Australian Open Der Happy Slam

Gruppenbild mit Zeichentrick-Helden: Beim Kindertag posieren Milos Raonic (v. l.), Caroline Wozniacki, Roger Federer, Lleyton Hewitt, Novak Djokovic und Victoria Azarenka.

(Foto: Made Nagi/dpa)

Flanieren am Wasser, Feuerwerke am 26. Januar, Hitzepausen und jede Menge gute Laune: Zehn Gründe, warum die Australian Open so ein außergewöhnliches Grand-Slam-Turnier sind.

Von Gerald Kleffmann, Melbourne

Aus allen Richtungen waren sie eingeflogen, aus Europa, Nordamerika, Südamerika, Asien, Afrika, vor zwei Wochen, weil ja in Australien und Neuseeland die ersten Turniere der neuen Tennissaison stattfanden. Alles steuerte auf den Höhepunkt zu, der nun mit der Leistungsmesse in Melbourne an diesem Montag beginnt. Bei der Verteilung von Ruhm und inzwischen 27,9 Millionen Euro gilt es dabei zu sein. "The Grand Slam of Asia-Pacific", so werben die Australian Open für sich. Der Titel bringt das Alleinstellungsmerkmal auf den Punkt: So abgelegen ist keines der vier wichtigsten Turniere der Welt, zu denen noch Paris, Wimbledon und New York zählen. Aber nicht nur deshalb hebt sich die Veranstaltung ab. Hier folgen zehn Gründe, warum die Australian Open für etwas Außergewöhnliches stehen.

Happy Slam

Roger Federer fing der Legende nach damit an, die Australian Open nicht Grand Slam, sondern Happy Slam zu nennen. Weil in Melbourne so viele Menschen gute Laune haben und eben glücklich sind. Zumindest wirkt es so in dem Land, in dem einem ständig ein "No worries" um die Ohren fliegt - alles paletti, mach dir keine Sorgen, passt alles, kein Stress. Eine Wohltat ist diese Lebenseinstellung, die abstrahlt auf Spielerinnen und Spieler. Tatsächlich findet man hier unfreundliche oder gar schlecht gelaunte Bürger so häufig wie Schnee in der Sahara. Für die Profis könnte die Saison demnach nicht besser beginnen als mit Matches in der Sonne und angenehm entspannten Menschen, die Sport grundsätzlich lieben. Sogar rüstige Omis verfolgen Partien, löffeln währenddessen mitgebrachten Reissalat und beklatschen zwischendurch Spieler, von denen sie noch nie etwas gehört haben und nie mehr hören werden.

Fans

Die allerbeste Zeit, was die Fans betrifft, ist leider schon vorbei, zumindest die lauteste und wildeste. In den Achtziger- und Neunzigerjahren reisten Horden von Schweden an, um die Erfolge von Stefan Edberg, Mats Wilander, Mikael Pernfors und Joakim Nyström zu feiern. Wilander kreierte damals das berühmte Handzeichen namens "Vicht". Wenn er einen Punkt gewann, winkelte er die Hand ab den Köcheln ab und streckte sie im 90-Grad-Winkel mit den Fingerspitzen sich entgegen. Die schwedischen Fans machten auf den Tribünen eine Stimmung wie in englischen Fußballstadien und tranken gerne ein, zwei oder eher mehr der leckeren Biere. Seitdem den Skandinaviern die Topspieler ausgegangen sind, fallen ihre Landsleute indes nicht mehr in Horden ein.

Schade ist das, aber nicht schlimm. Inzwischen springen andere Fanlager ein, unzählige Splittergruppen, je nach Nationalität, machen fröhlichen Lärm. So kann es schon mal sein, dass ein Match zwischen einem Italiener und einem Polen auf einem der hinteren Plätze die Gemüter auf den Zuschauerrängen mehr erhitzt als ein Spitzenduell in einer der drei Arenen. Großartig sind natürlich stets die kurzen Lieder, die die Australier zum Besten geben. Und in Sachen Verkleidung macht den Einheimischen keiner etwas vor, beliebt sind sämtliche Tierklassiker des Landes. Ja, auch der Mensch gewordene Wombat wurde hier schon gesichtet. Das Klassikerkostüm aber ist weltweit seit Jahren das McEnroe-Outift - Lockenperücke, Stirnband, Holzschläger, fertig.

Lage

Kurz: Sie ist grandios. Bei vielen Tennisstadien ist man es gewöhnt, dass man lange mit der U- und S-Bahn anreisen muss. In Melbourne lässt es sich vortrefflich entlang des Yarra River hinüber zum Tennis Park flanieren. Wer Lust hat, kann sogar mit einem Wassertaxi anreisen, was so bei keinem anderen Grand Slam möglich ist. Für die, die eines buchen wollen oder Fragen haben - die Hotline hat die Melbourner Nummer 131963.

Menschen, Menschen, Menschen

Bei aller lässig-entspannten Atmosphäre: Der Happy Slam ist ein gigantisch großes Turnier. Nachdem die Australian Open ihre Krisenzeit überwunden haben und sich Ende der 1980er neu erfanden, auch dank des Wechsels von Rasen- auf Hart-Plätze, pilgern mehr und mehr Menschen auf die Anlage. 2015 kamen 703 899 - Rekord. Mehr als 650 Journalisten und Fotografen berichteten täglich, allein aus Japan waren zuletzt 37 Reporter abgestellt, aus China immerhin 25, obwohl die Chinesen jetzt nicht wahnsinnig erfolgreich im Tennis sind. Die Zahl der Teilnehmer war noch höher: 704 Spieler in allen Wettbewerben wurden gezählt. Kein Wunder, dass jedes Mal rund 50 000 Bälle verschlissen werden. 4500 Personen packen insgesamt beim Turnier mit an.

