Der VfL Wolfsburg gewinnt das Topspiel der Bundesliga gegen den FC Bayern mit 5:1 (1:1) - und ist nun ernsthaft gefährdet, in dieser Saison Deutscher Meister zu werden.
Felix Magath saß auf seinem Platz auf der Wolfsburger Bank und lächelte. Er stubste seinen Banknachbarn an, winkte den Fotografen zu, dann lehnte er sich zurück - als wäre er Gast in der VIP-Loge bei diesem Spitzenspiel und nicht Trainer des VfL Wolfsburg. Es hätte nur gefehlt, dass ihm jemand ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee vorbeibringt. "Wir können nur gewinnen", hatte er vor dem Spiel gegen den FC Bayern gesagt. Er fügte jedoch hinzu, dass ein Sieg "eine außerordentliche Genugtuung" für ihn wäre.
Das Tor des Spieltags - vielleicht sogar des Jahres: der Wolfsburger Grafite zum 5:1. (© Foto: AP)
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Beide Vereine hatten diese Partie als Schlüsselspiel für die restliche Saison ausgerufen. Diese Begegnungen sind oftmals lange Zeit so interessant wie Kaugummikauen auf Valium - um dann steht es plötzlich innerhalb von einer Minute nicht mehr 0:0, sondern 1:1. So war es auch bei diesem Spiel, bei dem der größte Aufreger der ersten 44 Minuten die Nachricht des Zwischenergebnisses aus Berlin war - und dann plötzlich zwei Tore fielen.
Nur 15 Meter von Magath entfernt saß Jürgen Klinsmann. Ein wenig ernst blickte er drein, er sah ein wenig so aus, als hätte ihm gerade jemand mitgeteilt, dass es heute noch regnen würde. Es war aber eher eine Szene, die sich nach 150 Sekunden auf dem Spielfeld ereignete, die den Trainer des FC Bayern sorgte. Sein Kapitän Mark van Bommel hatte für ein ruppiges Foul die gelbe Karte gesehen und wurde so seiner wichtigsten Eigenschaft beraubt, der rustikalen Aggressivität.
Überhaupt hatte es zu Beginn der Begegnung den Anschein, als wollten die Spieler beider Mannschaft den Rekord für die meisten Fouls in den ersten Minuten einer Bundesliga-Partie brechen. Es wurde gezupft, gehalten, getreten und gemosert. Aufgrund der frühen Verwarnung van Bommels tat sich deshalb Lucio als Zupfer, Halter und Moserer hervor, immer wieder diskutierte er mit Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer über dessen Entscheidungen.
Lucios Kollegen kombinierten derweil schnell durch das Mittelfeld und erspielten sich bereits nach wenigen Minuten erste Gelegenheiten. Philipp Lahm etwa flankte in der fünften Spielminute in den Strafraum, dort unterstrich Bastian Schweinsteiger jedoch, dass beim FC Bayern nur Zé Roberto noch größere Schwächen beim Kopfballspiel hat.
Die Spieler des VfL Wolfsburg gaben zunächst die interessierten Zuseher, es hätte wie bei Magath nur gefehlt, dass jemand Tee und ein bisschen Kuchen vorberibringt. Die Defensive verschob gelassen und klug - und achtete stets darauf, dass Frank Ribéry von mindestens zwei Gegenspielern attackiert wurde. Weil dadurch, wie FC-Bayern-Manager Uli Hoeneß schon in der Hinserie bemerkte, "immer ein anderer frei sein muss", war es vor allem Bastian Schweinsteiger, der die Angriffe der Münchner inszenierte. Vorne gab Luca Toni den Wandspieler, um den Stürmerkollege Lukas Podolski emsig herumwuselte und Bälle forderte. Schweinsteiger ist jedoch nicht Ribéry und Podolski nicht Miroslav Klose, so dass aus den Spielzügen kaum Torgelegenheiten entstanden.
Die erste zwingende Torchance hatten indes die Wolfsburger. Nach einem schnell vorgetragenen Konter passte Sascha Rieter auf Edin Dzeko. Der war 14 Meter vor dem Tor wohl so überrascht, dass ihn kein Bayern-Spieler am Torschuss hindern wollte, dass er den Ball nur mit der Fußsohle striff und Philipp Lahm kurz vor der Torlinie klären konnte.
Es war wohl die Angst aller Spieler in der ersten Halbzeit davor, in dieser Begegnung zurückzuliegen, dass kaum ein Akteur es wagte, ein riskantes Dribbling zu starten oder einen gefährlichen Pass zu spielen. So war es kaum verwunderlich, dass der Führungstreffer für Wolfsburg nicht nach einer Kombination aus dem Spiel heraus, sondern nach einem Eckball entstand. Luca Toni duckte sich und Lucio hielt zu Christian Gentner einen Sicherheitsabstand von zwei Metern, so dass der Wolfsburger aus fünf Metern ins Tor köpfen durfte.
Auch der Ausgleich nur wenige Sekunden später fiel nach einer Standardsituation. Einen Kopfball von Lucio konnte Torhüter Diego Benaglio auf der Linie oder knapp dahinter abwehren. Luca Toni war der einzige Spieler auf dem Platz, der sich nicht auf die Entscheidung des Linienrichters konzentrierte, sondern auf den zurückhüpfenden Ball und diesen in Richtung Tor drückte. Diesmal konnte Benaglio nur noch eindeutig hinter der Linie abwehren. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sagte in der Halbzeit über diese Szene: "Das sollen sich junge Spieler ansehen, wie man aufmerksam bleibt - und nicht, ob sich da einer am Ohr schraubt oder nicht."
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