American Football In der Wüste wächst ein Glaspalast

Willkommen im wunderbaren Las Vegas: Die örtlichen Football-Fans können die Ankunft der legendären Raiders kaum noch erwarten.

(Foto: Zuma Press/Imago)

Las Vegas lockt die Footballer der Oakland Raiders mit allerlei Annehmlichkeiten aus Kalifornien nach Nevada. Mit der lukrativen Symbiose will die Stadt ihren Imagewandel vorantreiben - und weitere Teams anziehen.

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Man braucht gar nicht über Treue und Tradition sprechen oder über gebrochene Herzen, man sollte einfach in die Binion's Gambling Hall auf der Fremont Street in Las Vegas gehen. In diesem Casino ist der Grund ausgestellt, warum das legendäre Footballunternehmen der Raiders in zwei Jahren aus der kalifornischen Küstenstadt Oakland in die Wüste nach Nevada umziehen wird: Auf einem Tisch liegen unter einem Glaskasten eine Million Eindollarscheine. Es ist ein Berg aus Geld.

Die Raiders haben insgesamt 44 Jahre lang in Oakland gespielt, zwischendurch waren sie 13 Spielzeiten in Los Angeles. Die Fans mit den martialischen Verkleidungen sowie das schwarze Kopftuch mit dem Piratenlogo und dem silbernen Schriftzug darauf gehören zur kalifornischen Kultur wie Surfbrett und Skateboard. Doch die Fans in Oakland protestieren eher lustlos gegen den Umzug, weil selbst die Traditionsbewussten zugeben, dass Las Vegas dem Klub ein Angebot gemacht hat, das der nicht ablehnen konnte.

Wer ein Hotelzimmer für 100 Dollar bucht, finanziert mit 88 Cent das neue Stadion

Zwei Milliarden Dollar soll der überdachte Glaspalast kosten, in dem die Raiders von spätestens 2020 an ihre Heimspiele austragen werden. 750 Millionen Dollar davon wird Las Vegas beisteuern, das konnte sich Oakland nicht leisten. "Wir haben eine Lösung gefunden, die keine Belastung für die Einwohner darstellt", sagt Bürgermeisterin Carolyn Goodman. Sie will das Geld über eine Hotelsteuer eintreiben: Wer seit dem 1. März ein Hotelzimmer für 100 Dollar bucht, der bezahlt 88 Cent zusätzlich und finanziert damit das neue Stadion. Goodman findet: "Wir bieten unseren Gästen eine weitere Attraktion in dieser wunderbaren Stadt."

Und in der Tat gehen die Stadt und die Footballliga NFL eine Symbiose ein, die derart lukrativ ist, dass es verwundert, dass nicht schon früher jemand auf diese Idee gekommen ist: zwei uramerikanische Institutionen, die ihren Kunden für schnöden Mammon viel Brot und noch mehr Spiele anbieten.

Die NFL will in der kommenden Spielzeit 14 Milliarden Dollar umsetzen, in zehn Jahren sollen es 25 Milliarden sein - dafür braucht es moderne Stadien. Die Dallas Cowboys etwa haben in ihrer 1,2 Milliarden Dollar teuren Arena in der vergangenen Saison 440 Millionen Dollar eingenommen, die Raiders trotz der treuen Fans in der 51 Jahre alten Bruchbude in Oakland gerade einmal 69 Millionen. Die Liga spielt mit den Metropolen also eine Art Monopoly: Die Klubbesitzer ziehen von Stadt zu Stadt, bis sie auf einem Feld mit prächtiger Arena landen. In Minneapolis ist kürzlich eine 1,1-Milliarden-Dollar-Arena eröffnet worden, in Atlanta wird ein modernes Stadion für 1,5 Milliarden gebaut. In Los Angeles werden sie bald sogar einen 2,7-Milliarden-Palast errichten, die Rams und Chargers sind nur deshalb aus St. Louis beziehungsweise San Diego dorthin gezogen.

In Las Vegas haben sie in den vergangenen Jahren gemerkt, dass gerade junge Leute nicht mehr so bereitwillig zocken wie früher. "Es kommen immer mehr Menschen, doch immer weniger wollen spielen. Deshalb verlieren wir Geld", sagt Mike Lawton vom Nevada Gaming Control Board. Die Stadt möchte den Spitznamen Sin City loswerden, den Ruf, dass nur gezockt, gesoffen und gehurt wird. Sie wollen lieber Entertainment Capital of the World gerufen werden. Sie holen Popstars wie Jennifer Lopez dauerhaft in die Stadt, verpflichten Sterneköche, jagen Sportteams.

Noch so eine Idee: eine Rennstrecke, deren Zielgerade durchs Fußballstadion führt

Einen Steinwurf vom geplanten Footballstadion entfernt wurde im vergangenen Jahr eine Arena für 20 000 Zuschauer eröffnet. Dort wird der eigens dafür gegründete Eishockeyklub Golden Knights von der kommenden Saison an seine Heimspiele in der Profiliga NHL austragen; auch die Basketballliga NBA zeigt Interesse an einer Filiale. Eine weitere Idee: eine Autorennstrecke, deren Zielgerade durch ein Stadion führt, in dem die Fußball-Mannschaft spielt, die David Beckham in Vegas etablieren will. "In spätestens zehn Jahren werden wir einen Klub aus jeder bedeutenden Liga beheimaten", glaubt Bürgermeisterin Goodman. Vor wenigen Jahren noch wurden die Gäste mit günstigen Zimmern, Gratis-Cocktails und Freikarten für die Shows in die Casinos gelockt, wo sie beim Glücksspiel verlieren sollten. Heute sollen sie den Gewinn beim Zocken reinvestieren und möglichst noch viel mehr in die Nachtklubs, Restaurants oder Sportveranstaltungen stecken. So lange das Geld in Vegas bleibt, sind sie zufrieden in dieser Stadt.

Die Profiligen haben Las Vegas bislang aufgrund der Versuchungen für Spieler und Schiedsrichter gemieden, nun ziehen die Klubs weniger in eine sündige Stadt als vielmehr in die selbsternannte Welt-Hauptstadt der Unterhaltung. Sie werden die Raiders-Spiele als Wochenend-Spektakel vermarkten: Sternerestaurant und Nachtklub am Freitag, Zaubershow oder Popkonzert am Samstag, Football am Sonntag. Schöner Nebeneffekt für Raiders-Eigentümer Mark Davis: Die Fans des jeweiligen Gegners finanzieren über die Hotelsteuer den Bau des Stadions.

Es soll ja noch immer Menschen geben, die Kommerzialisierung im Profisport für ein notwendiges Übel halten, um die Suche nach den besten Akteuren einer Disziplin zu bezahlen. Das klingt unschuldig, ist in Wahrheit jedoch ziemlich traurig. Der Umzug der Raiders nach Las Vegas zeigt: Im amerikanischen Sport ist die Suche nach den besten Sportlern das notwendige Übel, um möglichst viele Dollarscheine in den Geldspeicher der Liga zu schaufeln. Man muss darüber nicht traurig sein. Wo ein Berg aus Geld lockt, braucht man nicht mehr über Treue und Tradition sprechen - oder gar über gebrochene Herzen.