Siena Piazza del Campo

Wenn das mit dem Airport nichts mehr wird, dann können die Berliner einfach die Bauruine in der Landschaft stehen lassen und sie "Neuer Flughafen" nennen. Das hat ihnen Siena vorgemacht - und die Idee funktioniert seit fast 700 Jahren. Am Anfang stand, wie so oft, der Lokalpatriotismus: Florenz baut einen Riesendom? Wir bauen einen noch riesigeren!

Dabei hatte man erst einen errichtet, schwarz-weiß gestreift, marmorverkleidet und von den besten Künstlern der italienischen Gotik ausgestattet. Dieser Dom sollte nach dem Willen der freien Kommune Siena künftig nur noch das Querschiff der geplanten Megakirche sein. 1339 begannen die Bauarbeiten für den Super-Dom. Ein Architekt namens Lando di Pietro wurde mit der Zyklopenarbeit betraut, und die Arbeit unter ihm und seinen Nachfolgern ging schnell voran. Zu schnell offenbar. Denn trotz der Unsummen, die die Kommune für das Großprojekt ausgab, hatte man offenbar an der Verpflichtung eines erfahrenen Statikers gespart. In Siena war der Platz für ein derartiges Gebäude kaum vorhanden, der Baugrund reichte gefährlich nah an die Kante des Dombergs heran.

Und dann kam die Pest. 1348 wurden die Bauarbeiten eingestellt und nie wieder aufgenommen. Wirtschaftskrise und Bevölkerungsschwund folgten, wegen des instabilen Untergrunds begann der Torso zu bröckeln. 1356 erklärte die Kommune das Projekt für gescheitert. Heute stehen nur das nördliche Seitenschiff und ein Teil der gigantischen Fassade als Denkmal kommunaler Hybris in der Altstadt. "Duomo Nuovo" nennen die Sieneser ihre Bauruine bis heute stolz.

Martin Bernstein

Im Bild: Piazza del Campo in Siena

Bild: AFP

20. Januar 2013, 11:35 2013-01-20 11:35:13

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