Serie "Mythos New York" "Hast du geguckt, ob Geldbeutel und Handy noch da sind?"

Eine Straßenszene in New York. Lauert wirklich ständig Gefahr hinter der nächsten Ecke?

(Foto: AFP; Bearbeitung SZ)

Wer nach New York reist, wird vor Gangstern in düsteren Vierteln oder zumindest vor dreisten Taschendieben gewarnt. Doch die Stadt ist sicherer als gedacht - und charmanter.

Von Johanna Bruckner, New York

Dass New York eine Stadt ist, in der man offensichtlich etwas besser auf sich aufpassen muss, wurde mir zum ersten Mal im sicheren München bewusst. Die Vermieterin meines künftigen New Yorker Appartements warnte mich im Skype-Telefonat vor scams, also Betrügereien: "Hier versucht jeder, dich über den Tisch zu ziehen." Meine Vermieterin hat immerhin schon ein eigenes Restaurant in New York geführt - "die weiß, wovon sie redet", dachte ich. Tatsächlich wurde ich gleich in meiner ersten Woche in New York erneut mit dem Begriff scam konfrontiert. Allerdings anders als erwartet.

Ich hatte gerade einer Freundin am Telefon von einem Erlebnis erzählt, dass für mich einmal mehr der Beweis war, dass New York die Stadt der positiven Überraschungen ist. Ich war bei minus acht Grad Celsius eine Stunde durch Brooklyn gestapft auf der Suche nach einem bestimmten Park, nur um dann unverrichteter Dinge wieder durch die Kälte zurückzulaufen, weil Teile des Parks kostenpflichtig sind. Also stand ich verfroren und missmutig im Supermarkt und überlegte, was mich wieder aufwärmen könnte. Da erschien mir ein Engel. Nicht wirklich, wahrscheinlich. Tatsächlich blieb ein kleiner Junge vor mir stehen und sagte: "You are so pretty." Während ich noch überlegte, ob auch extreme Kälte zu Halluzinationen führen kann, und falls nein, wie man auf ein so unverhofftes Kompliment reagiert, entschwand der Junge zwischen Poptarts und Milch in Jumbo-Plastikkanistern.

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Mir blieb also nichts anderes übrig, als das Ganze telefonisch aufzuarbeiten. Doch die Reaktion der deutschen Freundin war kein verzücktes "Och, wie süüüß!". Stattdessen bekam ich recht uncharmant zu hören: "Bist du sicher, dass das kein scam war? Hast du mal geguckt, ob Geldbeutel und Handy noch da sind?"

Müssen Touristen in New York Angst um ihr Leben haben?

Ich war verunsichert: War ich zu naiv? Wie viel Vorsicht ist in New York heute noch angebracht? Müssen Touristen Angst um ihr Leben haben, wenn sie aus Versehen eine U-Bahn-Station zu weit fahren?

Dass New York einmal zu den gefährlichsten Großstädten der Welt zählte, ist bekannt. 1990 verzeichnete die Kriminalitätsstatistik die bislang höchste Anzahl an Morden: Damals kamen in einem Jahr 2245 Menschen gewaltsam ums Leben. Die U-Bahn galt als Ort, an dem man damit rechnen musste, überfallen zu werden (oder Schlimmeres). Taxifahrer weigerten sich, bestimmte Viertel anzufahren. Doch unter Bürgermeister Rudolph Giuliani änderte sich das. Sein "Broken Window"-Ansatz lässt sich sehr vereinfacht so zusammenfassen: Wer Vandalismus nicht hart bestraft, hat bald gravierendere Probleme als kaputte Fenster und Graffiti an Hauswänden. Indem er also schon kleine Delikte verfolgen und streng sanktionieren ließ, schaffte es Giuliani tatsächlich, New York sicherer zu machen. Heute liegt die Mordrate der Stadt unter dem nationalen Durchschnitt.

Mythos New York - eine Serie

"Die Stadt, die niemals schläft", "Metropole der Singles", "unbezahlbar" - Reisende haben viele Bilder im Kopf, wenn sie New York City besuchen. Aber was ist dran an den Klischees? In der Serie "Mythos New York" macht unsere neu angekommene Korrespondentin den - ganz subjektiven - Realitätscheck.

