Reisefotografie Berge auf Glas

Kurt Moser filmte einst in Krisengebieten. Nun porträtiert er die Dolomiten und ihre Bewohner mit alter Fototechnik.

Von Gitti Müller

Kurt Moser atmet tief ein. Die Augen verengt, das dunkelgraue Haar schweißnass auf der Stirn, der Blick zentriert auf diesen einen Moment. Er sinkt ein wenig in die Knie, als wolle er sich mit der Erde verwurzeln, als wolle er eins werden mit seiner Kamera, die er zärtlich "mein Baby" nennt. Auf zwei Tischböcken lagert sie, fast zwei Meter groß, aus Holz mit handgeschmiedeten Beschlägen, das tellergroße Objektiv auf die Geislerspitzen gerichtet. Wie Fontänen ragen die grauen Zacken des Felsmassivs aus den Almwiesen hervor. Jede Felsspalte, jedes Steinchen, jedes Spiel mit Licht und Schatten will Moser festhalten. Auf einer Fotografie, das es niemals zweimal geben wird. Ein großformatiges Unikat auf schwarzem Kathedralglas. "Mindestens 800 Jahre haltbar", sagt Moser.

Den ganzen Tag hat er dieses eine Foto vorbereitet. In seiner gelben Lederschürze und mit den langen, wehenden Haaren sieht der 50-Jährige aus wie ein Hexenmeister. Stundenlang ist er hin und her gegangen zwischen Kamera und Labor. Das befindet sich in einem umgebauten Lieferwagen, in dem er Lösungen mixt und Silberbäder bereitet. Zwischendurch schaut er immer wieder fragend zu den Geislerspitzen, als läge dort eine Antwort auf das Leben. Und dann fällt ganz beiläufig so ein Satz: "Das war alles mal unter Wasser. Und jetzt schau diese massiven Gebilde an: gebaut von Milliarden klitzekleiner Korallenwesen. Ist das nicht irre? Man ist so klein hier oben. Das ist es vielleicht, warum ich das tue. Man vergisst einfach den Rest der Welt."

Flüchtigen Bildern kann Moser nichts mehr abgewinnen. Seine sind für die Ewigkeit

Hier oben im Puez-Geisler-Naturpark ist es ruhig, die Luft glasklar. Ab und zu pfeift ein Murmeltier. Ansonsten Stille. Lärm hatte Moser in den vergangenen 30 Jahren genug. Als Fotograf und Kameramann war er für Fernsehsender wie ARD, BBC, Arte und Deutsche Welle in Krisengebieten unterwegs. Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Bosnien, Kosovo, Israel, Kurdistan. "Was ist von all den Erlebnissen geblieben?", fragte er sich mit Ende vierzig.

Eine Kamera, für die es keine Filme gibt? Kurt Moser entdeckte das unhandliche Teil in Mailand und brachte es nach Bozen.

(Foto: Gitti Müller)

Nichts als digitales Rauschen und flüchtige Bilder? Sollte das alles gewesen sein, nach so vielen Jahren? Jetzt ist er in seine Heimat zurückgekommen, will bleiben und Bleibendes schaffen. Mit einer Projektidee, die ebenso gewaltig zu sein scheint wie die Berge, die er liebt. Er will die Dolomiten und einige seiner Bewohner, vorzugsweise fast hundertjährige Bauern, mit einer uralten Fototechnik, der Ambrotypie, auf 100 mal 150 Zentimeter großen Glasplatten verewigen. Mit dieser ganz besonderen Kamera, die er keineswegs gesucht, sondern auf fast schicksalhafte Weise gefunden hat, wie er meint.

