Arbeitsmarkt Einmal Trainer, immer Trainer

Eine SZ-Datenanalyse zeigt, wie häufig deutsche Klubs auf bekannte Übungsleiter setzen - egal ob diese zuvor in Serie gewonnen oder verloren haben.

Von Lisa Sonnabend

Dass die Beziehung unheilvoll enden würde, hätte Hannover 96 ahnen können. Vor acht Monaten hatte der Fußballverein den Trainer Michael Frontzeck engagiert. "Er kennt die Bundesliga und verfügt über vielfältige Erfahrungen", schwärmte Martin Kind. Was der Klubpräsident allerdings verdrängte: Bei keinem der vier Profivereine, die Frontzeck zuvor trainiert hatte, war er richtig erfolgreich gewesen. Durchschnittlich nur 1,08 Punkte pro Spiel hat er in seiner Trainerkarriere geholt. Bei Hannover lief es sogar noch schlechter. Der Schnitt unter Frontzeck lag bei 1,04 Punkten, der Verein verharrt nun auf einem Abstiegsplatz. Kurz vor Weihnachten trat Frontzeck mehr oder weniger freiwillig ab. Nun soll es Thomas Schaaf in Hannover richten. Sein Markenzeichen: Auch der 54-Jährige verfügt über viel Erfahrung - zumindest seine Zeit in Bremen war von großen Erfolgen gezeichnet.

Doch was bedeutet schon Erfolg in diesem Business? Hatte Frontzeck 96 in der Endphase der vergangenen Saison nicht vor dem Abstieg bewahrt? Konnte man mit Klubs wie Alemannia Aachen, Arminia Bielefeld und FC St. Pauli überhaupt mehr Spiele gewinnen? Zahlen alleine sagen nicht immer etwas über die Qualität eines Cheftrainers aus, und dennoch gibt ein Blick darauf interessante Einblicke in eine Branche.

Das Daten- und Grafikprojekt der SZ zeigt, dass in der Bundesliga und der 2. Liga bisweilen die gleichen Gesichter auf der Trainerbank auftauchen. Huub Stevens, Benno Möhlmann, Bruno Labbadia, Marco Kurz - mal sind sie hier, mal dort, nur ihre Ausbeute bleibt wechselhaft.

So werden Kündigungen für Coaches zwar schneller ausgesprochen als bei Leiharbeitern, doch oft springen diese nur wenige Wochen später wieder auf beim sogenannten "Trainer-Karussell" der Bundesliga und ergattern einen der freien Plätze. Da ist es fast schon egal, ob sie zuvor Spiele in Serie gewonnen oder verloren haben. Da es schwer ist, den Erfolg eines Trainers an Zahlen und Tabellenplätzen zu messen, gibt es auch für Serien-Verlierer immer gute Argumente, ihnen eine neue Chance zu geben.

Durchschnittlich 1,52 Punkte pro Spiel haben die Erst- und Zweitliga-Trainer der vergangenen zehn Jahren geholt, doch die SZ-Grafik zeigt: Viele erhalten auch dann wieder ein Engagement, wenn sie schlechter abschneiden. Frontzeck, Kurz, Möhlmann oder Funkel wurden in den vergangenen zehn Jahren von mindestens fünf Klubs beschäftigt. Dagegen haftete zuletzt Bruno Labbadia ein eher mäßiger Ruf an, obwohl er punktemäßig insgesamt recht erfolgreich unterwegs war.

Natürlich ist es einfacher, mit einer Millionentruppe wie dem FC Bayern Spiele zu gewinnen als mit einem abstiegsbedrohten Kummer-Ensemble. So wird man zum Beispiel einem "Feuerwehrmann" wie Funkel nicht gerecht, wenn man seinen Punkteschnitt mit dem von Jupp Heynckes oder Felix Magath vergleicht. Ein Unentschieden war für die Klubs, die Funkel übernahm und die meist am unteren Tabellenende standen, oft ein Erfolg - seine Spieltaktik dementsprechend defensiv.

