FC Bayern Ein Gefühl wie leere Hände

Wie konnte das bloß passieren? Jupp Heynckes und Thomas Müller wirken nach dem verlorenen Finale ratlos.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Den FC Bayern verlassen im Saisonendspurt Motivation und Kräfte. Auch wenn sich die Spieler über den nicht gegebenen Elfmeter im Pokalfinale aufregen, überragt vor allem eines: ehrliche Selbstkritik.

Von Saskia Aleythe, Berlin

Dass Thomas Müller ohne ironische Zwischentöne ein Spiel kommentiert, ist vielleicht noch nie vorgekommen. Im Double-Sieger-T-Shirt hätte er die Mixed Zone im Berliner Olympiastadion durchschreiten wollen an diesem Samstagabend, hätte selber noch ein paar Konfettischnipsel im Haar getragen und dabei den einen oder anderen süffisanten Gag eingestreut. Doch um kurz vor Mitternacht schmückte kein Feierleibchen seine Brust, es hing nur Enttäuschung in seinem Gesicht. "Es fühlt sich an wie eine eine Riesen-Riesen-Niederlage und ein Riesen-Riesen-Mist", sagte der 28-Jährige und meinte damit nicht nur dieses 1:3 gegen Eintracht Frankfurt und damit das verlorene Pokalfinale, sondern irgendwie die ganze Saison.

Dass er am Sonntag wieder auf dem Marienplatz in München eine Meisterfeier vor Fans absolvieren sollte, löste fast sichtbares Magengrummeln in ihm aus. "Jetzt stehen wir da mit gefühlt leeren Händen." Und es war klar: Wie sich der Schmerz durch die Münchner Seelen wühlte, nahm an diesem Abend erstaunliche Ausmaße an.

Der FC Bayern verliert ein Finale im Pokal, das hatte es zwar 2012 gegen Dortmund schon mal gegeben, gehört aber dennoch gefühlt zur Kategorie Weltwunder. Auf den Rängen hockten Präsident Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge mit abgesackten Mundwinkeln, in den Gängen des Olympiastadions taumelten die Spieler gebeutelt vom Rasen zur Umkleide. "Wir müssen uns heute nicht beschweren, zweiter Sieger zu sein", sagte Trainer Jupp Heynckes nach seinem nun endgültig letzten Spiel für die Münchner und es war wichtig, diesen Satz an diesem Abend festzuhalten.

Es hatten sich einige Debatten entsponnen nach dem Frankfurter Triumph, zunächst war der Videobeweis das Aufregerthema. Zweimal war er in der Schlussphase aktiviert worden, vor allem das Foul von Kevin-Prince Boateng in der 95. Minute an Javi Martinez im Strafraum regte die Münchner auf - weil es trotz technischer Überprüfung dann doch nicht geahndet wurde. Klarer Elfmeter, befanden sogar Boateng und sein Trainer Niko Kovac selber, die Bayern ohnehin. Man konnte die Sätze nun zusammensuchen, wie sich Müller über die Entscheidung ärgerte, wie Sportdirektor Hasan Salihamidzic haderte, wie Mats Hummels den Videobeweis sogar als Verlierer der Saison bejahte. Doch was ihnen selber meist als erstes entfuhr, war vor allem: Kritik an der eigenen Leistung.

"Heute haben wir den Titel nicht geholt, den wir hätten holen müssen, mit der Qualität, die wir haben", gab Hummels also zu, "wir hatten genug Chancen, auch mehr Tore zu schießen. Es hat an vielen Ecken und Enden dann gefehlt." Die Anfälligkeit bei Kontern war des Öfteren in der aktuellen Saison die Schwachstelle der Münchner gewesen, Frankfurt nutzte sie konsequent aus. "Es ist immer das Gleiche: Hinten machen wir die Fehler und vorne machen wir den Ball nicht rein", ärgerte sich Joshua Kimmich.

Sportdirektor Hasan Salihamidzic wählte noch die mildesten Worte an diesem Abend, kam aber auch gleich darauf zu sprechen, was die Münchner nun im Finale von den Frankfurtern unterschied: "Sie haben vielleicht ein bisschen mehr investiert als wir." Dass sie das Halbfinal-Aus in der Champions League gegen Real Madrid nachhaltig geprägt hatte, war schon bei den letzten Bundesliga-Partien zu sehen gewesen, aufrappeln konnte sich das Team davon nun nicht mehr. "Ein Radsportler legt auch seinen Höhepunkt auf die Tour de France", sagte Müller und gab das Offensichtliche zu: "Seit diesem Madrid-Spiel wurde uns dann so ein bisschen der Stecker gezogen. Im Nachhinein hätte man das professioneller abstreifen müssen. Aber es war nicht mehr die gleiche Attitüde, die wir zuvor hatten."

"Ab nächster Woche will ich wieder mein Leben genießen", sagt Jupp Heynckes

Während Kimmich und Co. den Saisonausgang nun als große Enttäuschung empfanden, wand sich Salihamidzic bei der Frage, ob man nun einen Titel zu wenig gewonnen hatte als großer FC Bayern. "Wenn man sieht, was im Oktober los war, haben wir eine sehr, sehr gute Saison gespielt", sagte er mit Blick auf die Verdienste von Jupp Heynckes, der eine nicht ganz so fitte Truppe in erstaunlichem Tempo wieder zum Dominator der Liga geformt hatte. Der Trainer hatte den Abend als Mischung aus vergebenen Chancen und fehlendem Glück erlebt, immerhin streifte der Ball auch zweimal die Latte der Frankfurter. "Man muss aber in so einem Spiel das Glück auch erzwingen, das haben wir heute nicht gekonnt."

Dass sich die Spieler des FC Bayern bis auf wenige Ausnahmen bei der Pokalübergabe an die Frankfurter schon ins Stadioninnere verabschiedet hatten, ließ sie später für manchen als schlechten Verlierer aussehen. "Da muss ich ganz ehrlich zugeben, dass in dem Moment die Spieler und ich sicher nicht dran gedacht haben", sagte Heynckes und machte mit seiner Anerkennung für die Frankfurter deutlich, dass böse Absicht in dem Moment keine Rolle spielte: "Ich möchte das nachholen und Eintracht Frankfurt zum Pokalsieg gratulieren. Die Eintracht ist ein würdiger Pokalsieger."

Auch für ihn wird der Gang auf den Münchner Rathausbalkon kein Ereignis, mit dem er sich nach dieser Nacht nun gerne verabschiedet, "aber das überstehen wir auch noch". Und dann bleibt ihm, was er auch ein bisschen vermisst hat in den vergangenen Monaten: Ruhe. "Man weiß mit 73 nicht, wie lange man noch zu leben hat. Ab nächster Woche möchte ich wieder mein Leben genießen."