An einem Herbsttag 2013 fährt er nach Mailand auf der Suche nach neuen Kameras und Objektiven. Zufällig entdeckt er unter einer zentimeterdicken Staubschicht einen Apparat aus dem Jahr 1907. "Ich fand die Kamera einfach nur schön, wusste in drei Sekunden, dass ich die haben muss." Er kauft das fast zwei Meter große Holzgerät und schleppt es nach Bozen, ohne zu wissen, was er damit anstellen soll. Erst zu Hause stellt er fest: Für diese Kamera gibt es gar keine Filme. Danach verbringt er fünf Monate lang in der Dunkelkammer und versucht, ein Foto im Ambrotypie-Verfahren herzustellen. Kein einziges sei ihm gelungen, erzählt Moser. Er sei fast verzweifelt. Aber der Fotograf sagt sich: "Hey, die haben das 1850 geschafft, warum sollte ich das nicht schaffen?" Und hält durch, bis die ersten Bilder gelingen.

Inzwischen hat Moser schon eine ganze Reihe von Porträts mit dieser alten Fototechnik erstellt. Einer der fotografierten Bauern lebt gleich unterhalb der Geislerspitzen, im Villnösstal. Zwischen Pustertal und Grödnertal gelegen, ist es eine der ursprünglichsten Regionen der Dolomiten. Vergeblich sucht der Tourist zwischen Teis und St. Magdalena nach Luxushotels. Stattdessen gibt es bodenständige Pensionen und Bauernhöfe. Die Villnösser mögen es urig und langsam, sie halten Brillenschafe, verkaufen handgestrickte Mützen aus deren Wolle und ihr Fleisch.

Er eignete sich Wissen über das Ambrotypie-Verfahren an, eine alte Fototechnik - und verzweifelte zunächst fast.

(Foto: Gitti Müller)

Der Bauer Sepp Messner ist so ein Villnösser, 94 Jahre alt. Seine Frau ist schwerhörig und brüllt ins Telefon, er sei nicht zu sprechen. Der Sepp sei auf dem Feld, Heu einholen. Kurt Moser lacht. Ja, so ist er, der Sepp. Nicht zu bremsen. Er sucht ihn also auf dem Feld und findet ihn an einem Steilhang. Sepp Messner arbeitet da in der Schräge, so klein und zäh wie er ist, mit dem Rechen und schaufelt das getrocknete Gras zur Seite, hält inne, winkt, wedelt mit dem Hut und lacht. Moser nimmt sich gleich einen zweiten Rechen und packt mit an. Der Sepp, sagt Moser, sei nie aus dem Tal hinausgekommen, nur einmal zum 90. Geburtstag mit den Söhnen nach Ungarn gereist. Und dann sei er froh gewesen, wieder nach Hause zu kommen, wo die Menschen seine Sprache sprechen und gutes Essen zu schätzen wissen.

Sepp Messner lädt zur Einkehr ein. Im kühlen Kellergewölbe seines Hofes lagert Eingemachtes, dazu gibt es Wein und Bier. Um die Sitzecke herum hängen Jagdtrophäen, Hörner und Geweihe. Der alte Mann geht immer noch alleine auf die Jagd. Er schießt nur, was er hinterher auch isst. Stolz erzählt er, wie er neulich dem Bock den Berg hinauf gefolgt sei, immer höher, bis er auf einen steilen Steig gestoßen sei. Auf allen vieren sei er hinauf gekrochen, dem verflixten Bock hinterher. Und dann habe er ihn erwischt und das 20 Kilo schwere Tier hinuntertragen müssen. Er mit seinen 94 Jahren.

