Religion in der Türkei Die guten Nachbarn von Istanbul

Das Foto zeigt ein Glasfenster mit Davidstern an einem Wohngebäude.

(Foto: Gerhard Leber/Imago)

Muslime leben neben Juden und Christen - einen Ort wie diesen gibt es im Nahen Osten immer seltener. Bei den Feiern zum Jahreswechsel zeigt sich das besonders deutlich.

Reportage von Monika Maier-Albang

Niso Yeruşalmi ist unsichtbar, und das soll so bleiben. Deshalb, bitte: kein Foto! Was schade ist, denn der Herr mit den silbernen Haaren hat so besondere Augen. Etwas glubschige zwar, aber es sind fröhliche, freundliche Augen. Jeder im Viertel kenne ihn, sagt Niso Yeruşalmi, er halte Kontakt mit allen Nachbarn, dem Bäcker, dem Metzger und natürlich mit den Taxifahrern, die vor der Synagoge parken. Sie alle sind sein Sicherheitsnetz. Denn Niso Yeruşalmi ist nicht nur Gastgeber in der Synagoge. Er ist der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde. Fotos im Internet wären da wenig hilfreich, sagt er.

Beth Yaakov, Haus Jakobs, im Istanbuler Stadtviertel Kuzguncuk, auf der asiatischen Seite der Stadt. Hier gibt es noch viele der alten Holzhäuser, manche liegen direkt am Bosporus, immer in Kollisionsgefahr mit den Tankern, die sich durch die Meerenge mühen. Ein schönes Viertel, hügelig, mit Cafés und Fischrestaurants, in denen man gerne sitzt. Was man nicht auf den ersten Blick sehen kann, ist das Leben der religiösen Gemeinden hier. Die Synagoge liegt in einer Seitenstraße, die Tür rahmen zwei Säulen, darüber ein Giebel mit hebräischer Inschrift. Gäste kommen nur angemeldet ins Gebäude, durch eine nachträglich eingebaute Schleuse gelangt man in den überdachten Innenhof, von wo aus man in die Synagoge geht, Jahrgang 1878 und eher unscheinbar.

Auf eine sympathische Art sind sie pragmatisch hier. Männliche Gäste können, müssen aber keine Kippa aufsetzen. Und betagte Damen, die die steilen Stufen zur Frauenempore nicht mehr schaffen, sitzen selbstredend neben den Männern im Hauptraum. Kal de Abaşo, Untere Synagoge, nennt sie der Volksmund, denn der sprach hier früher Ladino, die Sprache der sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben wurden und von denen viele im Osmanischen Reich eine neue Heimat fanden - 40 000 kamen damals allein nach Istanbul. Heute sind sie noch 12 000, in der ganzen Türkei, 10 000 von ihnen wohnen in Istanbul. Man spricht türkisch miteinander, Hebräisch ist nur die Sprache der Liturgie; Ladino können heute bestenfalls noch die Alten, Niso Yeruşalmi etwa.

Grafik: SZ

Er ist einer der letzten Juden, die noch in Kuzguncuk wohnen. Acht seien sie, genau genommen, sagt er. Anfang des Jahrhunderts lebten noch 800 Familien im Viertel. Nach der Staatsgründung Israels waren viele dorthin ausgewandert. Ebenso 1955, nach dem September-Pogrom. Damals zerstörten Nationalisten in Istanbul Geschäfte und Wohnhäuser von Griechen und anderen Nicht-Muslimen, töteten mehrere Geistliche. Seit den 60er-Jahren zogen viele Juden aus Kuzguncuk nach Şişli oder Levent; viele wohnen heute auch in Ortaköy. Man sah auf die eigenen alten Holzhäuser hinab, die schlecht zu beheizen und beengter waren als die Neubauwohnungen. Einige mögen den Umzug bereut haben, nun, da das Viertel sich in jene Stadtteile einzureihen beginnt, wo, sobald die Straßen neu gepflastert sind, schicke Cafés eröffnen, vor denen im Dezember selbst nachts junge Leute unter Heizpilzen sitzen.

Jedes Jahr laden die Juden die Muslime zum Fastenbrechen ein. Man vertraut einander

Die Kuzguncuker Juden mögen zwar weggezogen sein, aber sie fühlen sich ihrem Viertel nach wie vor verbunden. Zum Heiraten, zu den großen Festen im Jahreslauf kommen sie in ihre alte Synagoge, wo noch regelmäßig Gottesdienst gefeiert wird. Und so ist in Kuzguncuk trotz aller Umwälzungen noch immer etwas von jenem Istanbul zu spüren, in dem Muslime, Juden, Christen Seite an Seite wohnten, nicht immer harmonisch, aber weitgehend in Frieden. In Kuzguncuk liegen die Moschee und die älteste armenische Kirche der Stadt, Surp Krikor Lusavoriç, nebeneinander an der Hauptstraße. Wer zur Synagoge will, muss von dort aus nur ein paar Meter weiter gehen und in die Seitenstraße abbiegen. Die Nähe ist hier tatsächlich mehr als ein zufälliges räumliches Nebeneinander. Zum Ende des Ramadan laden die Kuzguncuker Juden ihre Nachbarn zum Iftar-Essen ein, zum Fastenbrechen. Die Griechen kommen, die Armenier, die Muslime ohnehin. 250 Gäste bewirten sie dann hier, und das nun schon seit 23 Jahren. Man legt Teppiche auf den Boden im Nebenraum der Synagoge, damit die Muslime vor dem gemeinsamen Essen beten können. Der Hodscha sendet seinen Gebetsruf von der Synagoge aus ins Viertel. Berührungsängste mit den Muslimen? Niso Yeruşalmi lacht. "Wir kennen uns hier doch von Kindheit an. Wir sind eine Familie." Blauäugig sind sie ja trotzdem nicht. Sie wissen, dass es ein Leben ohne Bedrohung für sie nicht gibt. Und dass in den muslimisch dominierten Ländern des Nahen Ostens Refugien wie das ihre aussterben. Die meisten Christen aus dem Irak und aus Syrien, die dort in einer ähnlich vertrauten Nachbarschaft mit Muslimen gelebt hatten, sind längst vor den IS-Terroristen geflohen.

Dass die Synagogen in Istanbul schwer bewacht sind, hat seine Gründe. In der Hauptsynagoge Neve Shalom, der "Oase des Friedens" nahe des Galataturms, starben 1986 bei einem Anschlag zur Gebetszeit 25 Menschen. Bei einer Serie von islamistisch motivierten Anschlägen 2003 detonierte hier eine Autobombe, es gab 24 Tote. In den staatlich kontrollierten Ditib-Moscheen haben Salafisten zwar kaum Einfluss, aber es gibt sie. Komplett verschleierte Türkinnen sieht man etwa im Stadtteil Fatih, nahe der Chora-Kirche.

Niso Yeruşalmi sagt trotzdem kein böses Wort über Muslime, generelles Misstrauen kennt er nicht. "Die Nachbarschaft hier schaut aufeinander." Und der Imam von nebenan, Ayden Vatan, sagt, er hoffe, "dass es ewig so bleibt, wie wir miteinander leben. Wir freuen uns mit unseren Nachbarn. Und wenn sie traurig sind, teilen wir auch das mit ihnen."