FC Liverpool Zu hoch gezüchtet

Nach einer schwierigen Woche tritt Klopps Liverpool mit Notbesetzung in Exeter (im Bild r. das Maskottchen) an. Das Spiel endet 2:2.

(Foto: Henry Browne/Reuters)

Weil Jürgen Klopp immer weniger fitte Spieler hat, stellt er im FA-Cup eine bessere Jugend-Elf auf. Prompt handelt diese sich ein Nachsitzen ein - und dem Trainer ätzende Kommentare.

Von Sven Haist, London

Bei den Fans des FC Liverpool zählt die graue Brillenkonstruktion von Jürgen Klopp zu den beliebten Kaufobjekten. Das Modell RX6295 liefert die Perspektive des Verehrten auf ein Spiel der Reds, denken die Anhänger. Selbst der Warenwert des Designerstücks von 150 Pfund, ohne Brillengläser wohlgemerkt, schreckt deswegen kaum einen vor dem neuen Verkaufsrenner ab.

Am Freitagabend erregte allerdings der nostalgische Kopfschmuck von Klopps Gegenpart Paul Tisdale deutlich mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken. Tisdale, Trainer des Viertligisten Exeter City am südwestlichen Ausläufer Englands, ließ es sich nicht nehmen, für seinen Kumpel Ray Kelvin, den Gründer eines Modeunternehmens, etwas Werbung zu machen. In seinem dunklen Anzug mit Zylinderhut auf dem Kopf erinnerte Tisdale an einen Magier, der Klopp beim 2:2 im Eröffnungsspiel zur dritten Runde des FA-Cups fast die Brille vom Gesicht gezaubert hätte - und den FC Liverpool aus dem Wettbewerb. "Wenn ihr irgendeinen kritisieren möchtet, kritisiert mich und lasst meine Jungs in Ruhe", sagte Klopp. Aus Verletzungsgründen schickte Liverpools Trainer ein Jugendteam in den Wettbewerb, weshalb das Massenblatt Sun auf Deutsch titelte: Kindergarten Klopp.

Die Bekanntheit der Anfangsformation beim Tabellen-Achten der Premier League reduzierte sich auf Sturmspitze Christian Benteke. Sonst klangen die Spielernamen, die Liverpools Zukunft symbolisieren sollen, für die Öffentlichkeit verdächtig ähnlich zu denjenigen von Exeter City. Das Durchschnittsalter bei Liverpool sank folglich auf 22 Lebensjahre und die Sachkenntnis im Profifußball auf insgesamt lediglich 34 Einsätze in dieser Spielzeit. Davon beanspruchte Benteke mit 21 Pflichtspielen gleich mal den Hauptteil für sich.

50 neue Spieler in fünf Jahren

Wesentlich interessanter als diese Elf - ein besseres Nachwuchsteam um die Torschützen Jerome Sinclair und Brad Smith -, die bloß gewährleistete, dass Liverpool den Spielbetrieb nicht einstellen musste, ist gerade die Elf, die sich in den Rehabilitationsräumen des Klubs befindet. In der abgelaufenen Woche verabschiedeten sich sechs weitere Stammkräfte in eine unfreiwillige Winterpause. Um bei insgesamt elf verletzten Spielern - sechs davon laborieren an Oberschenkelproblemen - nicht die Übersicht zu verlieren, erstellte der Mirror eine Krankenakte des Vereins in dieser Saison. Zusammen gepackt in eine taktische Grundordnung verfügt die sich ergebende Aufstellung dann über quantitative und qualitative Fähigkeiten in jedem Mannschaftsteil. Die Konkurrenzsituation würde sogar Verteidiger Kolo Touré, immerhin ehemaliger Nationalspieler der Elfenbeinküste, ins Tor verdrängen.

In den vergangenen fünf Jahren hat Liverpool 50 Akteure verpflichtet, also fast ein Team pro Spielzeit. Jetzt wird wieder wild spekuliert über prominente Zugänge, auch Mario Götze vom FC Bayern und Schalkes Sydney Sam sind ins Gespräch gebracht worden. Das aktuelle Personal stößt in der arbeitsintensivsten Phase auf der Insel an seine Grenzen, was auch mit dem Hype um Klopps Verpflichtung zu hat.

Seit seiner Ankunft haben die englischen Medien den einstigen Dortmunder Erfolgstrainer auf eine Wolke gehoben, von der Klopp offenbar gar nicht mehr runter möchte. Bei Borussia Dortmund hatte er sich noch drei Jahre lang Zeit gegeben, um ein Team zu formen, das seinen Ansprüchen entspricht. Sein Markenzeichen, den sprintintensiven, forsch attackierenden Stil, wollte Klopp in Anfield dagegen in Rekordzeit einpflanzen. Der 47-jährige Schwabe züchtete ein Team hoch, das nicht er aufgebaut hat, sondern Vorgänger Brendan Rodgers - und deshalb auch über eine längere Phase hinweg gar nicht seinen Anforderungen standhalten kann.

Zehn Partien innerhalb von 30 Tagen

Um diesen Punkt zu kaschieren, übergoss Klopp wöchentlich seine neue Mannschaft mit motivierender Rhetorik als Dünger. Die Reds begeisterten in den Auswärtsspielen bei ManCity (4:1) und Southampton (6:1), aber verwelken nun, da das Spielpensum zu groß wird. "Ich denke nicht, dass Jürgen realisiert hat, wie bösartig unsere Liga ist", ätzte Sam Allerdyce. Mit seinen jüngsten Kommentaren hat sich der alt eingesessene Trainer des Tabellen-Vorletzten FC Sunderland zu einem Intimfeind Klopps entwickelt. Weil Klopp von seinen Spielern diese extra hohe Energie erwarte, seien diese nun müde, findet Allerdyce.

Im Gegensatz zum FC Sunderland, das nach dem 1:3 beim FC Arsenal im Pokal bloß noch in der Premier League mitspielt, befindet sich Liverpool weiterhin in vier verschiedenen Rennen. Die nächste Etappe im aussichtsreichsten Lauf auf eine Trophäe steigt in zweieinhalb Wochen im Halbfinal-Rückspiel des Ligacups gegen Stoke City. In Anfield gilt es, am 26. Januar ein 1:0 über die Ziellinie zu schleppen, um sich für das Finale in Wembley zu akkreditieren. Für den FC Liverpool wird diese Partie dann die zehnte Begegnung innerhalb der vergangenen 30 Tage sein. Als Belohnung für das 2:2 gegen Exeter City gibt es nämlich eine Woche zuvor ein Wiederholungsspiel. "Ich kann das nicht glauben", sagt Klopp - und kündigte schon mal an, eventuell erneut ein Jugendteam aufzustellen .