Voluntourismus "Einsätze in Waisenhäusern oder Kinderheimen sind ein großes Problem"

Schön fürs Fotoalbum, meist schlecht für die Kinder: Voluntouristinnen und Schüler in Tansania.

(Foto: Vilhelm Stokstad/Kontinent/laif)

Kurz mitarbeiten, dann schnell wieder weg: Eine Studie zeigt, wie problematisch Freiwilligeneinsatz im Urlaub sein kann. Antje Monshausen von Brot für die Welt erklärt, wie man es besser machen kann.

Interview von Hans Gasser

Im Urlaub Gutes tun und auf eigene Kosten an einem Hilfsprojekt oder in einem Waisenhaus mitarbeiten - diese Reiseform wird immer beliebter. Sie wird Voluntourismus genannt, nach dem englischen Begriff Volunteering, Freiwilligenarbeit. Das Hilfswerk Brot für die Welt, der Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung sowie die Kinderschutzorganisation ECPAT Deutschland haben 44 Angebote von 25 Veranstaltern untersucht und festgestellt, dass die meisten von ihnen an den Bedürfnissen der zahlenden Freiwilligen und nicht an jenen der Menschen in den Entwicklungsländern ausgerichtet sind (die Publikation ist online hier zu finden). Antje Monshausen, Tourismusexpertin von Brot für die Welt, erklärt, wie man es besser machen kann.

SZ: Im Waisenhaus helfen statt am Strand zu liegen - was ist falsch daran?

Antje Monshausen: Grundsätzlich ist es gut, sich gesellschaftlich zu engagieren, auch im Ausland. Aber viele der Voluntourismus-Angebote, die wir uns angesehen haben, sind eher kontraproduktiv. Vor allem Einsätze in Waisenhäusern oder Kinderheimen sind ein großes Problem. In einigen Ländern wie etwa Kambodscha gibt es viele privat geführte Waisenhäuser nur deshalb, weil sich mit den Kindern gutes Geld verdienen lässt. Die Touristen aus den Industrieländern zahlen oft viel für so einen Aufenthalt. Oft haben die Kinder noch Eltern, die sie aber dorthin geben, weil sie dafür etwas Geld bekommen und auf gute Bildung für die Kinder hoffen. So werden diese ihres Rechts beraubt, bei ihren Eltern aufzuwachsen.

Achten die deutschen Voluntourismus-Anbieter etwa nicht auf solche negativen Auswüchse?

Leider zu wenige. 14 der von uns untersuchten 25 Anbieter haben weiter Waisenhausprojekte im Programm. Der Markt für diese Art von Reisen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Wir schätzen, dass 25 000 Menschen pro Jahr in Deutschland eine solche Reise buchen. Die Mehrheit der Freiwilligen will was mit Kindern machen. Und hier ist es so, dass die Anbieter vor allem die Kundenwünsche und nicht so sehr die Erfordernisse der Menschen in den Entwicklungsländern im Blick haben. So gibt es immer mehr einwöchige Angebote. Das macht bei der Arbeit mit Kindern wenig Sinn und birgt Gefahren.

Antje Monshausen findet es gut, wenn junge Leute sich im Ausland engagieren. Nur sollten sie es für längere Zeit und mit guter Vorbereitung tun. Monshausen ist Tourismusexpertin bei Brot für die Welt.

(Foto: Hermann Bredehorst)

Weshalb?

Der häufige Wechsel ist für Kinder problematisch. Wenn eine Bezugsperson, die sie vielleicht lieb gewonnen haben, nach wenigen Wochen wieder geht, kann das sehr belastend sein. Aufenthaltszeiten unter einem halben Jahr machen da keinen Sinn. Auch in Schulen und Kindergärten nicht. So etwas ist in Deutschland ja auch aus guten Gründen nicht erlaubt, wieso sollte es dann im Ausland so sein?

Klären die Anbieter ihre Kunden auf?

Nach unserer Recherche bietet ein Drittel der Anbieter keine Vorbereitungskurse an. Die anderen bieten zwar Vorbereitungstage an, allerdings nicht verpflichtend und gegen zusätzliche Bezahlung, meist erst vor Ort. Häufig werden die Interessenten auch nicht nach ihren Fähigkeiten und Vorkenntnissen gefragt. Nur ein Viertel der Veranstalter forderte einen Lebenslauf an, nur 18 Prozent wollten ein Motivationsschreiben, ein Bewerbungsgespräch gab es bei keinem der Anbieter. Immerhin hat sich seit unserer letzten Untersuchung vor drei Jahren die Anforderung eines polizeilichen Führungszeugnisses erhöht. Immerhin 54 Prozent der untersuchten Anbieter fordern dies jetzt an.

Wie erkennt man ein gutes Angebot?

Leider gibt es keine unabhängige Überprüfung, kein Zertifikat. Wir raten, intensiv nachzufragen: Wie läuft die Vorbereitung, wie lange arbeitet der Veranstalter bereits mit der lokalen Organisation zusammen, wie viel von dem Reisepreis landet bei dieser, gibt es eine Kinderschutz-Strategie?

Was wird getan, um Kindesmissbrauch zu verhindern?

Nur sechs von 25 untersuchten Veranstaltern haben eine Kinderschutz-Strategie oder zumindest Ansätze zum Kinderschutz implementiert. Dabei wäre es so wichtig, Risiken zu analysieren, die Freiwilligen zu sensibilisieren und das Personal hier sowie im Entwicklungsland zu schulen. Studien aus verschiedenen Ländern zeigen, dass überall auf der Welt Missbrauchsfälle an Kindern vorkommen, die durch internationale Freiwillige begangen werden.

Wie sollte man es als interessierter Freiwilliger richtig machen?

Wir raten eher zu entwicklungspolitischen Einsätzen bei gemeinnützigen Organisationen, die von der Bundesregierung etwa mit dem Programm "Weltwärts" gefördert werden. Da werden die Freiwilligen intensiv vorbereitet. Ein Einsatz dauert mindestens ein Jahr. So kann das Potenzial dieser jungen Menschen am besten genutzt werden. Am Ende geht es ja weniger um Helfen, sondern um globale Lernerfahrungen. Diese werden wegen der erheblichen Defizite bei der Vorbereitung, bei Auswahl und Begleitung der Freiwilligen im Rahmen kurzzeitiger Voluntourismus-Angebote kaum erreicht.

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