25. Dezember 2012, 10:37 Skisprung-Hoffnung Andreas Wellinger Der Bub im Fernsehen

Was wird die Medienwelt aus ihrem Jungen machen? Claudia Hummel und Hermann Wellinger werden Zeugen, wie ihr Sohn Andreas Wellinger mit 17 Jahren zur neuen deutschen Skisprung-Hoffnung wird. Den ganzen Winter wird Andreas über den Fernseher flimmern. Doch seine Mutter glaubt: "Der hebt nicht ab."

Von Thomas Hahn

Der Bub macht seine Seele nicht sehr weit auf. Das hat er nie gemacht, und jetzt, da sein Leben Fahrt aufnimmt, fängt er nicht auf einmal damit an. Passt schon, sagt er, wenn die Eltern ihn fragen, wie es geht. Und was erzählt er von den Erfolgen? Von seinen Podestplätzen im Weltcup, die zuletzt das ganze Wintersportland beschäftigt haben, weil es ja keine Selbstverständlichkeit ist, wenn ein 17-jähriger Andreas Wellinger aus Weißbach im Chiemgau die Skisprungwelt aufmischt? "Wenig: Passt schon", sagt Claudia Hummel, die Mutter. "Was heißt, was er erzählt?" sagt Hermann Wellinger, der Vater, "man sieht es ja im Fernsehen."

Zufrieden ist er. Freuen tut er sich. Hermann Wellinger hat den Junior gefragt, "wie das Feeling so war", weil er natürlich schon wissen wollte, wie das ist, wenn man so weit oben auf dem Podest steht. "Einfach stark, sagt er." Und das hat dem Vater gereicht. Der Bub hat genug Stress. "Da muss man als Mama, Papa nicht auch noch zu nervig sein", sagt Hermann Wellinger. "Die Eltern sind in der momentanen Situation nicht so wichtig", sagt Claudia Hummel.

Eltern sind immer wichtig, auch wenn sie gerade nicht so wichtig sind. Sie haben Pause, wenn die Kinder ihren Weg in die weite Welt hinein machen, das schon, aber vergessen sind sie nie. Mitten hinein in die Begeisterung um seine Person hat der Teenager Wellinger neulich gesagt, dass seine Eltern einen "sehr großen Anteil" haben an seinem raschen Aufstieg aus dem C-Kader in die Weltspitze. Nicht nur, weil sie ihn einst zum Training durch die Gegend kutschierten und sein Material finanzierten, sondern auch, weil sie ihm nie Zweifel in den Weg legten. "Sie haben von Anfang an gesagt, dass ich machen soll, was mir Spaß macht." Und jetzt zählt es zu ihren Verdiensten, dass sie ihn nicht überfrachten mit ihrem Elternstolz, mit ihren Hoffnungen und mit ihrer Liebe.

In einer gesunden Familie sind die Eltern der stabilste Halt, die ewige Aussicht auf Vertrautheit und Loyalität. Aber das schreibt sich so leicht hin, wenn die Kinder größer werden und größer. Hermann Wellinger und Claudia Hummel sind gerade in einer besonderen Situation. Ihr Junge wird in diesen Tagen nicht einfach nur erwachsen. Er wird berühmt. Keines der ersten Wintersport-Wochenenden dieser Saison ist vergangen, ohne dass das Fernsehen nicht einen neuen deutschen Skisprungerfolg mit dem jungen Wellinger zeigte. Demnächst beginnt die Vierschanzentournee, da dürfte es so weitergehen. Andreas Wellinger ist Vierter im Gesamtweltcup. Die Trainer schwärmen von seinem Bewegungstalent und von seiner Auffassungsgabe. Und in der Branche raunen sie, dieser Wellinger könne der neue Stern am Popsporthimmel werden, ein Wiedergänger Martin Schmitts oder Sven Hannawalds.

Da kann einem Elternpaar schon bange werden. Was wird die Medien-Welt aus unserem Jungen machen? Aber Claudia Hummel und Hermann Wellinger sind ganz ruhig. Sie sitzen in einem Siegsdorfer Café. Draußen starrt ein kalter blauer Winterabend. Der Sohn ist erst vor zwei Tagen aus Sotschi mit seinem ersten Weltcup-Podestplatz nach Hause gekommen und hat von der lärmenden Riesenbaustelle am Olympia-Schauplatz von 2014 erzählt. Sie sind beide 48 und das, was man im Volksmund coole Eltern nennt. Beweglich, wach, unkompliziert. Sie haben sich eine Jugendlichkeit bewahrt, die ihnen ganz gut steht. Claudia Hummel trägt blaue Fingernägel und eine rote Strähne im schwarzen Haar, Hermann Wellinger ist blond und hat einen Ring im Ohr. Sie sind seit 2008 geschieden, aber vor allem wenn es um die Kinder geht, um Andreas und die beiden älteren Töchter, Tanja, 21, und Julia, 19, können sie ihre Konflikte ganz gut zur Seite packen.

Wenn die Sprache auf die Befürchtungen zum Raketenstart des Juniors kommt, sagt Hermann Wellinger: "Befürchtungen habe ich insofern, als der Druck von außen so groß werden könnte, dass er sich nicht mehr aufs Skispringen konzentrieren kann. Ich denke, er lässt das locker auf sich zukommen, und macht sich hoffentlich keinen allzu großen Kopf über viele andere Sachen." Er blickt zu seiner Ex-Frau rüber. "Oder hast du da eine andere Meinung?" - "Naa", sagt Claudia Hummel.

