Dressurreiten Samba wie einst mit Gigolo

Reiterin ohne Pferd: Während Siegerin Isabell Werth ihre Ehrenrunde standesgemäß hoch zu Roß absolviert, ist Jessica von Bredow-Werndl, die Dritte, lieber zu Fuß unterwegs. Ihr Hengst wird in der Nähe von Weihegold unruhig.

(Foto: Stefan Lafrentz/imago)

Isabell Werth weist ihre Herausforderin in die Schranken und gewinnt auf Weihegold zum vierten Mal den Weltcup.

Von Gabriele Pochhammer, Paris

Täuscht der Eindruck, dass Isabell Werth umso besser ist, je größer der Druck ist, der auf ihr lastet? Dass die Mobilisierung der letzten Adrenalinreserven genau den kleinen Unterschied ausmacht, den Energieschub für die höchste Stufe auf dem Podium? Auf Weihegold gewann Werth in Paris ihren vierten Weltcup. Im Grand Prix hatte es noch so ausgesehen, als ob es der US-Reiterin Laura Graves, 28, tatsächlich gelingen könnte, die Dressurikone Isabell Werth in die Schranken zu weisen. Mit deutlichem Abstand gewann sie auf Verdades die Vorprüfung (81,413 Punkte) vor Werth (78,261). Aber deren 13 Jahre alte Oldenburger Stute Weihegold hatte sich einige Fehler zuschulden kommen lassen. "Dann kann man auch nicht gewinnen", sagte die 58 Jahre alte Werth nüchtern und hakte die Prüfung ab.

Bei der entscheidenden Musikkür am Samstag fingen alle Konkurrenten wieder bei Null an. Das Duell der beiden Spitzenreiterinnen eröffnete Graves als viertletzte Starterin. Unterschiedlicher als der 16 Jahre alte Verdades und Weihegold können zwei Pferde nicht sein. Der holländische Wallach mit den knochigen Hüften und dem großen Kopf erinnert an eines dieser Kutschpferde auf alten Stichen. Sie hießen Karossiers, machten viel her und konnten die Beine gewaltig vom Boden reißen. Ihr stolzes Auftreten verschaffte dem Besitzer beim Publikum der vormotorisierten Zeit ähnliche Bewunderung wie heute ein aufheulender Ferrari. Verdades' Mutter war von diesem alten Schrot und Korn, ihre Gene leuchten beim Sohn aus jedem Schweifhaar. Wenn er durchs Viereck trabt, scheint er kaum den Boden zu berühren; er hat Kraft genug, endlos zu piaffieren und im Paradetritt zu passagieren. Das kann Weihegold auch, aber im starken Trab und auch im starken Galopp, also in höherem Tempo, sind ihr andere Pferde voraus.

Die Kür von Laura Graves war ausgefeilt und schwieriger als noch ein Jahr zuvor. Das wird durch ein neues Wertungssystem honoriert, und mit 89,082 Prozent erreichte sie ein neues persönliches Bestergebnis. Die Note galt es für Werth und Weihegold zu schlagen. Zu bekannten Schlagern reihten sich schwierigste Lektionen aneinander wie Perlen auf der Schnur: Piaffe-Pirourette rechts herum und links herum, mit fließenden Übergängen. "Tanze Samba mit mir", klang es zum Galopp, auch dieser Teil war mit Schwierigkeiten gespickt wie etwa 21 Galoppwechseln von rechts nach links aneinander. Weihegold tanzte durchs Programm, aufmerksam und mit dieser Leichtigkeit, die man einem Pferd wohl nicht beibringen kann - die muss es mitbringen. 90,657 Prozent war die Belohnung für eine Kür, die, was die wenigsten wussten, bis auf kleine Änderungen dieselbe war, mit der Werth einst auf Gigolo Olympiasiegerin und Weltmeisterin geworden war. "Weihe war heute ganz bei mir", sagte Werth strahlend und ließ den Schampus-Korken knallen.

Ihr Hengst Unée sei "schwer verliebt in Weihegold", verrät Jessica von Bredow-Werndl

Glückliche Dritte wurde Jessica von Bredow-Werndl auf Unée. Nach einem kleinen wackligen Moment am Anfang war der 17 Jahre alte Rapphengst ganz bei der Sache, obwohl ihm durch die aufgeladene Atmosphäre der bis auf den hellen Vierecksand in tiefes Schwarz getauchten Halle der Schweiß ausbrach. "Er wurde von Sekunde zu Sekunde besser, obwohl er in der Arena echt Angst hatte," sagte die Reiterin. Schon vorher hat sie angekündigt, dass dies das letzte Weltcupfinale für Unée sein würde. Für den Hengst war es das vierte Finale, sogar fünfmal war er qualifiziert gewesen, doch 2017 erlitt er auf der Fahrt zum Flughafen eine Kolik. Nun erreichte er zum dritten Mal einen Podiumsplatz. Bei der Siegerehrung verließ Jessica von Bredow-Werndl zu Fuß die Halle, Unée war bereits vorher herausgeführt worden. "Es ist schwer verliebt in Weihegold" verriet die Reiterin. Wenn er die schicke Pferdedame sehe, könne sie ihn kaum noch bändigen, und das wird dann schon mal gefährlich. Diese Pferdeliebe wird wohl unerfüllt bleiben, denn Weihegold nimmt zwar jetzt eine Auszeit für die Zucht, aber ihren Partner kann sie sich nicht aussuchen. Ihr sportlicher Einsatz ist bis zu den Olympischen Spielen in Tokio 2020 gesichert, Werths Mäzenin Madeleine Winter-Schulze hat die Stute gerade für zwei weitere Jahre geleast.

Mit einer Panne begann die Weltcup-Premiere für die dritte deutsche Reiterin, Dorothee Schneider und Sammy Davies Junior: Die Musik blieb stumm. Es dauerte einige nervtötende Minuten, bis die Techniker wieder alles im Griff hatten. Die erfahrene Mannschafts-Olympiasiegerin von 2016 blieb ganz ruhig und legte mit ihrem noch nicht allzu erfahrenen Pferd eine elegante, schwungvolle, aber nicht fehlerlose Prüfung hin: Platz fünf. Als sich Bundestrainerin Monika Theodorescu am Abend ins Auto für die sechsstündige Heimfahrt nach Westfalen setzte, konnte sie sagen: Mission erfüllt, Dressur-Bastion verteidigt.