USA: Luftverkehr Grapschen per Gesetz

Wer auf US-Flughäfen nicht durch den Körperscanner gehen will oder anderweitig Verdacht erregt, wird gründlich abgetastet - inklusive Intimbereich.

Von Reymer Klüver

Tom Sawyer hatte sie gewarnt. Aber die beiden Männer von der Flugsicherheitsbehörde TSA wollten nicht hören. "Sie sagten, meine Gesundheitsprobleme gingen sie nichts an", erzählt Sawyer. Und so nahm das Unheil seinen Lauf an der Sicherheitsschleuse im Flughafen von Detroit. Sawyer, ein pensionierter Lehrer, hat nach einer Krebsoperation einen künstlichen Blasenausgang. Der Urinbeutel hatte Alarm ausgelöst in den neuen Ganzkörper-Scannern, die in diesem Jahr in Detroit und 69 anderen der insgesamt 450 US-Airports installiert wurden. Der 61-Jährige musste sich abtasten lassen. Doch auch da setzt die TSA auf neue, verschärfte Methoden.

Die TSA-Angestellten sind angewiesen, allen Körperpartien eng zu folgen, inklusive der Geschlechtsteile. Das taten sie auch bei Sawyer und drückten einmal kräftig auf den Urinbeutel an seinem Bauch: "Und wie kann es anders sein", erzählt Sawyer, "der Verschluss platzte, und der Urin begann langsam in mein Hemd zu tropfen und an meinem Bein entlang in die Hose. Es war einfach erniedrigend." Den TSA-Leuten war das egal. Sawyer musste in nassen Hosen zur Familienhochzeit nach Orlando fliegen.

Die Hälfte der US-Amerikaner hält das Abtasten für übertrieben

Vorfälle wie diese häufen sich, seitdem die TSA Anfang des Monats ihre Prozeduren zur Überprüfung der Passagiere noch einmal verschärft hat. Nur auf diese Weise, so die Begründung, könnten Terroristen wie der sogenannte Weihnachtsbomber Umar Farouk Abdulmutallab entdeckt werden, der ein Flugzeug mit Hilfe eines Sprengstoffbeutels in der Unterhose in die Luft jagen wollte.

Doch die Aufregung über die staatlich sanktionierte Grapscherei an den Flughäfen ist groß im prüden Amerika. Schon die Ganzkörper-Scanner hatten - wie in Deutschland - heftige Diskussionen ausgelöst. Da allerdings ist das Pendel zugunsten des allgemeinen Sicherheitsbedürfnisses ausgeschlagen. Fast zwei Drittel aller Amerikaner, so eine Umfrage der Washington Post, befürworten den Einsatz der Maschinen.

Ganz anders aber ist das nun mit den pat downs, also dem Abtasten sämtlicher Körperpartien. Dieser Prozedur müssen sich alle Passagiere unterziehen, die Verdacht erregen - oder nicht durch die Durchleuchtungskabinen wollen. Exakt die Hälfte aller US- Bürger empfindet das Abtasten als übertrieben, nur 48 Prozent halten es für angemessen.

Ein politisches Problem

Das ist nun ein politisches Problem geworden, und im Weißen Haus verstehen sie die Welt nicht mehr. Noch nicht einmal vor Jahresfrist, als der Weihnachtsbomber mit knapper Not gestoppt wurde, hielt die Opposition dem Präsidenten und seinen Leuten vor, die Terrorbedrohung nicht ernst genug zu nehmen.

Nun sagt zum Beispiel der republikanische Kongressabgeordnete John Mica, dass die TSA ihre gerade eingeführten neuen Methoden "überarbeiten" müsse. Mica ist nicht irgendwer. Er wird im Januar Chef des Verkehrsausschusses im Repräsentantenhaus, zuständig für die Überwachung der TSA. Bombardiert mit Journalistenfragen, sagte Präsidentensprecher Robert Gibbs fast flehentlich, man suche "verzweifelt" die Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem Schutz der Allgemeinheit.

Das war wohl auch der Auftrag aus dem Weißen Haus für John Pistole, den TSA-Chef. Noch am Sonntag hatte der gesagt, dass es kein Zurück gebe von den neuen Methoden. Am Montag war er schon nicht mehr so eindeutig. Und außerdem rief er Tom Sawyer in Detroit an. Er entschuldigte sich im Namen der TSA.