Fernbusfahren im Selbstversuch Tag 2: Von Düsseldorf nach Magdeburg

Tag 2: Von Düsseldorf nach Magdeburg

Im Dämmerlicht laufe ich gegen den Strom von Berufspendlern bis zum Busbahnhof, der hier in Düsseldorf stiefmütterlich versteckt fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Als ich um 9 Uhr in den Fernbus steige, bleiben die meisten der 53 Sitzplätze leer. Mit mir sind nur Helga Laskowski und ihre Nichte an Bord, beide sind leidenschaftliche Fernbusfahrerinnen. Helga Laskowski lebt von Witwenrente, mit der Bahn hätte sie von Düsseldorf bis Hannover 61 Euro bezahlt, mit dem Bus kostet die Strecke weniger als die Hälfte. Und für den Becher Kaffee in ihrer Hand, den einer der beiden Fahrer ihr von der Kaffeemaschine direkt gegenüber dem engen, aber sauberen Toilettenkabuff gebracht hat, bezahlt sie 90 Cent und nicht 2,80 Euro wie im Bordbistro der Bahn. In Düsseldorf war die 80-Jährige zum Geburtstag ihres Enkels, aber nach einer Woche habe es ihr dann auch gereicht: "Die jungen Leute kümmern sich ja gar nicht mehr um einen, sondern machen immer nur so rum mit Computern und Internet."

Die angesprochene Generation sammelt sich derweil mit jedem Halt im hinteren Busteil an. Alle sitzen im selben Bus, dennoch bleibt jeder für sich. Nicht mal einen Hängefernseher mit Generationen übergreifenden Spielfilmen in Dauerschleife gibt es hier. Im vorderen Busteil blättert Helga Laskowski im Magazin Mein Spaß, im hinteren lernt eine Studentin für ihr Germanistik-Seminar. Vorne unterhalten sich zwei Rentnerinnen aus Duisburg über Krämpfe, hinten schläft man alleine in seiner Sitzreihe, während eine amerikanische Serie auf dem Laptop läuft. Vorne leeren sich die Reihen in Hannover, hinten will fast jeder bis zur Endstation Berlin.

Noch sind die meisten Passagiere von Fernbussen älter als 60 Jahre. Aber wenn man in den hinteren Teil des Busses blickt, leuchtet es ein, warum Anrufer in der Service-Hotline von deinbus.de konsequent geduzt werden und warum Mein Fernbus mit kostenlosem Wlan an Bord wirbt. Fernbusse passen einfach zu gut zu jungen Menschen, deren Freundeskreis weit verstreut und digital vernetzt ist und denen es nichts ausmacht, dass man für die 475 Kilometer von Düsseldorf nach Magdeburg acht Stunden braucht. Zum Arbeiten brauchen sie kein Büro und keine Bibliothek, nur Laptop oder Tablet. Doch mit dem Unterwegssein in "Easy Rider" hat die flexible Produktivität von Simone, die nicht gedankenverloren aus dem Fenster, sondern konzentriert auf ihr Word-Dokument schaut, nichts zu tun. Und selbst als leidenschaftlicher Reisender schafft man es nicht lange, den Blick an der Landschaft vor dem Busfenster festzuhaken.

Vielleicht liegt es daran, dass man die Beine in den engen Sitzreihen kaum ausstrecken kann, trotzdem aber bald in einen leichten Dämmerschlaf fällt, weil die warme Luft der Bordheizung so dösig macht. Oder eher daran, dass man zwischen Abfahrt und dem Busbahnhof in jeder Stadt an mindestens einem Matratzenoutlet vorbeikommt. Ein Platz in Bahnhofsnähe ist mit großer Wahrscheinlichkeit nach Konrad Adenauer benannt, und vor dem Haupteingang des Bahnhofs steht fast immer ein Stück abstrakte Stahlkunst. War das vorhin wirklich Bielefeld oder sind wir zweimal durch Gütersloh gefahren? Durch den flüchtigen Fernbusblick wird Deutschland zu einem Land mit einem großen Bedarf an Matratzen, einer tiefen Verehrung für den ersten Bundeskanzler und einem fragwürdigen Kunstgeschmack.

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