Borussia Mönchengladbach Absturz der Fahrlässigen

Zu selbstbewusst: Gladbachs Trainer André Schubert (rechts) haderte nach der Niederlage unter anderem mit Granit Xhaka (links).

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Der Klub rutscht aus den Europacup-Plätzen. Die Abwehr hat bereits mehr Tore kassiert als der Tabellenletzte Hannover 96.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Über Lucien Favre hat man sich zuweilen mokiert. Der penible Taktiker ließ Borussia Mönchengladbach trotz der großartigen Offensivspieler oft extrem vorsichtig agieren. Sein Nachfolger André Schubert hatte die Profis von der Leine gelassen, was während der Hinrunde in eine eindrucksvolle Siegesserie mündete, welche die Mannschaft - trotz fünf Niederlagen zum Saisonstart unter Favre - bis auf den dritten Tabellenplatz katapultierte.

Doch das Hoch ist längst einem gewaltigen Abwehrtief gewichen. Durch die 2:3-Niederlage am Sonntagabend beim Hamburger SV hat die Borussia mit 38 Gegentoren sogar mehr Treffer kassiert als der Tabellenletzte Hannover 96. Der dritte Misserfolg im vierten Rückrundenspiel hat den Klub auf Tabellenplatz sieben sinken lassen. Der würde nicht reichen, um sich für die Europa League geschweige denn erneut für die Champions League zu qualifizieren. Das "hergeschenkte Spiel" (so der wütende Manager Max Eberl), in dem die Borussia anfangs alles unter Kontrolle zu haben schien und nach 14 Minuten durch Fabian Johnson führte, hat Schubert zusammen mit einigen fahrigen Profis verloren. Allen voran Kapitän Granit Xhaka. Dem Schweizer wollte der Coach nach drei Spielen Rot-Sperre seinen Platz im Team zurückgeben, obwohl sich Harvard Nordtveit vor der Abwehr bewährt hatte. Xhaka ging es derart schlampig an, dass aus seinem Wirken nicht nur jene frühe Chance zum Ausgleich entstand, die Lewis Holtby in der 18. Minute vertändelte.

Nordtveit wiederum hatte Schubert nach außen auf die rechte Abwehrseite verschoben. Dorthin also, wo sich Julian Korb lange festgespielt hatte - es war eindeutig nicht die beste Position für Nordtveit. Aber eine, auf der er sich wohl auch überlegte, ob er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag in Mönchengladbach noch einmal verlängern soll. Die Verkündung einer Entscheidung wird in Kürze erwartet, es heißt, auch die andere Borussia, die aus Dortmund, sei aussichtsreich im Rennen.

Vorgestellt hat sich am Sonntag eine Borussia, die selbst dem oft so harmlosen HSV-Angriff drei Tore ermöglichte und viel dafür tat, dass die Hamburger jetzt immerhin sechs Punkte vom gefürchteten Relegationsplatz 16 entfernt sind. Xhaka, befand Schubert, sei sich in einigen Situationen "zu sicher gewesen". Dann fing der Trainer einen unvollendeten Satz an über die "jungen Männer, die so selbstbewusst sind ..." -, nachdem er kurz zuvor noch seine Zustimmung verweigert hatte, als ein Reporter ihm genau jene Frage stellte, nämlich ob sein Team an der eigenen Arroganz gescheitert sei.

Eine angedeutete Kopfnuss als Torjubel - der HSV-Trainer findet das zum Schmunzeln

Außer Xhaka hatte zum Beispiel Mahmoud Dahoud das 1:1 (38.) durch ein Eigentor von Martin Hinteregger fahrlässig mit verschuldet, als er den Ball nach einem Lattentreffer nicht aus dem Strafraum beförderte. Der ebenfalls nicht sehr aufmerksame Oscar Wendt ließ vor dem 2:1 (41.) den Torschützen Artjoms Rudnevs laufen. Einen Profi, der beim HSV längst ausgemustert war, und der nun mit "Rudi, Rudi"-Rufen vom Publikum gefeiert wurde.

Solche Situationen könnten aber auch belegen, dass wieder - wie zu Beginn der Saison - eine Flatterhaftigkeit bei der Borussia Einzug gehalten hat, die nun schon sechs ihrer zehn Auswärtspartien verlor. Und es war nicht nur der missmutige Manager Eberl, der - wohl auch an die Adresse des Trainers gerichtet - sagte: "Wenn wir uns entwickeln wollen, müssen wir solche Spiele gewinnen." Große Mannschaften, ergänzte er, "gewinnen solchen Partien mit Konsequenz". Ähnlich argumentierte Torwart Yann Sommer: "Es reicht in der Bundesliga nicht, 20 Minuten guten Fußball zu spielen." Man müsse schnellstmöglich wieder "den Fußball zeigen, den die Borussia schon oft gezeigt hat". Also auch mit einer Abwehr, die diesen Namen verdient.

Beim HSV hatte man sogar schon wieder Zeit für einen Spaß. Als der eingewechselte Ivo Ilicevic in der 80. Minute per Kopf das 3:1 erzielt hatte, rannte Lewis Holtby auf ihn zu, um sich symbolisch eine Kopfnuss abzuholen. Der Kroate war kürzlich vereinsintern gesperrt worden, weil er sich im Training bei dem Kollegen Michael Gregoritsch nach einem Zweikampf auf solche Weise revanchiert hatte. Trainer Bruno Labbadia fand das zum "Schmunzeln".