Koloss Rhodos

Zu spät, zu teuer, zu groß: So etwas wie das Berliner Airport-Desaster gab es früher nicht? Von wegen. Neun Beispiele.

Der Staat als Bauherr hat, so mild wie möglich formuliert, ein gewisses Ansehensproblem. Das liegt nicht nur daran, dass jedes öffentliche Vorhaben - ob Kinderkrippe oder Flughafen, ob Straße oder Bahnhof, ob sinnvoll oder nicht - die Heiligen Floriane des digitalen Zeitalters alarmiert, die dann rufen: Gute Idee, aber nicht bei uns. Leider ist es aber auch so, dass viele staatliche Projekte eine Art eingebaute Automatik haben, die keine Macht der Welt stoppen kann: Sie dauern viel länger und werden viel teurer, als es vorher geheißen hat; Mächtige können darüber stürzen. Es mag ein geringer Trost für die Verantwortlichen des Berliner Flughafendebakels sein, aber: Das ist schon seit der Antike so.

Rhodos: Der Koloss

Als die große Maschine auf die Mauern zurollte, glaubten die Bewohner von Rhodos: Nur der Himmel kann noch helfen. Der berüchtigte Herrscher Demetrios I. hatte 304 v. Chr. einen neunstöckigen Belagerungsturm an die Wälle heranschieben lassen. Doch da kam jemandem in Rhodos ein so göttlicher Einfall, dass es nachher hieß, der Sonnengott Helios selbst habe ihn ersonnen: Sie zogen einen verdeckten Graben vor die Mauer, die schreckliche Maschine kippte, Demetrios gab auf.

Zum Dank errichteten sie Helios die größte Statue der Welt. 36 Meter hoch soll der bronzene Koloss gewesen sein. Wo er stand, weiß niemand. In der Phantasie der Maler war sein Platz an der Hafeneinfahrt, wo die Schiffe zwischen seinen herkulischen Schenkeln einpassierten. Unter den sieben Weltwundern ragt der Koloss durch seine Kurzlebigkeit heraus. Bei einem Erdbeben 228 v. Chr. knickte er in den Knien weg und stürzte. Jahrhunderte lagen die Trümmer herum. "Auch liegend erregt er Staunen", so der Römer Plinius, "die Finger sind größer als die meisten Statuen." 653 schleppten arabische Plünderer das wertvolle Metall davon. Der Koloss blieb in Erinnerung als Mutter, nun gut Vater, tückischer Großprojekte. Aber man kann aus ihm lernen - etwa die Verträge mit privaten Investoren so zu regeln, dass diese Kostensteigerungen tragen und nicht der Staat: Der Bildhauer Chares von Lindos, ruiniert, nahm sich das Leben. Und Klaus Wowereit hält es eigentlich nur wie die Rhodier. Sie beherzigten, was ihnen das Orakel von Delphi nach dem Sturz der Statue riet: "Was gut liegt, das soll man nicht von der Stelle bewegen."

Joachim Käppner

Bild: istock

20. Januar 2013, 11:35 2013-01-20 11:35:13  © SZ vom 19.01.2013/cag

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