Kenia In der Wiege der Menschheit

Central Island im Turkana-See hat einen großen Artenreichtum: Hier leben Flamingos, Pelikane und Tausende Krokodile, die ihre Eier ablegen.

(Foto: Günter Kast)

Am abgelegenen Turkana-See in Kenia werden die Ursprünge der Menschen verortet. Schon die Reise dorthin ist ein Abenteuer.

Von Günter Kast

Vor zwei Tagen hat es geregnet in Illeret, ein richtiger Wolkenbruch. In der Halbwüste am Nordostufer des Turkana-Sees ist das eine kleine Sensation. Entsprechend aufgeregt ist Louise Leakey, als sie ihren Geländewagen zur "Area 1" steuert. Vor zwei Jahren hatte sie hier Knochen eines Frühzeitmenschen gefunden. Jetzt, nach dem Starkregen, könnten durch Auswaschung neue Fossilien zum Vorschein kommen.

Mit geschultem Blick sucht sie den Untergrund ab. Keine Viertelstunde dauert es, dann entdeckt sie in dem harten Lehmboden einen Knochen, vermutlich von einer längst ausgestorbenen Antilopenart. Ein Lächeln huscht über Leakeys Gesicht. Sie winkt Woto Hurri herbei, einen ihrer Assistenten. Er wird den Fund später fachgerecht bergen, ins nahegelegene Turkana Basin Institute (TBI) bringen und präparieren. "Es ist eine Sisyphusarbeit", räumt die Forscherin ein. "Nur ein Prozent aller Funde sind Menschenknochen. Aber das Turkana-Becken ist eine prähistorische Grabungsstätte von Weltrang. Manchmal ist ein Sechser mit Zusatzzahl darunter."

Die ersten Volltreffer landeten schon Louises Großeltern, Louis und Mary Leakey. Doch es war ihr Vater Richard Leakey, der unter anderem den weltberühmten "Turkana-Jungen" freilegte. Das komplett erhaltene Skelett trug wesentlich dazu bei, dass sich die "Out-of-Africa"-These über die Herkunft des Menschen durchsetzte.

Richard Leakey führte ein in jeder Hinsicht abenteuerliches Leben. Er war Leiter des Nationalmuseums von Kenia, Aufseher über alle archäologischen Stätten, Leiter des Kenya Wildlife Service, Kämpfer gegen Wilderer, Mitglied des Parlaments. Bei einem Flugzeugabsturz verlor er beide Unterschenkel, was ihn aber nicht davon abhielt, seine Arbeit fortzusetzen. Er, seine Frau Maeve und Tochter Louise eröffneten vor einigen Jahren das TBI mit Standorten in Illeret am Nordostufer und in Turkwel auf der Westseite des Sees. Die Leakeys, deren drei Generationen an mehr als der Hälfte aller Beschreibungen früher Menschenverwandter beteiligt waren, sind seither noch näher dran an den Grabungsstätten, die rund 1000 Kilometer oder drei mühevolle Tagesreisen im Landcruiser von der Hauptstadt Nairobi entfernt sind.

Früher kam Mick Jagger hier per Wasserflugzeug zum Feiern eingeflogen

Doch das Institut verschlingt viel Geld. Bislang haben die New Yorker Partner-Universität Stony Brook und private Gönner rund 20 Millionen US-Dollar gegeben. Louise Leakey hatte deshalb die Idee, wohlhabenden Touristen, die als Mäzene in Frage kommen, einen Besuch des TBI zu ermöglichen. Inzwischen ist sie davon wieder abgerückt. "Viele Besucher verträgt das TBI nicht. Wir sind gar nicht darauf eingestellt", räumt sie ein. Derzeit würden etwa einmal im Monat Reisende Station in Illeret machen. Diesen muss bewusst sein, dass es im TBI außer Tierknochen nicht viel zu sehen gibt. Die berühmten Menschen-Skelette wurden längst in Museen verfrachtet.

