FC Augsburg Lehrjahre in Augsburg

Hoch hinaus: Sergio Córdova (links, gegen Jorge Meré) hat beim FCA einen Fünfjahresvertrag erhalten. „Ich werde mich hier nicht nur als Spieler weiterentwickeln, sondern auch als Mensch“, kündigt er an.

(Foto: imago/Philippe Ruiz)

Stürmer Sergio Córdova, 20, wird nach den ersten Eindrücken als Transfercoup wahrgenommen. Er versteht sein Engagement als nachhaltiges Langzeitprojekt.

Von Maik Rosner

Sergio Cordova sitzt in einer Loge der Augsburger Arena. Er blickt auf jenen Rasen, auf dem er zuletzt zwei weitere Episoden seiner rasanten Entwicklung erlebt hat. Mit seinem ersten Bundesligator zum 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach bescherte er dem FCA den ersten Punkt der Saison. Gegen den 1. FC Köln am folgenden Spieltag traf er mit einem ähnlich eleganten Abschluss den Pfosten, ehe Alfred Finnbogason den Abpraller zum 3:0-Endstand verwertete. Zwei Momente, die banal klingen, die für Cordova aber sehr groß waren. Und die allein erahnen lassen, was in dem 20-Jährigen steckt.

So sehen sie das auch beim FC Augsburg, und Stefan Reuter ist vor dem dritten Heimspiel an diesem Dienstag (20.30 Uhr) gegen RB Leipzig immer noch begeistert, wie Cordova sein erstes Tor erzielte. "Das war grandios, wie er da an den ersten Pfosten läuft. Und so leicht war der Ball ja nicht", sagt der Geschäftsführer. "Auch mit welcher Wucht er anläuft und Bälle festmacht, ist schon außergewöhnlich für einen Spieler in dem Alter." Cordova spiele "trotz seiner jungen Jahre schon sehr intelligent".

Bei der U20-WM im Mai und Juni war er mit Venezuela bis ins Finale vorgestoßen

Übergeordnet misst Cordova seinem gelungenen Einstand trotz aller Freude nicht allzu viel bei. Er denkt über den Moment und den Fußball hinaus. Cordova guckt nun aus der Loge über das Stadiondach hinweg, als versuche er, die Zukunft zu erspähen. Dann sagt er: "Ich werde mich hier nicht nur als Spieler weiterentwickeln, sondern auch als Mensch." Es klingt wie ein festes Vorhaben.

Es gibt viele junge Spieler, die durch einen rasanten Aufschwung die Orientierung verlieren - und sich selbst im Trubel der neuen Aufmerksamkeit. Vor allem nach derartigen Wochen und Monaten, wie sie Cordova zuletzt erlebt hat. Bei der U20-WM im Mai und Juni war er mit Venezuela bis ins Finale vorgestoßen. In den drei Gruppenspielen zuvor hatte er vier Tore erzielt, eines davon beim 2:0 gegen Deutschland. Im Urlaub nach der WM erfuhr Cordova vom Interesse mehrerer Klubs, darunter von dem des FC Augsburg. Seinem gelungenen Einstand dort folgten seine ersten beiden Länderspiele für Venezuelas A-Nationalmannschaft beim 0:0 gegen Kolumbien und 1:1 in Argentinien. Das 1:0 in Buenos Aires bereitete er mit einem hübschen Steilpass vor. Auf der Gegenseite fluchte Lionel Messi. Mitte Mai war Cordova noch ein unbekanntes Talent von vielen. Jetzt kennt ihn jeder Fußballfan in Venezuela. Doch er scheint damit äußerst geerdet umzugehen.

In der Provinzstadt Calabozo kam Cordova in sehr bescheidenen Verhältnissen zur Welt. 2013 wechselte er von dort aus zum Caracas Futbol Club in die Hauptstadt. Im Februar 2016 gab er dort sein Profidebüt. Dann kam die U20-WM. Das Turnier war "wie ein Sprungbrett für mich", sagt Cordova. Im Juli unterschrieb er beim FCA einen Fünfjahresvertrag bis 2022. Er begreift dieses langfristige Engagement jedoch nicht als Hauptgewinn, sondern vor allem als Chance. "Ich möchte so viel wie möglich lernen", sagt Cordova. Wenn er von seinen Anfängen erzählt, erklärt sich sein Leitmotiv. "Das sind Momente, die man nicht vergisst, auch wenn man in den großen Fußball nach Europa kommt. Mein Start war nicht leicht", sagt Cordova und erzählt, seine Familie "hatte nie genug Geld, um mir Schuhe zu kaufen". Auch wegen solcher Erfahrungen ist er gekommen, um zu lernen.

In der Bundesliga wird er inzwischen als Coup wahrgenommen, als weiterer pfiffiger Transfer des FC Augsburg. Die rund eine Million Euro Ablöse sind ein Schnäppchenpreis im Vergleich zu jenen Summen, die derzeit auf dem Transfermarkt bewegt werden. Beim FCA sind sie schon ein bisschen stolz auf ihre Entdeckung. Bereits vor der U20-WM, erzählt Reuter, habe man Cordova übers Videoscouting des südamerikanischen Marktes im Blick gehabt. Über den Halb-Chilenen Matthias Kipke, neben seiner Rolle als Scout derzeit auch als Dolmetscher und Alltagshelfer für Cordova gefragt, wurde ein erster Kontakt zu dessen Beratern aufgebaut. Bei der U20-WM sammelte Kai-Hagen Semmler, mit dem Augsburgs Chefscout Stephan Schwarz schon in Hoffenheim zusammenarbeitete, weitere Eindrücke von Cordova. "Dass er jetzt bei uns spielt, hat auch damit zu tun, dass wir eine gute Scouting-Abteilung haben", lobt Trainer Manuel Baum.

"Immer, wenn ich vom Deutsch- Unterricht komme, gehe ich mit Kopfschmerzen nach Hause."

Dass Cordova beim FC Augsburg gelandet ist, hat mit dem langfristigen Weg zu tun, den ihm der Bundesligist aufzeigte. "Ich hatte auch Angebote aus anderen Ligen, aus Spanien, Mexiko und Griechenland. Aber dort ging es darum, dass ich sofort hätte funktionieren müssen", erzählt Cordova. Beim FCA habe ihm die Herangehensweise gefallen. "Hier wurde mir ein nachhaltiger Weg aufgezeigt, und dass man mir die Zeit geben wird, hier erst einmal richtig anzukommen, die Sprache zu lernen, die Kultur kennenzulernen, mich an das Spiel zu gewöhnen." In einer der stärksten Ligen der Welt "Zeit zu bekommen, um mich entwickeln zu können, hat für mich den Ausschlag gegeben".

Als "zielstrebig, lernwillig und wissbegierig" und "vernünftigen Jungen" hat Baum den 1,88 Meter großen Angreifer kennengelernt. Sogar vor den Spielen, erzählt der Trainer, sitze Cordova noch über seinem Deutschbuch. Vielleicht auch vor seinem dritten Heimauftritt gegen Leipzig, in dem er voraussichtlich wieder als Einwechselspieler zum Einsatz kommen wird. Die neue Sprache scheint ihm deutlich mehr Probleme zu bereiten als die Umstellung auf die Bundesliga. "Immer, wenn ich vom Deutsch-Unterricht komme, gehe ich mit Kopfschmerzen nach Hause", sagt Cordova. Er lächelt. Denn er weiß ja, dass er in Augsburg auch fürs Leben lernt.