Manchmal jedoch funktionieren die Beziehungen mit erfahrenem Personal sehr gut. Die Skepsis war groß, als der Hamburger SV im April 2015 Labbadia zurückholte. Doch nach den Krisenzeiten mit Bert van Marwijk, Mirko Slomka, Josef Zinnbauer und Interimscoach Peter Knäbel steht der HSV jetzt wieder im Mittelfeld der Tabelle. Das Altbekannte hat sich in diesem Fall bewährt.

Fortuna Düsseldorf hofft nun auf einen ähnlichen Effekt. An Weihnachten gab der Zweitligist die Verpflichtung von Marco Kurz bekannt. Für den 46-Jährigen ist es die fünfte Trainerstation im deutschen Profifußball. Sportdirektor Rachid Azzouzi sagte bei der Vorstellung, Kurz verfüge über "einen sehr großen Erfahrungsschatz". Das ist unbestritten - auch wenn Kurz nicht immer erfolgreich war. Ob es nun besser läuft? Und ob auch Frontzeck schon bald wieder eine neue Chance bekommt und auf einer Trainerbank Platz nehmen darf?

Das hat die SZ untersucht Für ein Datenprojekt haben wir erhoben, welche Trainer in den vergangenen zehn Jahren von den deutschen Erst- und Zweitligisten engagiert wurden - und wie viele Punkte sie dann mit ihren Mannschaften holten. Im Durchschnitt kamen die Trainer dabei auf eine Ausbeute von 1,52 Punkten pro Spiel. Die Daten zeigen: Auch Coaches, die deutlich schlechter abschneiden, finden immer wieder einen Verein, der sie engagiert. Es sind die Spezialisten, die gerne von finanziell schwächeren Klubs beauftragt werden, aus den beschränkten Möglichkeiten viel zu machen. Was nicht immer gelingt. Die Daten finden Sie hier.

Die glücklichsten Trainer-Klub-Beziehungen

Im vergangenen Herbst zögerten die Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach lange. Nach dem Rücktritt von Lucien Favre hatten sie André Schubert zum Interimstrainer ernannt - doch sollten sie den U-23-Coach auch zum Chefcoach befördern? Der Verein rang mit sich, ob er nicht lieber einen erfahrenen Trainer wie Marcel Koller anwerben sollte, doch dann gewann Schubert einfach zu oft. Er war mit sechs Siegen in seinen ersten sechs Spielen gestartet, er führte Gladbach vom Tabellenende bis auf die internationalen Plätze. Im November bekam er seine neuen Arbeitspapiere - und in der Winterpause lässt sich sagen: War wohl richtige, ihn fest zu verpflichten.

Denn die Liaison Schubert/Gladbach ist eine der glücklichsten Trainer-Klub-Beziehungen der vergangenen zehn Jahre. 1,95 Punkte holte der Klub unter Schubert durchschnittlich pro Spiel. Auch andere Coaches, die derzeit im Amt sind, kommen auf beachtliche Werte: Pep Guardiola erzielte beim FC Bayern einen Punkteschnitt von 2,41 - nur Jupp Heynckes war in der Triple-Phase noch erfolgreicher. Aber wie gesagt: Mit dem FC Bayern lassen sich auch leichter Zähler sammeln - man verliert halt selten. Dass Thomas Tuchel gut mit Borussia Dortmund harmoniert, wird ebenso deutlich: Während er bislang einen Punkteschnitt von 2,3 erzielte, kam sein Vorgänger Jürgen Klopp lediglich auf 1,9.

Pál Dárdai wiederum führte in der Hinrunde nicht nur Hertha BSC auf einen Champions-League-Platz, sondern auch seinen Namen in die Liste der erfolgreichsten Vereinstrainer. Der Hamburger SV wiederum trauert noch immer der siegreichen Zeit unter Martin Jol nach und auch der Niederländer befand vor einigen Monaten: "Ich hätte beim HSV bleiben sollen."

