahme ab.

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