Fortschritt

Craig Tiley heißt der wichtigste Mann in Melbourne. Er ist der Turnierchef und auch Kopf des mächtigen australischen Verbandes. Unermüdlich treibt der in Südafrika geborene Manager seine Veranstaltung voran, Stillstand duldet er nicht. Damit unterscheiden sich die Australian Open massiv etwa von Wimbledon, das auf den Erhalt vieler bewährter Traditionen besteht. Eine Auswahl, was in diesem Jahr alles neu ist: Digitalwände in der Rod-Laver-Arena und Hisense Arena, den beiden größten Stadien. Snapchat. Sieben zusätzliche Restaurants. Noch mehr Akku-Aufladestationen überall auf der Anlage. Und: eine Zone für Tennisfans, von der aus die Profis bei der Ankunft auf der Anlage bestaunt werden können.

Night Sessions

Nur zwei der vier Grand Slams führen Night Sessions, Nachtmatches durch. In Paris und Wimbledon fehlt das Flutlicht, aus Prinzip wird bislang an diesem Defizit festgehalten (wobei in Wimbledon der Center Court Kunstlicht hat, auf das im äußersten Notfall zurückgegriffen werden kann). Abendspiele sind eine Attraktion, das haben sie hier von den US Open übernommen. Zunächst zögerlich, doch seit zehn Jahren werden auch die Endspiele abends ausgetragen, praktischerweise also zur besten TV-Sendezeit. Die Möwen fliegen dann über der Rod-Laver-Arena, der Wind vom Port Philip Bay ist spürbar. Die Profis auf dem Platz wirken mit der Nacht als Kulisse noch näher, noch authentischer. Großes Sportkino.

Heat Policy

Die sogenannte Hitzepolitik existiert nur in Melbourne und bei keinem anderen Grand Slam. Sie ist inzwischen auch keine Symbolpolitik, sondern wird, gerade nach dem heißen Sommer 2014, streng gelebt. Damals verwandelte eine Hitzeglocke, die aus dem Outback vorbeischaute, die Stadt eine Woche lang in eine Sauna. Auch in den Tagen vor der diesjährigen Ausgabe spielte das Wetter verrückt. Vergangenen Mittwoch stieg das Thermometer auf 45 Grad Celsius. Ab 40 Grad kann der Oberschiedsrichter entscheiden, ob die Heat Policy greift. Am Mittwoch bei den ersten Qualifikationsmatches, da griff sie. Neue Spiele wurden nicht mehr angesetzt. Laufende Matches wurden nur noch bis zu einer geraden Anzahl gespielter Spiele zu Ende gespielt, dann wurde abgebrochen. Tie-Breaks wurden ebenfalls noch ausgespielt - und dann abgebrochen. Die Spieler sollen so geschützt werden.

Musik

Es ist ja nicht so, dass alle Angereisten rund um die Uhr nur Tennis sehen wollen. Für die Happening-Interessierten treten jeden Tag Bands auf, die in diesem Jahr zum Beispiel Saskwatch, Hot Dub Time Machine, Diesel oder The Bombay Royale heißen. Das Vergnügungsviertelchen wurde auf den Namen Grand Slam Oval getauft. Auf dem Weg zur Anlage findet 14 Tage lang überdies das "Australian Open Festival at Birrarung Marr" statt, der Eintritt ist frei und der Blick auf die Stadt-Skyline und den Yarra River ist es auch.

Digitalisierte Tenniswelt

In diesem Bereich sind die AusOpen, wie der Happy Slam hier gerne abgekürzt wird, Vorreiter. Die Verantwortlichen haben das Potential erkannt, das in Social-Media-Angeboten steckt. Allein die Turnier-App wurde 2015 fast 1,2 Millionen Mal heruntergeladen. Der Event ist auf allen erdenklichen Kanälen vertreten, in diesem Jahr gibt es auch ein Forum auf Chinesisch, in dem das bevölkerungsreichste Land ausgelassen über Tennis diskutieren und sich informieren soll. Markierte Selfie-Zonen sind längst ein alter Hut, und wenn etwas Besonderes bevorsteht, wie nun die letzte Turnierteilnahme des australischen Tennisrecken Lleyton Hewitt, bekommt der einfach einen eigenen Hashtag auf Twitter.

Australia Day

Keines der Grand-Slam-Turniere kann einen Nationalfeiertag vorweisen - außer Melbourne. Am 26. Januar begehen die Australier ihren Australia Day. Mit einem Feuerwerk am Abend, das die Night Session schon mal zehn Minuten stoppen kann. Grillend, trinkend, feiernd huldigen die Menschen an diesem Tag der Ankunft der First Fleet im Jahre 1788, als das Schiff aus England kommend mit Strafgefangenen und Besatzungsmitgliedern an Bord anlegte, um den Kontinent zu besiedeln. Und wer nicht mehr den genauen Grund kennt, warum schul- und arbeitsfrei an diesem Jahrestag ist, ist das auch egal - no worries gilt auch an Feiertagen!