Dem FC Bayern konnte es dagegen 2009 nicht schnell genug gehen, Jürgen Klinsmann loszuwerden. Trotz eines Punkteschnitts von 1,95 - denn nur Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld (1,77) schnitt einst während seiner zweiten Station in München zwischen Februar 2007 und Juli 2008 schlechter ab. Ein Klub am unteren Tabellenende wäre froh über derartige Resultate, doch bei den Münchnern gelten eben andere Maßstäbe.

Als die unglücklichste Trainer-Klub-Beziehung der vergangenen zehn Jahre gilt das Engagement von Stephan Schmidt bei Energie Cottbus im November 2013. Von neun Spielen verlor der Trainer acht, lediglich einmal erzielte er ein Unentschieden. Sein Schnitt: 0,11 Punkte pro Spiel.

Trösten dürfte Schmidt immerhin, dass es auch zwischen Meister- und Fast-Bundestrainern und einem Verein manchmal einfach nicht passt. Als Christoph Daum 2011 Eintracht Frankfurt übernahm, sollte er den Verein vor dem Abstieg bewahren, stattdessen blieb er in sieben Spielen hintereinander sieglos. Die Eintracht stieg ab, der Coach trat zurück. Seitdem arbeitete Daum als Trainer in Belgien und der Türkei, in die Bundesliga kehrte er nach der verkorksten Zeit in Frankfurt nicht zurück.

Wo die Führungsetage besonders nervös ist

Mit acht verschiedenen Trainern in den vergangenen zehn Jahren ist der 1. FC Kaiserslautern einer der Vereine mit der nervösesten Führungsetage. Einen noch größeren Trainerverschleiß haben nur der HSV, der VfB Stuttgart und der TSV 1860 München. Drei Klubs, bei denen sportlich in den vergangenen Spielzeiten fast alles misslang.

Zwölf Mal versuchten diese Vereine einen Umbruch und engagierten einen neuen Übungsleiter, darunter viele Dauerbrenner des deutschen Fußballs. Doch ob mit Mirko Slomka, Huub Stevens, Armin Veh, Friedhelm Funkel oder Benno Möhlmann: Ruhige Zeiten gab es bei diesen Klubs trotz erfahrener Coaches nur selten.

So schnelllebig wie in Hamburg, Stuttgart und bei 1860 ist die Trainerbranche nicht überall. Torsten Lieberknecht saß bislang 277 Mal bei Eintracht Braunschweig auf der Bank und hat seinen Vertrag bis 2017 verlängert. Frank Schmidt begleitete den FC Heidenheim von der vierten in die zweite Liga, sein Vertrag läuft bis 2020. Der BVB galt ohne seinen Trainer Jürgen Klopp lange als unvorstellbar, ehe sich die beiden nach 318 Partien doch trennten. Volker Finke und der SC Freiburg hielten es sogar 606 Spiele miteinander aus.

VfB Stuttgart v FC St. Pauli - DFB Cup STUTTGART, GERMANY - OCTOBER 31: Coach Bruno Labbadia of Stuttgart (L) and Coach Michael Frontzeck of St. Pauli prior to the second round match of the DFB Cup between VfB Stuttgart and FC St. Pauli at Mercedes-Benz Arena on October 31, 2012 in Stuttgart, Germany. (Photo by Getty Images/Bongarts/Getty Images); a

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Am loyalsten verhielt sich Werder Bremen. 14 Jahre und fünf Tage arbeitete der Klub mit Thomas Schaaf zusammen, ehe der Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst wurde. Vor wenigen Tagen hat Schaaf nun bei Hannover 96 unterschrieben. Ist es der Beginn einer ähnlich langen Beziehung - oder macht der 54-Jährige schon bald wieder einen Platz frei auf dem Wandermarkt Bundesliga?