Doping im Radsport Der Kronzeuge, den niemand hören wollte

Betroffener der Schiedsklausel: Rad-Profi Patrik Sinkewitz häufte vor der Sportgerichtsbarkeit horrende Kosten an.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)
  • Der deutsche Radprofi Patrik Sinkewitz wollte der zuständigen Kommission des Weltradsportverbands (UCI) Details über die Verstrickung des Verbands in Sachen Doping berichten.
  • Die Kommission ließ die Anhörung platzen. Offenbar bestand kein Interesse an Sinkewitz' Informationen.
  • Das nährt den Verdacht, der UCI könnte es mit der Aufarbeitung von Dopingvorwürfen nicht allzu ernst gemeint haben.
Von Thomas Kistner

Im März 2015, rund vier Monate vor dem Start der Tour de France, feierte sich der Radsport für eine vermeintlich gelungene Selbstreinigung: Brian Cookson, der neue Präsident des Weltverbands UCI, veröffentlichte den 227-seitigen Bericht der sogenannten Circ-Kommission. Die unabhängige Expertengruppe sollte aufklären, inwieweit auch UCI-Verantwortliche in der Zeit des Rad-Dominators Lance Armstrong Doping gedeckt oder unterstützt haben. Insbesondere Cooksons Vorgänger an der UCI-Spitze kamen gar nicht gut weg.

Doch nun enttarnt der deutsche Radprofi Patrik Sinkewitz, 34, den Circ-Report als zumindest in Teilen groß angelegte Alibi-Veranstaltung: Allzu genau wollten es die Circ-Leute nämlich offenbar nicht wissen, was im Radsport-Milieu in Sachen Doping lief und bis heute läuft.

Details? - Kein Interesse

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Samstagsausgabe) schildert Sinkewitz, wie er selbst der Kommission brisantes Wissen angeboten hat. Er habe "sehr konkrete Fakten aus der Vergangenheit und Gegenwart" aussagen wollen, berichtet Sinkewitz, "die sicherlich auch für heute Auswirkungen hätten. Und auch Dinge, die Akteure der UCI und die Arbeit von Laboren angeht, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur akkreditiert sind".

Doch kurz nach Sinkewitz' Angebot, umfassend auszupacken, brach der Kontakt plötzlich ab. Sollte die Circ Aufklärung also nur simulieren? Wollte sie deshalb lieber gar nicht wissen, was Sinkewitz an heiklen Dingen zu berichten hat? "Schlimm ist, dass es wohl so ist", sagt Sinkewitz im SZ-Interview.

Dabei schien die Kommission anfangs noch ganz heiß auf Sinkewitz' Insiderwissen zu sein: "Die Kommission hat mich im Juni 2014 kontaktiert und angefragt, ob ich mich mit den Leuten der Circ treffen könne", berichtet Sinkewitz über den Ablauf. " Das habe ich gleich bejaht. Im August gab es dann Telefonate mit der Circ-Kommission. Die Circ wusste von diesem Zeitpunkt an, über welche konkreten Themen ich berichten wollte und wie ich ihre Aufklärungsarbeit unterstützen könnte. Weil mein Angebot, worüber ich alles aussagen wollte, Wichtiges und auch Aktuelles betraf, war die Circ erst sehr interessiert." Zunächst.

Doch kurz darauf, noch im August 2014, sei "der Kontakt plötzlich abgebrochen. Ich habe dann über Wochen immer wieder versucht, eine Rückmeldung zu erhalten, schriftlich und telefonisch. Erst Ende November hat die Circ sich dann wieder gemeldet, auf mein massives Drängen hin, wollte sich dann aber nicht mit mir in Deutschland treffen. Das war es."

Die EX-Mitglieder der Kommission schweigen

Nachdem die Circ erst einmal monatelang abgetaucht war, ist eine Befragung laut Sinkewitz also an der Frage gescheitert, wo man sich trifft. An der Frage von Terminen und Reisekosten. Dabei stand der Circ für ihre Doping-Aufklärung ein Etat von 2,4 Millionen Euro zur Verfügung. "Das macht es ja so unverständlich", sagt Sinkewitz.

Der deutsche Jurist Ulrich Haas, in der sportrechtlichen Welt in vielerlei Funktionen aktiv, bildete mit dem Schweizer Politiker Dick Marty und dem früheren australischen Offizier Peter Nicholson die "Cycling Independent Reform Commission", also die Unabhängige Kommission zur Radsport-Reform. Haas schweigt auf SZ-Anfrage zu den Vorwürfen; er sieht sich an eine Vertraulichkeitserklärung gebunden und argumentiert darüber hinaus, dass die Kommission gar nicht mehr existiere. Die UCI wiederum teilt mit, sie sei überzeugt, dass im Circ-Bericht alle relevanten Informationen enthalten seien. Die Frage, ob es konkrete Konsequenzen gab, beantwortet sie nicht.

Dabei hat Sinkewitz nach eigener Aussage sogar UCI-Präsident Brian Cookson persönlich über die für ihn unverständliche Hinhaltetaktik der Circ informiert. "Er hat nur geantwortet, dass die Circ unabhängig arbeitet und dass er als Präsident der UCI seit Amtsantritt nicht in Anti-Doping-Themen eingebunden wird", berichtet Sinkewitz der SZ.

Sinkewitz glaubt nicht an eine Veränderung der Doping-Mentalität

Der 34 Jahre alte Radprofi aus Fulda fuhr 2006 und 2007 für das Team T-Mobile. Seinen Dopingfall 2007 nahmen ARD und ZDF zum Anlass, die Live-Übertragung von der Tour de France zu beenden. Sinkewitz stellte sich danach als Kronzeuge zur Verfügung und half bei der Aufklärung, 2009 konnte er in den Radsport zurückkehren. Doch 2011 wurde er erneut gesperrt - man fand Wachstumshormon in einer Dopingprobe von ihm. Diesmal beteuert Sinkewitz allerdings seine Unschuld und geht auf mehreren Ebenen gegen die Sperre des Internationalen Sportgerichtshofs Cas vor.

Dass sich in Sachen Doping-Mentalität im Radsport Grundsätzliches verändert hat, glaubt er nicht: "Vom Radsport-Weltverband UCI über die Tour-Organisation bis zu den Rennställen - der ganze Radsport hat sich eigentlich nicht spürbar verändert. Außer den Parolen über eine neue, saubere Generation, aber die gibt es jetzt auch schon seit 17 Jahren." Seine aktuellen Erfahrungen mit Circ und UCI geben Sinkewitz auch keinen Anlass zur Hoffnung auf Veränderung. Sein frustriertes Fazit: "Ich möchte mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Warum sollte ich dort noch Vertrauliches abladen? Niemals mehr, denn es würde eh nichts passieren. Das alles war und ist ein schlechter Witz."

Das gesamte Interview mit Patrik Sinkewitz mit SZplus lesen.

"Das ist ein schlechter Witz"

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