Der wahre Star ist der Turkana-See, elfmal so groß wie der Bodensee und damit der größte Wüstensee der Erde. Er ist auf den ersten Blick das Gegenteil eines Traumziels: ein Glutofen an der Grenze zu Äthiopien, eine Region, die ständig bedroht ist von Dürren, das Armenhaus Kenias. Afrika-Novizen, die die "Big Five" sehen und in luxuriösen Lodges urlauben wollen, halten sich besser an die berühmten Parks im Süden des Landes. Auf Überlebenskünstler übte der See, der wegen seiner türkisgrünen Farbe auch "Jade-Meer" genannt wird, indes schon immer eine besondere Faszination aus. Und: Es gab Zeiten, als wesentlich mehr Touristen kamen. Der Deutsche Wolfgang Deschler besaß hier den legendären "Oasis Club". In den späten Achtzigerjahren flogen Promis wie Mick Jagger, David Bowie und Thomas Gottschalk mit dem Wasserflugzeug in der ausgedörrten Mondlandschaft ein, um Partys zu feiern. Am Pool fanden Foto-Shootings für Mode-Magazine statt, und John le Carré recherchierte hier für seinen 2001 erschienenen Roman "Der ewige Gärtner", in dem auch Deschler eine Rolle spielt. Der pflegte zu sagen: "Es kommen nicht viele, aber interessante Leute hier hoch."

Tempi passati. Deschler hat den Club längst verkauft. Politische Unruhen, Stammeskonflikte, Bombenanschläge, Piraten an der Küste - Gründe für die Krise des Tourismus in Kenia gibt es viele. Die Wiege der Menschheit versank im Dämmerschlaf. Auch, weil sich der einzige offizielle Grenzübergang zwischen Äthiopien und Kenia in Moyale befindet, weit weg vom See. Dabei ist es durchaus möglich, vom südäthiopischen Tal des Omo, des einzigen Zuflusses des Turkana-Sees, auf dem Landweg nach Illeret in Nordkenia einzureisen. Louise Leakey findet sogar, nur so lasse sich die Dimension der Kinderstube von Homo sapiens begreifen. Zudem ist der Fluss die Lebensader des Turkana-Sees. Weil ihn Äthiopiens staatlicher Energieversorger jedoch in gigantischen Projekten aufstaut und gleichzeitig Wasser für Baumwoll- und Zuckerrohr-Plantagen abgezweigt wird, kann der Omo seine Funktion immer weniger erfüllen: Der Wasserspiegel sinkt, der Turkana-See versalzt.

Noch halten die meisten der 16 Ethnien im Omo-Tal, Weltkulturerbe der Unesco, an ihren archaischen Traditionen fest. Die Suri trinken das frische Blut ihrer Rinder, denen sie mit einem Pfeil die Halsschlagader öffnen. Die Frauen der Mursi tragen stolz schwere Lippenteller aus Ton. Die Kara bemalen ihre Körper mit kunstvollen Ornamenten. Der italienische Äthiopien-Forscher Carlo Conti Rossini taufte das Tal "museo dei popoli", Museum der Völker. Wer von hier weiter nach Süden reist, über die "grüne" Grenze, erkennt irgendwann in der endlosen Weite das Flirren und die Reflexionen des Sees. Findet ein kleines Meer ohne Abfluss, das sein Wasser nur durch Verdunstung verliert. Hier leben die Dassanech. Ihre Rundhütten verkleiden sie neuerdings mit Wellblech, um sich vor dem ständig wehenden Wind zu schützen.

Die Dassanech und ihre südlichen Nachbarn am See, die Turkana, liefern sich blutige Fehden. Frauen werden entführt, Rinder gestohlen. Gestritten wird auch um Weidegründe und Wasserrechte. Früher trugen sie diese Kämpfe mit Stöcken und Speeren aus. Heute überschwemmen billige Kalaschnikows aus dem Südsudan das Omo-Tal und das Turkana-Becken. Touristen haben nichts zu befürchten, aber die automatischen Waffen fallen auch Wilderern in die Hände. Sie haben damit den Tierbestand im Sibiloi-Nationalpark an der Ostseite des Sees stark dezimiert. Trotzdem ist das Reservat noch immer ein artenreiches Ökosystem. Wer im Gästehaus des Kenya Wildlife Service an der Alia-Bucht übernachtet, hat die Herden ziemlich sicher für sich allein, denn mehr als 500 Touristen besuchen den Park nicht - pro Jahr! Was für ein Kontrast zu den Massen, die sich während der großen Tierwanderung in der Masai Mara drängen.

