Reisepionierin Amelia Stewart Knight "Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie"

Abbruch eines Camps bei Sonnenaufgang

(Foto: Gemälde von Alfred Jacob Miller. Quelle: Wikimedia commons)

Amelia Stewart Knight reiste 2000 Meilen im Planwagen auf dem Oregon Trail in den Wilden Westen, durch reißende Flüsse und über die Rocky Mountains - mit sieben Kindern und schwanger mit dem achten.

Von Katja Schnitzler

Knapp 30 Stunden, so lange dauert es, wenn man heute mit dem Auto vom Monroe County mitten in Iowa an die Westküste der USA möchte. Genauer, nach Portland in Oregon. Auf den 2000 Meilen sind zu ertragen: Baustellen, Staus und die Müdigkeit, die sich beim monotonen Fahren zwangsläufig einstellt.

Was sich der moderne Reisende erspart: Eisiges Wasser, das in den Planwagen schwappt. Flüsse, die durchschwommen werden müssen, weil es weder Brücke noch Furt gibt. Gestank von verwesenden Rindern, die wortwörtlich auf der Strecke geblieben sind. Staub, Hitze und Gewaltmärsche, um die Ochsenwagen zu entlasten. Das alles mit sieben Kindern, und hochschwanger mit dem achten.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

So machte sich Amelia Stewart Knight im Jahr 1853 auf den Weg - und berichtete in ihrem Tagebuch zwar detailliert über die Strapazen der Reise, verlor aber kein Wort über ihre Schwangerschaft, und auch kaum ein Wort der Klage.

Bis 1869 die Eisenbahn den gezähmten Osten und den Wilden Westen der USA verband, waren Siedler der neuen Gebiete auf die beschwerliche Reise in Planwagen angewiesen, gezogen von Pferden und vor allem von starken Ochsen. Da die Wagen mit dem ganzen Hausrat für den Start in ein neues Leben schwer genug waren, fuhren oft nur die Kleinsten oder Schwächsten darin mit. Alle anderen ritten oder gingen zu Fuß.

30 Jahre mühseliges Reisen auf dem Oregon Trail

Präsident Thomas Jefferson hatte die Lewis-und-Clark-Expedition beauftragt, im Jahr 1804 einen Weg über die Berge nach Westen zu finden (lesen Sie hier, wie dies nur mithilfe einer jungen indigenen Frau möglich war). Die Abenteurer waren zwar erfolgreich, aber die entdeckten Routen waren ungeeignet und zu gefährlich für Siedlertrecks. Doch nun machten sich Trapper auf den Weg - und fanden dank hilfsbereiter Ureinwohner weiter südlich leichter zugängliche Bergpässe.

Die neuen Möglichkeiten sowie die zunächst falsche Darstellung, der Weg nach Westen sei kaum anstrengender als ein munterer Spaziergang, lösten eine regelrechte Wanderbewegung aus. Dies war durchaus politisch gewollt, denn die Wildnis, welche "Oregon Country" genannt wurde und das heutige Oregon, Washington und Teile Idahos umfasste, gehörte noch den Briten. Je mehr Amerikaner sich dort niederließen, umso eher konnten die Vereinigten Staaten dieses Gebiet für sich beanspruchen. An manchen Engstellen sind noch heute die Spuren der schweren Wagen im Fels sichtbar, insgesamt sind etwa eine halbe Million Menschen zwischen 1840 und 1860 hier entlanggekommen. Nach konservativen Schätzungen erreichten 20 000 von ihnen niemals ihr Ziel.

Oregon Trail

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Bis Amelia Stewart Knight und ihr Mann Joel, ein Arzt und Hutmacher, sich mit ihren sieben Kindern 1853 auf den Weg machen, hatte sich zwar schon herumgesprochen, dass der Oregon Trail wahrlich keine Picknickfahrt war. Vielleicht hätten sich die Knights aber auch nicht abschrecken lassen, wenn sie vorher genau gewusst hätten, was sie zu überwinden und durchzustehen hätten. Schließlich wollten sie nach 16 Jahren in Iowa den dortigen eisigen Wintern entgehen und sich an der gemäßigten Westküste niederlassen.

Einmal jedoch lässt sich die Pionierin im Tagebuch doch hinreißen: "Oh, Oregon, du musst schon ein wundervolles Land sein." Dies notiert sie im Dauerregen, wegen dem die Ochsen vom Joch aufgescheuerte Nacken haben, ihr Mann hat sich zudem den Magen am schlammigen Flusswasser verdorben. Und das noch, bevor sie staubtrockene Gegenden erreichen, in denen das einzige Wasser giftig für Mensch und Vieh ist.

Trotz der Strapazen, ihrer Kopfschmerzen und Erschöpfung legt sich Amelia Stewart Knight eine Chronistenpflicht auf, jeden Abend in einigen Sätzen knapp den Tag zu beschreiben. Sätze, die jede romantische Vorstellung zerplatzen lassen, die man von so einer Planwagen-Tour haben könnte, die in Wahrheit eine Tortur ist. Umso erstaunlicher, dass die Pionierin immer wieder mal die Schönheiten der Landschaft würdigt - bisweilen mit einer Prise Eigennutz: "Wir reisten heute 20 Meilen, immer auf und ab, es war sehr warm und staubig. Wir campen an einer herrlichen Quelle in einem Zedernwäldchen. Während ich schreibe, nehmen wir alle eine wunderbare Dusche." Zuvor hat ein Gewittersturm fast alle Vorräte zerstört - fast jeder Tag bringt kleinere und große Dramen mit sich, die an den Nerven zerren und allen die Kraft rauben.

Amelia Stewart Knight

(Foto: oh)

Schon der Start im April 1853 ist holperig: Am dritten Tag ist alles vom Regen durchnässt, das Vieh brüllt die ganze Nacht und zwei der Kinder haben Mumps. Tatsächlich gehörten Krankheiten zu den größten Gefahren auf dem Treck, oft breiteten sie sich wie eine Epidemie in der ganzen Wagenkolonne aus. Auch Unfälle endeten oft tödlich: Aus Waffen lösten sich auf holperigen Wegen Schüsse, Pferde warfen ihre Reiter ab. Menschen stürzten vom Wagen und wurden unter den Rädern zermalmt. Einmal fällt Amelia Stewart Knights jüngster Sohn Chatfield unter den Planwagen, genau in dem Moment als die Ochsen anziehen. "Ich hatte noch niemals so viel Angst in meinem Leben." Ein anderes Mal vergessen die Eltern die Tochter Lucy im Trubel der Abfahrt - jeder denkt, ein anderer schaue nach ihr im anderen Wagen. Erst bei einer Pause holt sie ein nachfolgender Treck mit dem völlig aufgelösten Kind ein, das am Ufer das Treiben an einer Furt beobachtet und so die Abfahrt verpasst hat.

An anderer Stelle kommt Amelia Stewart Knight eine trauernde Familie entgegen: Der Vater ist beim Überqueren eines Flusses ertrunken, den die Knights am nächsten Tag durchschwimmen müssen. Dieses Mal mit noch mehr Angst. "Mit Trauer und Bedauern fuhr ich an ihnen vorbei, die wohl ein paar Tage zuvor noch so wohlauf und froh waren wie wir." Feindselige Ureinwohner sind da das kleinste Problem - ganz im Gegenteil.