Arbeiter in Sotschi "Dann werfen wir dich in einen Sumpf!"

Ein Arbeiter putzt die Fenster des "Iceberg"-Stadions in Sotschi.

Während Sportfans aus der ganzen Welt gebannt nach Sotschi blicken, hat Mardiros Demertschjan bereits genug von den Winterspielen. Sein Traum von Olympia ist für den Arbeiter geplatzt. An dem Tag, als er auf der Baustelle festgenommen wurde.

Von Carsten Eberts, Sotschi

Mardiros Demertschjan hatte seinen eigenen Traum von Olympia. Er wollte nicht reich werden. Nur gutes Geld verdienen. Seine Familie ernähren. Auf den Baustellen für die Winterspiele in Sotschi wurde Demertschjan genau das versprochen.

Am Ende wurde er geschlagen, weggesperrt. Und um sein Geld betrogen.

Mardiros Demertschjan, 38, sitzt am Küchentisch seiner Schwiegermutter in einem Vorort von Sotschi. Seine Haltung ist gekrümmt, er starrt auf den Tisch. Und er raucht, nicht zu knapp. Seine Finger zittern.

Danke, Steuerzahler

So teuer waren die Olympischen Spiele noch nie: Etwa 30 Milliarden Euro kostet das Spektakel am Schwarzen Meer. Doch wer hat die Unsummen für Sotschi bezahlt? Der russische Staat fast alles - seine Oligarchen fast nichts. Von Johannes Aumüller, Sotschi mehr ...

2007 hat Sotschi den Zuschlag für die Olympischen Spiele erhalten. Mit unglaublich viel Geld - insgesamt mehr als 50 Milliarden Euro - wurde der Umbau der 400.000-Einwohner-Stadt geplant. Schnell war klar, dass es dazu Zehntausende einfache Arbeiter wie Demertschjan brauchen würde. Von einem Nachbarn erfuhr Demertschjan, dass auf den Baustellen Hilfskräfte gesucht werden. In einer Olympia-Unterkunft sollte er Kabel verlegen, für 1500 Rubel pro Tag, etwa 33 Euro. Ziemlich viel Geld für einen ungelernten Tagelöhner wie ihn.

Anfangs lief es noch. Demertschjan und seine Kollegen verlegten Kabel, sie bekamen etwas Geld. Nie die volle Summe, die sollten sie erst erhalten, wenn die Arbeiten beendet wären. "Wir haben gedacht: Okay, das scheint zu laufen", erinnert sich Demertschjan. Zehntausenden wurden dieselben Versprechungen gemacht. Nicht nur einheimischen Arbeitern wie Demertschjan, der im benachbarten Abchasien geboren wurde, aber schon lange in Sotschi lebt. Sondern auch Usbeken, Tadschiken, Türken. Gastarbeitern eben.

Ehrlich entlohnt wurden nur die wenigsten. Weit mehr als 100 000 Arbeiter wurden auf den Olympiabaustellen eingesetzt. 90 Prozent hätten ihren Lohn nur zum Teil oder gar nicht erhalten, sagt Semjon Simonow von der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" in der ARD-Sendung Sport inside. Dafür lebten die Arbeiter teilweise zusammengepfercht auf engstem Raum, erhielten keinen Urlaub, durften nicht krank werden. "Mit ihrer Arbeit wurde Olympia erst möglich", schimpft Simonow, "aber bezahlt wurden sie dafür nicht."

Sotschi 2014 Alles zu Olympia
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Nach zwei Monaten werden Demertschjan und seine Kollegen zum Chef zitiert. Sie hätten zu langsam gearbeitet, heißt es, da folgt die Kündigung, so erzählt es der Mann, jetzt am Küchentisch. Von den etwa 30.000 Rubel, die ihm bis dahin zustanden, soll er nur die Hälfte erhalten. Später werfen die Verantwortlichen Demertschjan und einem seiner Kollegen Diebstahl vor. Sie hätten Kabel geklaut. Kurz darauf klicken Handschellen, die Arbeiter landen auf der Polizeistation. Dort soll Demertschjan dann gestehen und auf seine Ansprüche verzichten. Als er sich weigert, ziehen sich die Polizisten Boxhandschuhe über. Dann schlagen sie zu. Als er sich immer noch weigert, ziehen sie die Handschuhe aus. Demertschjan wird ohnmächtig - als er wieder aufwacht, stehen die Polizisten mit einem Brecheisen und einem Kondom vor ihm. Demertschjan erleidet unglaubliche Schmerzen. Irgendwann ist sein Wille gebrochen.

Russische Behörden bestreiten die Geschichte. Doch es gibt genügend Menschen, die Schilderungen wie diese bestätigen. Die Organisation "Human Rights Watch" hat viele solcher Taten dokumentiert, sie stuft Demertschjans Erzählungen als glaubwürdig ein. Sie vermutet ein abgekartetes Spiel zwischen dem Arbeitsvermittler und der Polizei, die nicht ausgezahlte Löhne später unter sich aufteilen. IOC-Präsident Thomas Bach bestätigte kürzlich, dass betrogenen Arbeitern fast 300 Millionen Rubel nachgezahlt werden sollen. Jeder würde damit nachträglich ungefähr 1000 Euro erhalten. Wie jedoch Tausende Gastarbeiter aus Zentralasien an ihr Geld kommen sollen, von denen es nicht einmal Bankdaten und Adressen gibt, ist unklar.