FC Augsburg Eine Karte in Liverpool

Das einzige Tor, das im Europa-League-Duell Augsburg gegen Liverpool fiel, war ein Handelfmeter, den James Milner in Minute fünf verwandelte.

(Foto: Carl Recine/Reuters)

Nach Abschluss der ersten Europacup-Tournee des FC Augsburg bleibt der Stolz auf das Erreichte, aber auch die Sorge um den Klassenerhalt.

Von Kathrin Steinbichler, Liverpool

Minutenlang hatten die Profis des FC Augsburg noch auf dem Rasen gestanden, staunend und erschöpft, und das Spektakel mit Augen und Ohren aufgesogen. Markus Weinzierl war wie seine Spieler vor dem Gästeblock in die Knie gegangen, er lauschte den rund 3000 Augsburger Fans, die im längst geleerten Stadion an der Anfield Road einfach nicht aufhören wollten, diesen Abend und ihre Mannschaft zu feiern. "Wahnsinn", meinte er später, "so etwas vergisst du nicht."

0:1 verlor der FCA sein Europa-League-Rückspiel beim FC Liverpool, trotz der Niederlage aber hatte Manager Stefan Reuter in diesen Minuten nach dem Schlusspfiff "Gänsehaut pur". Schließlich riss der Weltmeister von 1990 sich los, um vom Rasen Richtung Kabine zu gehen, und hatte sichtlich damit zu tun, seine Gefühle zu sortieren. "Das war ein grandioses Erlebnis für unsere Mannschaft", meinte Reuter. "Schade eigentlich, dass es vorbei ist."

An den Fakten des Abends aber ließ sich nichts ändern: Den Schwaben fehlte einfach ein Tor. Und so ist für das kleine Augsburg, das in seinem gerade mal fünften Jahr als Bundesligist erstmals international antreten durfte, die Zeit der sportlichen Kontinentalreisen wieder vorbei. Und das, obwohl die von etlichen Verletzungsausfällen geplagte Mannschaft bis zur letzten Minute an der Überraschung gearbeitet hatte.

"Chancen waren bis in die Schlussphase da, es war möglich weiterzukommen", sagte Weinzierl und schob nach: "Wir haben eine super Visitenkarte abgegeben und ziehen Stolz und sehr viel Selbstvertrauen aus unseren Europa-League-Auftritten." Noch in der Nacht konnte der 41-Jährige dem Europa-Aus auch etwas Positives abgewinnen: "Immerhin können wir uns jetzt mit aller Kraft auf die Bundesliga konzentrieren." Am Sonntag (15.30 Uhr) geht es mit dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach weiter mit dem Ligaalltag, in dem der FCA mit nur vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz weiter im Abstiegskampf steckt.

FCA-Torwart Marwin Hitz hielt, was zu halten war

Weinzierls Mannschaft aber hatte in Liverpool erst einmal damit zu tun, die Enttäuschung zu verarbeiten. "Es war ein großer Fight von uns", sagte Flügelspieler Tobias Werner, "die Chancen waren da." Der von Jürgen Klopp trainierte FC Liverpool war nicht der gefürchtete Gegner, zu dem der ehemalige Dortmunder die Reds wieder machen soll. Klopp, der mit Liverpool am Sonntag im Londoner Wembley Stadion im englischen Ligapokal-Finale gegen Manchester City um seinen ersten Titel auf der Insel spielt, wusste das auch. Der FCA sei "ein unglaublich schwer zu spielender Gegner", lobte Klopp, und habe seine Elf in den letzten 20 Minuten, in denen der im Hinspiel leicht verletzte Raúl Bobadilla ins Spiel kam, gehörig unter Druck gesetzt. "Der Job, den sie machen, auch mit den ganzen Verletzten - das ist außerordentlich gut. Augsburg kann extrem stolz drauf sein, was sie gerissen haben."

Der Handelfmeter, den James Milner früh zur Führung nutzte (5.), war eine regelkonforme, aber schmeichelhafte Entscheidung gewesen. Augsburgs Dominik Kohr hatte nach einer Ecke den Ball von seinem FCA-Kollegen Caiuby leicht an die Hand geköpfelt bekommen, als er zum Zweikampf nach oben sprang. Eine unglückliche Aktion, die den Verlauf des Spiels prägen sollte: Der FCA musste jetzt früher als geplant die Offensive suchen, Liverpool wusste das auszunutzen und drängte vor allem über die spielstarken Brasilianer Coutinho und Firminho immer wieder vor das Tor. Dass Liverpool trotz guter Gelegenheiten bis zum Schluss um seinen knappen Vorsprung bangen musste, lag vor allem an Marwin Hitz.

Der Schweizer Nationaltorhüter fischte weg, was zu halten war, und wehrte auch Bälle ab, die das Publikum bereits im Tor gesehen hatte. "Marwin spielt eine sensationelle Saison", urteilte Manager Reuter über den Mann, den weiter in Augsburg zu halten bald schwer werden dürfte. "In der momentanen Form kann man auf Marwin nur schwer verzichten", sagte Tobias Werner. Gut möglich aber, dass der FCA gegen Mönchengladbach neben seinen etlichen Verletzten auch Hitz ersetzen muss. Der berechnete Geburtstermin für Hitz' zweites Kind mit seiner Frau Patricia ist bereits überschritten, und Hitz hat sich ausbedungen, bei der Geburt dabei zu sein. "Sobald es heißt: ,Das Kind kommt', bin ich weg", sagte Hitz, "das ist so besprochen." Der Torhüter flog deshalb in der Nacht nach dem 0:1 in einem der vom FCA gecharterten Fanflieger zurück nach Augsburg. Für ihn könnte gegen Gladbach der Österreicher Alexander Manninger ins Tor rücken.

Das Erlebnis Liverpool "müssen wir jetzt schnell aus dem Kopf kriegen", mahnte Werner, "es stehen wichtige Aufgaben an." Die Mannschaft und Trainer Weinzierl, über dessen Abschied im Sommer weiter spekuliert wird, wollen die erste Europasaison des Vereins nicht als Absteiger aus der Bundesliga beenden. "Wir freuen uns jetzt über das Erreichte", meinte Weinzierl, "und dann konzentrieren wir uns auf Gladbach."