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Auf dem von der Welt vergessenen Turkana-See verkehren trotz seiner enormen Ausdehnung keine Fähren. Wer Central Island, die vulkanisch aktive Insel inmitten des Sees, besuchen will, braucht ein starkes Motorboot, das den bis zu zwei Meter hohen Wellen und den gefährlichen Winden trotzt. Und selbst dann dauert es von der Alia-Bucht eine gute Stunde, ehe sich aus dem Dunst die Umrisse des geheimnisvollen Eilandes herausschälen. Central Island ist ein Klein-Galapagos, ein Vogelparadies mit Kormoran-Kolonien, Pelikanen, Reihern, Störchen und Flamingos, die in den Kraterseen mit ihren unterschiedlichen Salzkonzentrationen und Farben leben. Und dann sind da noch die Krokodile des Turkana-Sees, die sich im Crocodile Lake von Central Island im Januar und Februar zur Eiablage versammeln. Rund zehntausend sollen es sein, die größte Konzentration dieser Echsen in Afrika. Allerdings ist auch dieses Paradies bedroht, obwohl es Nationalpark-Status besitzt. Denn den Rangern fehlen Zeit und Geld, um es permanent zu bewachen. Immer wieder wagen sich lokale Fischer auf den offenen See. Viele kentern und ertrinken. Aber einige erreichen die Insel und plündern deren Schätze: Sie schießen auf die Flamingos und fangen die Tilapias, die Futterfische der Krokodile, aus dem Kratersee.

Am Westufer des Jade-Meeres befindet sich das Stammesgebiet der selbstbewussten Turkana, die die anderen Völker immer weiter zurückdrängen. In einer oasenartigen Landschaft mit Palmen und Sanddünen hat die aus Nairobi stammende Joyce Chianda-Scheuerman hier ein komfortables Zeltcamp aufgebaut. In der nahen Lagune suchen Flamingos nach Kleinkrebsen, Fischer werfen von Einbäumen ihre Netze aus. Als ihr aus den Niederlanden stammender Ehemann bei einem Verkehrsunfall in Nairobi ums Leben kam, wollte sie aufhören mit dem schwierigen Tourismus-Geschäft hier oben, erzählt sie. Aber dann habe sie doch weitergemacht: "Der Turkana-See ist ein ganz besonderer Ort. Man hasst ihn oder man liebt ihn. Ich bin ihm hoffnungslos verfallen."

Louise Leakeys Vater Richard hat noch andere Pläne: ein Museum der Menschheitsgeschichte, entworfen vom Architekten Daniel Libeskind. "In fünf, spätestens zehn Jahren wird Eröffnung sein", schätzt Louise Leakey: "Mein Vater ist 74. Er weiß, dass er nicht mehr ewig Zeit hat." Der See in der Wiege der Menschheit - er könnte eine unverhoffte Renaissance erleben.

Reiseinformationen

Reisearrangement: Der britische Afrika-Spezialist "Wild Philanthropy" arbeitet mit lokalen Partnern zusammen. Etwa mit dem "Lumale Tented Camp", dem einzigen dieser Art im Omo-Tal, das Lale Biwa führt, der selbst zum Stamm der Kara gehört. Er ermöglicht einfühlsame Besuche bei den dort lebenden Stämmen. Dies gilt auch für das "Lobolo Camp" von Joyce Chianda-Scheuerman und ihr mobiles Zeltcamp zum Beispiel auf Central Island. Individuelle Reisen, auch mit Kleinflugzeug-Charter, bei vier Personen ab ca. 900 Euro pro Person und Tag (alles inklusive), mit dem Auto günstiger. https://wildphilanthropy.com

Sicherheit: Reisewarnungen für bestimmte Regionen Süd-Äthiopiens und Nord-Kenias, www.auswaertiges-amt.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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