FC Schalke 04 Zurück zum Zynismus

0:3 nach einem vielversprechenden 0:0 im Hinspiel: Nach dem jähen Scheitern gegen Schachtjor Donezk in der Europa League rückt auf Schalke auch Trainer André Breitenreiter in den Fokus.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Es war nur noch eine Viertelstunde, aber diese letzte Viertelstunde dauerte für die Spieler viel länger als bloß 15 Minuten. Die Mannschaft des FC Schalke 04 verkörperte mindestens so viel Hoffnungslosigkeit wie die in Ewigkeit verdammte Besatzung des Fliegenden Holländers, und das Bild wurde auch dann nicht besser, wenn die Schalker den Anschein zu erwecken versuchten, als wollten sie tatsächlich noch ein Tor schießen. Einmal inszenierte Sidney Sam - respektive der Wiedergänger des ehedem vielversprechenden Nationalspielers Sidney Sam - im gegnerischen Strafraum eine Schwalbe, die aber von so trauriger Art war, dass der Schiedsrichter auf die fällige gelbe Karte verzichtete.

Früher hätten die Zuschauer in Gelsenkirchen im Angesicht eines solchen Grauens "Aufhören" gerufen, in der Fankurve hätte es angefangen, und dann hätte das ganze Stadion mitgemacht: Aufhööörn, Aufhööörn, Aufhööörn. Aber dieser Buhruf ist nicht mehr zeitgemäß.

Auf Schalke sind die Leute diesmal mehr oder weniger geräuschlos geflohen, nicht nach dem abschließenden 0:3 für Schachtjor Donezk durch Kowalenko in der 77. Minute, sondern bereits nach dem 0:2 durch Facundo Ferreyra in der 63. Minute. Die Wenigen, die bis zum Schlusspfiff auf den Rängen ausharrten, taten das nur aus einem Grund: um zu pfeifen und nochmals zu pfeifen.

Trainer André Breitenreiter wollte später den Stadionbesuchern keine Vorwürfe machen, aber er nahm Anstoß daran, dass es nicht beim gewöhnlichen Pfeifen und beim Zetern blieb: "Dass es am Ende höhnisch wurde, das macht sehr nachdenklich", sagte er. Schalkes Coach räumte damit ein partielles Scheitern seiner Mission ein. Nicht wegen der 0:3-Niederlage gegen Donezk, die das frühzeitige Ende im Sechzehntelfinale der Europa League brachte, sondern weil sich seiner Ansicht nach wieder die alte destruktive Mentalität durchgesetzt hat: In der Enttäuschung über ein verlorenes Spiel breiten sich im Publikum Sarkasmus und Zynismus aus: "Das ist ja in der Vergangenheit hier immer schon der Fall gewesen", sagte er.

An die Grenzen gestoßen: Johannes Geis (vorne) und die Schalker Spieler treten nach dem Spiel gegen Donezk geschlagen ab.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Als Grund der um sich greifenden Verbitterung hat Breitenreiter die vermessene Erwartungshaltung ausgemacht: "Man träumt hier von Deutscher Meisterschaft und Champions League, und wenn das gepusht und eingefordert wird, dann sitzen die Fans auf der Tribüne und geben ihre entsprechenden Kommentare ab." Zum Beispiel lachen diese Anhänger unverhohlen, wenn, wie am Donnerstag geschehen, Verteidiger Joel Matip eine Kerze schlägt wie ein altertümlicher Vorstopper. Der Trainer hält solche Szenen des Misslingens für logisch: Infolge der an sie gerichteten Ansprüche seien "die Spieler nervös und unsicher", folgerte er.

Im Grunde hatte Breitenreiter die Lage in Gelsenkirchen damit treffend analysiert. Aber er hatte vergessen zu erwähnen, dass es zu Saisonbeginn sein Auftrag und seine Ambition waren, diesem Mentalitätsproblem entgegenzutreten. Durch den ausdrücklichen Verzicht auf ein höheres Saisonziel hatte der Klub dem neuen Trainer Breitenreiter ein Übergangsjahr zugestanden. Einerseits sollte er die Zeit dazu nutzen, das verdrossene Publikum zurückzugewinnen, andererseits sollte er die junge Mannschaft entwickeln.

Am Donnerstagabend sah es so aus, als seien beide Planziele verfehlt worden. Zehn starke, stürmische Anfangsminuten brachte die Mannschaft zustande, aber danach erlahmten Initiative und Einsatz: "Wir haben viel zu wenig gebracht, warum auch immer haben wir einen Gang zurückgeschaltet", rätselte Breitenreiter. Warum auch immer.

Auf Schalke werden jetzt wieder die üblichen Fragen gestellt. Eine lautet selbstverständlich, wie lange das Bleiberecht für den Trainer noch gilt. Im Hintergrund raunen einflussreiche Leute bereits, dass der kommende starke Mann auf Schalke, Christian Heidel (bisher Mainz 05), an diesem Abend schon mal auf seine Trainer- Liste geschaut haben könnte. Der amtierende Manager, Horst Heldt, musste neulich bereits für Breitenreiter in die Bresche springen, als in den Medien atmosphärische Störungen im Verhältnis mit dem Klubpersonal thematisiert wurden.

"Es ist keine Kaffeemaschine, die man anmacht, und dann läuft es." Schalkes Torhüter Ralf Fährmann nach dem Aus gegen Donezk

Heldts Unterstützung für den Trainer wirkte allerdings wie ein Akt der Staatsräson. Und Breitenreiter dürfte kaum darüber beglückt gewesen sein, dass Heldt am Wochenende plötzlich den Wunsch äußerte, zu seinem Abschied im Sommer mit der Champions-League-Qualifikation beschert zu werden. Er weiß: Ein Vertrauensbeweis war das eher nicht.

In dem Zustand, in dem sich die Mannschaft gegen Donezk präsentierte, wird sie einen Spitzenplatz in der Liga nicht erreichen können. Auch die bisher stabilen Stützen der Mannschaft beginnen zu wanken: Matip, bisher der verlässlichste Feldspieler, verschuldete durch seine Fehler das 0:1 und das 0:2; Angreifer Leroy Sané ist nicht mehr in der Form, die Scouts aus Europas Top-Vereinen zu den Schalke-Spielen lockte - ohne seine Geniestreiche ist der Mannschaft die Torgefahr abhanden gekommen. Johannes Geis ist seit seiner langen Sperre nach dem Foul an André Hahn nicht mehr wiederzuerkennen, und Leon Goretzka hat sich am Mittwoch eine Schulterverletzung zugezogen, die ihn bis ins Saisonfinale matt setzt.

Ohne die speziellen Zugaben dieser Spieler wirkt die Mannschaft unreif und unentwickelt, ihre Fehlerlastigkeit zeigt zwangsläufig Wirkung. "Da weisen wir schon länger drauf hin, aber individuelle Fehler abzustellen, ist schwierig zu trainieren. Das ist eine Sache, die die Jungs auf dem Platz für sich entscheiden", stellte Breitenreiter fest. Noch ein Geständnis des Scheiterns.