Es gibt verschiedene Typen von Athleten-Eltern: die überehrgeizigen, die überfürsorglichen, die ungnädigen. Es gibt Eltern, die als Fans ihrer Kinder auftreten, die das Fernsehen als Randfiguren der Sportoper inszeniert. Es gibt Eltern, die mit der Karriere des Kindes nachholen wollen, was sie selbst verpasst haben. Und es gibt Eltern, die gar nichts von der Berühmtheit ihres Kindes abhaben wollen wie die Eltern des früheren Weltmeisters Martin Schmitt, die grundsätzlich keine Interviews geben. Claudia Hummel und Hermann Wellinger sind anders. Sie haben kein überzogenes Geltungsbedürfnis, sie wollen keine Fotos von sich in der Zeitung und niemandem reinreden. Aber sie wissen, wovon sie sprechen, wenn sie von Nachwuchs und Leistungssport sprechen. Der Polizist Wellinger hatte einst Weltcup-Einsätze als Alpinskifahrer. Claudia Hummel ist auch Rennen gefahren, heute ist sie Wettkampfsekretärin beim SC Ruhpolding und Skisprungrichterin.

Der Sport gehört in die Familie wie die Berge ins Chiemgau. Alle Kinder lernten früh skifahren, alle hatten Talent. Nur der Sohn ist dann so richtig in die Leistungssportkarriere eingebogen. Es ergab sich einfach so. Er stand mit zweieinhalb erstmals auf Ski und fing schon mit den Alpinbrettern an zu springen. Die Kinder bauten sich Schanzen am Lift in Weißbach, sie bretterten über die Hügel im Winterwald, und als der kleine Andreas mit sechs Sven Hannawald im Fernsehen auf allen vier Schanzen der Tournee gewinnen sah, wollte er Skispringer werden. Die Eltern fuhren ihn zum SC Ruhpolding, weil dort die nächste Schanze stand, und dort ging es los: nachhaltige Ski-Nordisch-Ausbildung, Wettkämpfe, Talentsichtung. Die Eltern hatten gar keine Zeit, Angst um den Sohn zu haben, so beiläufig kletterte er die großen Bakken hinauf. "Auf einmal kommt er heim und sagt: Ich bin im Training heute von der Neunzig-Meter-Schanze gehupft", sagt Claudia Hummel. "Man wächst da einfach rein", sagt Hermann Wellinger, "man hat dann irgendwann das Vertrauen, dass er das machen kann."

Mit zwölf wechselte Andreas Wellinger von der Realschule in Traunstein aufs Ski-Internat in Berchtesgaden. Den Vater war entspannt, Hermann Wellinger war selbst früher im Berchtesgadener Ski-Internat. Die Mutter schluckte, aber natürlich ließ sie ihn ziehen. "Er hat uns nie das Gefühl gegeben, dass er ein Problem hat damit, und dann akzeptiert man das auch leichter", sagt Claudia Hummel. "Er ist mit Hurra abmarschiert von zu Hause."

Mit 15 wechselte er von den Kombinierern zum Spezialsprung. Er startete bei Jugend-Olympia, überzeugte im Continental Cup, fiel dem Chefbundestrainer Werner Schuster auf usw. Die Eltern waren Begleiter und Beobachter in dieser Zeit, sie etwas nervöser als er, und beide nur im Zweifel Ratgeber. "Er war nie einer, der uns als Eltern ständig gebraucht hat. Er kümmert sich um Vieles selber", sagt Claudia Hummel. "So haben wir versucht, alle drei Kinder zu erziehen", sagt Hermann Wellinger.

Und jetzt ist der kleine Andi also im Fernsehen. 1,84 Meter, leicht, athletisch, nervenstark. Die jüngste deutsche Skisprung-Hoffnung. "Schon komisch", sagt Claudia Hummel. Der Opa hat das letzthin so nett gesagt, Dieter Hummel, früher Direktor des Amtsgerichts Starnberg und Vizepräsident des Deutschen Skiverbandes: "Jetzt ist da wieder ein Deutscher, der was zerreißt, und dann ist man mit dem auch noch verwandt." Eine besondere Geschichte hat angefangen, die Eltern denken sich ihren Teil. Es werden Rückschläge kommen, keine Frage. Und was passiert, wenn der Andi wirklich berühmt ist? "Der hebt nicht ab", sagt Claudia Hummel, "die Trainer haben irgendwo ein Auge drauf."

Daheim gibt es ohnehin keine Extrawurst. Tanja, die in Österreich als Fitnesskauffrau arbeitet, und Julia, die angehende Bankkauffrau, wollen was anderes hören vom Brüderchen als Skisprung-Schwärmereien. Und die Eltern machen erst recht kein Theater. "Momentan bin ich der Meinung, man sollte das Ganze gar nicht unbedingt thematisieren, wenn er zu Hause ist", sagt Hermann Wellinger. Was der Bub übers Skispringen sagt, können sie ja im Fernsehen hören, wenn er wieder fort ist.