Dann erzählt er von seinem Fototermin mit Moser. Da habe der Kurt ihn abgeholt und mit dem Auto nach Kaltern bei Bozen gefahren. Über eine Stunde seien sie gefahren, so eine lange Reise! Im Atelier habe er dann sitzen müssen. Von überall sei Licht gekommen, und er habe sich "stundenlang" überhaupt nicht rühren dürfen. Kaum vorstellbar, dass dieses quirlige Energiebündel ruhig sitzen kann. Moser seufzt. "Ja, das war schwer, gell Sepp?" - "Ah meih, alles musste so genau sein, der Kurt war so streng, und das Licht hat geblendet. Dabei sollte ich auch noch nett dreinschauen." Aber danach habe es dann auch ein gutes Essen gegeben. Und das Foto habe ihm auch gefallen, sagt Sepp. Die Porträts im Ambrotypie-Verfahren auf schwarzen Glasplatten sind aufwendig in der Herstellung und einzigartig in der Anmutung. Jede Falte zeigt sich und erzählt eine Geschichte. Das ganze Gesicht wirkt wie eine Landschaft mit Bergen und Tälern, dreidimensional, die Augen leuchten, als sei das Motiv lebendig und würde jeden Moment aus der Platte steigen. Spannend sei das, sagt Kurt Moser, wenn die Bauern bei der Entwicklung zusehen und sich im Wannenbad langsam das Gesicht zeigt.

Inzwischen gelingen seine Fotos. Er porträtiert Bauern und fotografiert die Berge.

(Foto: Gitti Müller)

Sein Atelier hat Moser in Kaltern, auf einem Anwesen des Grafen Enzenberg in einem 500 Jahre alten Gebäude. Pachtfrei darf er da arbeiten, denn der Graf glaubt an Mosers Projekt. Weil "der Kurt das Fotografieren entschleunigt und sich auf altes Handwerk zurück besinnt", sagt Michael Graf Goëss-Enzenberg. Das ist ganz in seinem Sinne, denn er besitzt ein Weingut und hat dort, zunächst gegen Widerstände, den biodynamischen Weinbau eingeführt. Das bedeutet nicht nur Verzicht auf Chemie, sondern Biodiversität in den Reben, Hühner und Schafe als "Arbeiter", die den Berg düngen, Wurzelaustriebe fressen und Ungeziefer vertilgen. Zurück zu Mondphasen und Heilkräutern, zu Achtsamkeit und Respekt, zurück zu den Wurzeln, genau wie Kurt Moser das auch will. Das gefällt dem Grafen, und während er eine Flasche Wein öffnet und stolz auf seine Weinberge zeigt, die sich prall vor dem Kalterer See ausbreiten, sagt er noch: "Ein bisschen verrückt und besessen muss man schon sein, um so etwas gegen Widerstände durchzuziehen."

Seit zwei Jahren experimentiert er nun mit der Kamera. Wie ein Koch, der Rezepte sucht

Ja, verrückt sei das schon, gibt Moser zu. Aber er wisse genau, was er tue. Fast zwei Jahre experimentiert er nun schon mit der alten Kamera, hält jedes Detail, jede Lösung und jede Sekunde Belichtung in einem kleinen Büchlein handschriftlich fest. Wie ein Koch auf der Suche nach neuen Rezepten. Und wenn er heute mit wirrem Haar und schweißnasser Stirn kurz vor dem Auslösen neben seiner Kamera vor einem Felsmassiv steht, ist all sein Mühen, sein jahrelanges Probieren in diesem Moment präsent.

Er atmet tief ein, atmet aus, zieht die schwarze Objektivkappe ab und zählt die Sekunden der Belichtungszeit, bevor er sie wieder schließt. Dann bleiben ihm genau fünf Minuten, um das Bild zu entwickeln. Er rast mit der Platte quer über die Almwiese in sein mobiles Labor. Man hört es gluckern und knacksen, klicken und rauschen. Und dann kommt er raus. Während das Abendlicht die Zacken der Geislergruppe gerade in Zartrosa taucht, erscheinen sie auf der schwarzen Platte überirdisch schön in Schwarz-Weiß. Dieses eine Foto wird für immer ein Unikat sein. Es kann nicht vergrößert oder verkleinert, nicht vervielfältigt und nicht bearbeitet werden. Es bleibt, wie es ist. 2019 wird es im Museum für Fotografie in Berlin, außerdem in New York und London ausgestellt werden.

Kurt Moser schaut sein Bild an und strahlt. Jetzt entspannen sich seine Züge. Er setzt sich ins Gras, eine Flasche Bier in der Hand, blickt auf die Berge und prostet ihnen zu.