Die anekdotische Evidenz, oder einfacher: das Bauchgefühl, bestätigt diese Sicherheitslage. Die U-Bahn ist das favorisierte Fortbewegungsmittel der meisten New Yorker (der Bus dagegen hat ein Image-Problem). Auch als Frau ist es kein Problem, nachts alleine von Manhattan nach Brooklyn zu fahren - die U-Bahn ist zu jeder Zeit voller Menschen. Und selbst vor der Bronx macht die Gentrifizierung nicht halt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht noch Ecken in New York gäbe, in denen man sich als Tourist unwohl fühlen kann. Vor allem abseits von Manhattan. In Brooklyn ändert sich das soziale Gefüge manchmal von einem Block zum nächsten. Während sich in der einen Straße ein veganes Hipster-Café ans nächste reiht, steht 150 Meter weiter eine schmucklose Backstein-Anlage mit Sozialwohnungen - und immer mindestens einem Polizeiauto vor dem Komplex. Aber nur weil man in Vierteln mit einer höheren Arbeitslosigkeit auch tagsüber Menschen auf der Straße sieht - ja, manchmal auch in Grüppchen - bedeutet das noch lange nicht, dass diese Menschen nur darauf warten, ahnungslose Touristen abzuziehen. Sehr wahrscheinlich genießen sie nach einem viel zu langen Winter die ersten Frühlingssonnenstrahlen.

Tue nichts, was Du nicht auch in Deutschland tun würdest

Als Tourist kann und sollte man die Insel der gutverdienenden Glückseligkeit verlassen, um wirklich zu erleben, wie vielfältig und interessant New York ist. Am besten holt man dafür seinen gesunden Menschenverstand aus dem Urlaub zurück: Auch in Deutschland würde man nicht nach Einbruch der Dunkelheit durch ein Viertel schlendern, in dem man noch nie zuvor war. Wer wissen will, wie sicher bestimmte Stadtteile sind, muss keine Kriminalitätsstatistiken der New Yorker Polizei googeln. Einfach mal einen Hotel-Mitarbeiter oder den Vermieter des Airbnb-Appartements fragen. Die wenigsten New Yorker, die man in Manhattan trifft, sind dort aufgewachsen. Sie kommen aus Brooklyn, Queens, Harlem oder der Bronx und kennen sich dort in der Regel besser aus als die meisten Reiseführer - was Geheimtipps und Gefahren angeht.

Ich bin im Übrigen immer noch im Besitz meines Geldbeutels - allerdings hat das nichts mit Vorsicht, dafür aber alles mit den Menschen in New York zu tun. Kurz nach der Erscheinung im Supermarkt fiel mir in einem Drogeriemarkt auf der Fifth Avenue unbemerkt mein Portemonnaie aus der Tasche. Ein Kunde gab den Geldbeutel an der Kasse ab und die Managerin des Drogeriemarkts rief bei der Service-Hotline meiner Bank an, in der Hoffnung, dass man dort einen Kontakt zu mir hätte. Denn außer meiner amerikanischen EC-Karte hatte ich nur deutsche Dokumente im Portemonnaie. Tatsächlich konnte die Bank weiterhelfen. Und ich bekam den bislang schönsten Anruf in New York.

Tipps für die nächste Reise nach New York:

Brunch in Harlem: Der Sonntagsbrunch ist für New Yorker (fast) wichtiger als das Weggehen am Samstagabend. Besonders herzlich wird man im "BLVD Bistro" empfangen - das Service-Personal spricht auch Nicht-Stammgäste mit "Sweetheart" an, dazu passend steht auf der Karte "American Soul Food". Unbedingt vorher reservieren!

Tiere bestaunen in der Bronx: Der Bronx Zoo liegt mitten im Bronx Park und ist der älteste Tierpark Amerikas. Auf einer Fläche von mehr als einem Quadratkilometer sind etwa 6000 Tiere beheimatet. Wer Tickets online bucht, bekommt zehn Prozent Rabatt - jeden Mittwoch ist der Eintritt frei, Spenden sind allerdings erwünscht. Mehr Informationen gibt es hier.

Der schönste Weg nach Brooklyn: ... führt über die Williamsburg Bridge. Völlig zu Unrecht kommt diese Brücke über den East River in Reiseführern häufig zu kurz. Und das, obwohl sie allein optisch mehr hermacht als Brooklyn oder Manhattan Bridge - von Weitem sehen die bläulichen Stahlstreben fast filigran aus. Wer von Manhattan aus Richtung Brooklyn läuft, hat dort entweder die Möglichkeit, nördlich weiterzuspazieren und das hippe Williamsburg zu erkunden. Oder man dreht eine Runde durch das Gebiet südlich der Williamsburg Bridge: Dort leben viele orthodoxe Juden in ihrer ganz eigenen Welt.

Nächtlicher Imbiss in Queens: Die Roosevelt Avenue in Queens ist ein Geschmacksabenteuer. Vor allem am Wochenende stehen dort bis spät in die Nacht hinein Imbisswagen und bieten die Spezialitäten der lateinamerikanischen Küche feil. Hier gibt es ganz klassisch frisch zubereitete Tortillas, aber beispielsweise auch ecuadorianische Kutteln. Rausfahren (es verkehren von Manhattan die Linien 2, 3 und 7) und ausprobieren!