Datenprojekt zur Vergabe von Sportgroßereignissen Wie Mächtige den Sport missbrauchen

So soll es 2022 in Katar aussehen: Simulation eines der WM-Stadien

(Foto: Albert Speer & Partner GmbH / Visualisierung: hhvision /dpa)

Katar darf acht Weltmeisterschaften ausrichten, Russlands Präsident Putin missbraucht Spiele als Machtinstrument: Ein SZ-Projekt zeigt, wie sich der Sport verändert - und wie die Funktionäre mitspielen.

Von Lisa Sonnabend (Daten und Text), Thomas Block und Salvan Joachim (Grafiken)

Was mit Geld alles möglich ist, demonstrierte Katar der Welt eindrucksvoll bei der Handball-WM im Januar. Die Nationalmannschaft, für die Spieler aus aller Welt gekauft wurden, stürmte bis ins Finale. Die neu errichteten Arenen glänzten. Solche Bilder werden in Katar künftig häufiger zu sehen sein. Denn in drei Monaten trägt der Wüstenstaat die WM im Amateurboxen aus, 2016 folgt die Straßen-WM im Radfahren, 2018 messen sich dort die besten Turner. 2019 soll bei der Leichtathletik-WM in Katar ein neuer Weltrekord im 100-Meter-Lauf fallen. Der Höhepunkt steht 2022 an: die Fifa-WM in einem Land ohne Fußballtradition. Das Sportgeschäft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert - wie sehr, hat SZ.de in einem Datenprojekt analysiert.

Freie, teilweise freie und unfreie Länder

Wie hat sich die Sportwelt verändert? SZ.de hat in einem Datenprojekt untersucht, in welche Länder die Verbände die Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele seit 1970 vergeben. Berücksichtigt wurden 1360 Veranstaltungen in allen olympischen Sportarten. Um zu erkennen, ob es tatsächlich einen Trend zu umstrittenen Gastgebern gibt, wurde der Index "Freedom in the World" der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Freedom House herangezogen. Dieser misst den Grad an Demokratie und Freiheit in den Staaten und unterteilt diese in drei Kategorien: frei, teilweise frei und unfrei. Reisen Sportler zu einem Wettkampf in einem unfreien Land, können sie davon ausgehen, dass Menschenrechte und Meinungsfreiheit dort nicht geachtet werden.

  • Spiele gehen immer häufiger an umstrittene Gastgeber

Die Entscheidung wird dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) im Juli nicht leicht fallen. Für die Olympischen Winterspiele 2022 gibt es nur zwei Bewerber: China geht mit Peking ins Rennen, Kasachstan versucht es mit Almaty. Wem sollen die IOC-Mitglieder ihre Stimme geben? Meinungs- und Pressefreiheit werden in beiden Länder nicht geachtet, Homosexuelle werden diskriminiert, politische Gegner unterdrückt. Der Index "Freedom in the World" führt sie als unfreie, also undemokratische Staaten.

Doch auch wenn das IOC und andere Weltsportverbände bei Vergaben von Sportereignissen die Wahl zwischen Diktatur und Demokratie haben, entscheiden sie sich immer häufiger für den umstrittenen Gastgeber. Fast 25 Prozent aller großen Sportereignisse zwischen 2010 und 2019 finden nicht in Demokratien statt. Im Jahrzehnt zuvor wurden lediglich 15 Prozent der großen Events an autoritäre Staaten vergeben, in den neunziger Jahren nur elf Prozent.

  • Politisch motivierte Siebzigerjahre

Die Daten zeigen auch: Schon in den siebziger Jahren mussten Sportler sehr oft in undemokratische Länder reisen. Jugoslawien und die Sowjetunion bekamen häufig den Zuschlag. Auch das Franco-Spanien und das Militärjunta-Argentinien durften sich der Welt mehrmals als Gastgeber präsentieren, die DDR trug 1973 die Rodel-WM und ein Jahr später die Handball-WM der Männer aus und Nordkorea veranstaltete 1979 die Tischtennis-WM. 28 Prozent der Sportereignisse in den siebziger Jahren wurden in unfreien oder teilweise freien Staaten abgehalten - mehr als in diesem Jahrzehnt.

Die Vorliebe für fragwürdige Gastgeber war in Zeiten des Ost-West-Konflikts dabei vor allem politisch bedingt. Im IOC und den anderen Weltverbänden saßen viele Sportfunktionäre aus den Ostblockstaaten - und stimmten häufig für ihre Heimat oder befreundete Länder. Nach dem Zusammenbruch von Sowjetunion und Jugoslawien waren die Nachfolgestaaten jahrelang nicht in der Lage, Großereignisse auszurichten. Auch die Machtgefüge in den Weltverbänden verschoben sich.

Obwohl die Funktionäre die Wahl hätten, votierten sie weiterhin für umstrittene Länder - und taten dies in den vergangenen Jahren wieder häufiger. Statt politischer Beziehungen spielen nun vor allem kommerzielle Interessen eine Rolle. Die Folge: Viele Weltmeisterschaften finden nun in China, Russland oder Katar statt. Denn dort gibt es zwar keine Meinungsfreiheit, aber dafür jede Menge Geld.

  • Umstrittener Höhepunkt im Jahr 2014

Besonders eklatant war die Situation 2014 - nie kamen so viele umstrittene Gastgeber zum Zuge wie in jenem Jahr. Russland richtete nicht nur die Olympischen Winterspiele in Sotschi sondern auch die Weltmeisterschaften im Kanu, Judo und Fechten aus. In China versammelten sich die besten Curler und Turner der Welt - und auch Kasachstan, Usbekistan, Weißrussland und Katar wurden mit großen Sportveranstaltungen bedacht. Nur noch in 60 Prozent aller Fälle reisten Sportler zum Wettkampf in ein freies Land. Schöne neue Sportwelt.