American Football Expansion vor einer Drohkulisse

Gerne mal extravagant: Kevin Norwood von den Carolina Panthers trägt eine Wrestler-Maske.

(Foto: Marcio Jose Sanchez/AP)

Vor dem NFL-Finale wird spekuliert, wie die gut geölte Vermarktungsmaschine der umsatzstärksten Liga der Welt weiter wachsen kann.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am Sonntag spielen im Finale der lukrativsten Sportliga der Welt die Denver Broncos gegen die Carolina Panthers. Die Vereinsnamen klingen ein wenig provinziell für eine Liga, die in dieser Saison knapp 13 Milliarden Dollar umsetzen wird. Denver gegen Charlotte (dort sind die Panthers beheimatet), das hört sich ein bisschen an wie ein Champions-League-Finale zwischen Paderborn und Darmstadt -, doch genau das gehört zur Strategie der Footballliga NFL: Sie hat ihre 32 Vereine quer über die Vereinigten Staaten verteilt, es gibt Klubs in Metropolen wie New York, Chicago oder Dallas, in mittelgroßen Städten wie Kansas City, Minneapolis oder Glendale/Arizona und gar einen Verein im 100 000-Einwohner-Städtchen Green Bay.

Kürzlich hat die NFL ihre Flagge in einen weißen Fleck an der Westküste gerammt. Die Rams werden zur kommenden Saison von St. Louis nach Los Angeles umziehen, womöglich ziehen auch die Chargers aus San Diego in die kalifornische Metropole. Vorigen Freitag wurde Mark Davis, dem als Besitzer der Oakland Raiders der Umzug nach LA verweigert wurde, in Las Vegas gesichtet, wo bis zum Jahr 2020 eine 1,2-Milliarden-Dollar-Arena gebaut werden soll. Doch der Expansionsdrang der NFL geht viel weiter: Bis spätestens 2022 soll ein Verein in London ansässig sein. Nicht London in Ohio, Kentucky oder Wisconsin, auch diese Städte gibt es. Nein, die NFL will nach Europa expandieren.

Die Jacksonville-Jaguars spielen schon seit vier Jahren jeweils ein Heimspiel im Wembley-Stadion

Die seit Jahren gut geölte Vermarktungsmaschinerie der NFL funktioniert prächtig. Zunächst äußerte sich ein Offizier aus der zweiten Reihe (Mark Waller, Vizepräsident für internationale Vermarktung) zu den Expansionsplänen: "Ich bin mir sicher, dass wir das schaffen können." Es folgte die positive Antwort, Londons Bürgermeister Boris Johnson plauderte gar aus: "Wir arbeiten bereits an einem Deal." Die Suche nach dem geeigneten Verein ging deshalb schnell voran, weil Jacksonville-Jaguars-Besitzer Shahid Khan auch der Fußballklub FC Fulham gehört und die Jaguars seit vier Jahren ohnehin jeweils ein Heimspiel im Wembley-Stadion austragen. Vielleicht kommen sogar die Raiders, falls das mit Vegas doch nicht klappt.

"Die Nachfrage nach Football ist enorm - übrigens nicht nur in England, sondern in ganz Europa", behauptet NFL-Chef Roger Goodell: "Ein Team dort ist keine zwanzig Jahre mehr weg, sondern vielleicht nur fünf." So etwas sorgt auch in Deutschland für Interesse, weil nun auch vom europäischen Festland und einer möglichen Europa-Division gesprochen wird. Keine eigenständige Liga zweiter Klasse, wie es die World League (1991 bis 1997) und die NFL Europe (1998 bis 2007) waren, weshalb diese Projekte gescheitert sind. Sondern eine Division mit vier Vereinen, die tatsächlich die Vince-Lombardi-Trophäe gewinnen können. Frankfurt Galaxy, Rhein Fire oder Berlin Thunder als vollwertige NFL-Vereine? Vorstellbar ist inzwischen viel.

Seit 2007 wird mindestens eine Partie der regulären Spielzeit in London ausgetragen, in der kommenden Saison wird es zwei Spiele in Wembley und eines im Twickenham Stadium im Süden von London geben. Natürlich würden Klubs in Europa enorme sportliche (Zeitumstellung bei Auswärtsspielen), logistische (ein NFL-Team reist mit etwa 150 Personen plus Equipment) und finanzielle (Besteuerung der Spieler) Herausforderungen darstellen, doch scheint die NFL gewillt zu sein, diese Probleme lösen zu wollen. Auch die Seattle Seahawks im Nordosten der USA müssten laut Waller strapaziöse Reisen auf sich nehmen: "Das scheint ihnen nicht zu schaden. Wir müssen dann eben den Spielplan ein wenig anpassen." Wo ein lukrativer Markt ist, ist am Ende meist auch ein Weg.

Die NFL vermarktet ihre Popularität meisterlich, vor allem aber versteht sie es mindestens so gut wie der Welt-Fußballverband Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOC), Bewerber um Großereignisse gegeneinander auszuspielen. So wurde kürzlich bekannt, dass San Francisco die Kosten von 4,8 Millionen Dollar für ein paar Promotion-Veranstaltungen in der Woche vor dem Finale am Sonntag aus eigener Kasse bezahlen muss. Wohlgemerkt: Das Finale selbst findet im 75 Kilometer entfernten Santa Clara statt.

Das Stadion in Las Vegas dürfte ohnehin gebaut werden, die Arenen in London sind modern und waren bislang bei den Gastspielen der NFL stets ausverkauft. Fakten, die die NFL-Offiziellen im Standort-Poker wie Asse ausspielen und als Argumente gegen Städte wie Jacksonville, Oakland oder San Diego einsetzen. 20 Jahre lang spekulierte die NFL über den Umzug eines Klubs nach Los Angeles, so wurde sehr viel Druck entwickelt, der dazu führte, dass in dieser Zeit 26 von 32 NFL-Stadien neu errichtet oder renoviert wurden.

Die NFL kann so schnell und effizient handeln, weil sie eine selbstverwaltete Franchise-Liga ist

Nun wird gegenüber Las Vegas und London eine weitere Drohkulisse entwickelt. Kurzfristig können die Verantwortlichen die verbliebenen Städte so zum Bau neuer Stadien animieren und damit den heimischen Markt gegen andere Sportarten wie zum Beispiel den aufstrebenden Fußball verteidigen. Mittelfristig will die NFL dann expandieren, nicht nur nach Europa, sondern auch nach Südamerika. Sie will zu jener Weltliga werden, von der einige im Fußball immer mal wieder laut träumen, es am Ende aber nicht umsetzen. Die NFL kann schneller und effizienter handeln, sie ist eine selbstverwaltete Franchise-Liga, vergibt also Lizenzen an Standorte - das sind große Gewinnlose, die sie auch wieder zurückziehen kann. Verspricht eine neue Idee eine höhere Einnahme, wird sie auch umgesetzt, so schnell wie möglich.

Mit dieser Strategie setzt die NFL pro Verein im Schnitt 406 Millionen Dollar pro Spielzeit um. Zum Vergleich: In der Bundesliga sind es etwa 160 Millionen Dollar pro Klub, in der italienischen Serie A derzeit gar nur 93 Millionen. Die Carolina Panthers sind laut einer Liste des Magazins Forbes 1,25 Milliarden Dollar wert, die Denver Broncos 1,45 Milliarden. Angesichts dieser Zahlen wirken die beiden Klubs, die sich in Santa Clara zum Finale treffen, nicht mehr gar so provinziell.