Doping Leichtathletik steht am Abgrund

Umstrittener Weltrekord: Auch die Marathon-Bestmarke von Großbritanniens Spitzenläuferin Paula Radcliffe (2:15,25 Stunden) wird angezweifelt.

(Foto: Ian Walton/Getty Images)
  • Der Weltverband IAAF soll seit langem von massivem Doping in Russland gewusst haben.
  • Weltweit stehen 12 000 verdächtige Blutproben zur Disposition.
  • Am Donnerstag werden in der Pressekonferenz der Wada in Unterschleißheim bei München weitere Enthüllung erwartet.
Von Michael Gernandt

Die beschauliche Gemeinde Unterschleißheim kann sich darauf ein-stellen, am Donnerstag selbst in entlegenen Ecken des Globus Erwähnung zu finden. Denn internationale Medien, die es dann in den Landkreis München verschlägt, glauben Fakten von bisher nicht gekannter Brisanz geliefert zu bekommen, Fakten aus einer zerrütteten Welt des Sports. Als Lieferant der News tritt in der Provinz die in Montréal (Kanada) ansässige Welt-Antidoping-Agentur (Wada) auf, genauer: die von Dick Pound, Agentur-Präsident von 1999 bis 2007 und IOC-Mitglied seit 1978, geleitete unabhängige Wada-Kommission zur Untersuchung des Dopingskandals in Russland. Außer Pound ermittelten der Sportrechtsexperte Richard McLaren aus Kanada sowie Günter Younger, Kriminaldirektor im LKA Bayern.

Bereits der erste öffentliche Auftritt der Gruppe im November 2015 war einher gegangen mit einem weltweit vernehmbaren Paukenschlag. Damals legte Dick Pound in Genf Teil eins des Berichts über die vom russischen Sport erheblich behinderten Recherchen vor. Er bestätigte die im Dezember 2014 in der ARD gesendete Doku über staatlich gefördertes Doping in der russischen Leichtathletik und dessen Vertuschung. In der Folge wurde die russische Organisation Araf - als erster Nationalverband überhaupt - vom Leichtathletik-Weltverband IAAF unbefristet suspendiert.

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(Angeblich, vermeldete die US-Nachrichtenagentur AP am Dienstag unter Berufung auf interne Dokumente des Leichtathletik-Weltverbands, habe die IAAF pikanterweise schon 2009 vom massiven Doping in Russland gewusst. Funktionäre hätten offensichtlich mit dem russischen Verband zusammengearbeitet, um das Ausmaß des Blut-Dopings vor den Olympischen Spielen 2012 in London zu vertuschen.)

Anfang Januar 2016 legte zudem die Ethikkommission der IAAF unter dem britischen Anwalt Michael Bellof die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu Korruption in der IAAF auf den Tisch. Sie gipfelten in lebenslangen Sperren wegen Erpressung im ebenfalls von der ARD enthüllten Fall der gedopten Marathonläuferin Lilia Schobukowa (konnte sich gegen 450 000 Euro reinwaschen), und zwar für Valentin Balachnitschew, Araf-Chef und Ex-Schatzmeister der IAAF, für Alexei Melnikow, Araf-Cheftrainer, sowie für IAAF-Marketing-Mitarbeiter Papa Diack, Sohn des früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack (1999 - 2015); Gabriel Dolle, Antidopingchef des Weltverbands, erhielt fünf Jahre. Die Ethiker erklärten, die vier hätten "unehrlich und korrupt gehandelt und dem Sport bisher nicht da gewesenen Schaden zugefügt".

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Pounds Schlusswort zu Report eins lautete: "Das war nur die Spitze des Eisbergs". Der angeblich noch aufregendere Report zwei soll zeigen, wie es unter der Oberfläche aussieht und "weitere Details liefern zu Korruption und Bestechungspraktiken auf dem höchsten Niveau der internationalen Leichtathletik" (Wada).