Fernbus-Markt in Deutschland "Billig muss es sein"

Busse machen der Bahn Konkurrenz: Seit Anfang des Jahres ist der Markt für Busverbindungen in Deutschland geöffnet, nun ist die Deutsche Bahn ihre Quasi-Monopolstellung los. Entsteht ein neuer Milliardenmarkt oder nur ein Nischenangebot für Menschen mit kleinem Geldbeutel?

Mit interaktiver Grafik. Von Michael Kuntz

Auf dem Bildschirm läuft ein aktueller Spielfilm. Oder hausgemachte Unterhaltung: Das Navigationsprogramm des Reisebusses zeigt, wo er gerade seinem Ziel entgegenrollt, ob die Richtung stimmt und wie lange es noch dauern wird. In jeder Reihe stehen nur drei Sitze. Der Fahrgast kann wählen, ob er dicht neben einem Nachbarn zu zweit oder allein reisen will auf dem Einzelsitz jenseits des Ganges.

Wer derart komfortables Reisen im Luxusbus erleben will, wird vorerst weiterhin nach Amerika fliegen müssen. Die Strategie der neuen deutschen Fernbus-Unternehmer ist es nicht unbedingt, ihre Fahrgäste übermäßig zu verwöhnen. Denn dann müssten sie auch die entsprechenden Preise dafür nehmen.

Der niedrige Preis jedoch ist zurzeit das entscheidende Verkaufsargument. Billiger als die Bahn muss es sein. Für neun Euro von München nach Stuttgart, das ist so ein Knaller. Die Bahn nimmt dafür normal 51 Euro. Flixbus bietet Tickets schon für einen Euro. Es ist Reisesaison für Schnäppchenjäger. Im Umkehrschluss heißt die Strategie der neuen Straßen-Transporte: Mit dem Fernbus reist durch Deutschland, wer sich die Bahnfahrkarte nicht leisten kann. Etwa Studenten und Rentner.

Rennstrecken und Verbindungen "um die Ecke"

Und wer Zeit hat. Denn auf den meisten Strecken ist die Bahn einfach schneller. Der Blick aus dem Bus auf den Autobahnen parallel zu Trassen, auf denen Züge mit doppelter Geschwindigkeit vorbeirauschen, dürfte Fernbusreisende frustrieren. Aber sie können sich zumindest damit trösten, dass ihre Fahrkarte nicht einmal die Hälfte vom Bahnpreis gekostet hat. Irgendwie ist es konsequent, dass auch die Reise-Tochter des Discounters Aldi vom kommenden Donnerstag an Fahrscheine für Fernbusse verkaufen will.

Seit Anfang des Jahres ist der Markt für Busverbindungen in Deutschland mit einer Länge von mindestens fünfzig Kilometern beziehungsweise mehr als einer Stunde Fahrzeit liberalisiert. Seitdem bewegt sich einiges. Auf der Landkarte entstand bereits ein dichtes Netz von Fernbuslinien - und es kommen ständig neue hinzu. Ihre Hoffnungen fokussieren die Busbetreiber dabei offenbar auf Rennstrecken zwischen Ballungsräumen. Also Rhein-Ruhr und Rhein-Main zum Beispiel. Interessant für Fernbusse scheinen auch Verbindungen "um die Ecke" zu sein, die mit der Bahn nur durch Umsteigen oder mit Ausdauer erreichbar sind. So dürften Freiburg und Friedrichshafen, aber auch Dresden auf die Landkarte der Ziele geraten sein.

Größter Busunternehmer war bisher die Bahn und sie ist es wohl noch eine Weile. Mit ihren Berlin-Linienbussen rollt sie bereits seit Jahrzehnten durch das einst geteilte Land, als Quasi-Monopolist unter dem Schutz eines Gesetzes aus dem Dritten Reich, das die staatliche Eisenbahn gegen Konkurrenz abschirmen sollte. Damit ist es vorbei und die Bahn macht außer mit überfüllten Zügen auch von sich reden mit einem rollenden doppelstöckigen Business-Bus von Berlin über Dresden nach Prag. Die Bahn erweitert ihr Angebot nur behutsam. Sie will die Entwicklung erst beobachten, so wie andere Player auch.

Nur ein Nischenangebot für Menschen mit wenig Geld?

Bislang spielten Fernbusse keine Rolle. Mit ihnen fuhren jährlich zwei Millionen Menschen gegenüber 125 Millionen Fahrgästen in Fernzügen. Dieses Verhältnis könnte sich ändern. Die Ansichten gehen allerdings stark auseinander, ob hier gerade ein Milliardenmarkt entsteht oder nur ein Nischenangebot für Menschen, die auf jeden Euro achten müssen.

Ein alter Spieler ist die Deutsche Touring, die früher mal zur Deutschen Bahn gehörte und - anders als der Name vermuten lässt - von ihr vor Jahren an eine Gruppe spanischer Fernbus-Spezialisten verkauft worden ist. Unter der Marke Eurolines betreibt die Touring - wie der Name zu Recht vermuten lässt - internationale Verbindungen quer durch den Kontinent. Schon aus geografischen Gründen führten etliche davon schon immer durch Deutschland.

Bei der Liberalisierung des hiesigen Marktes war nun die Idee der Touring, einfach ihre internationalen Linien auch für Fahrgäste zu öffnen, die nur im Inland reisen wollten. Kabotage nennt man so etwas, klingt wie Sabotage, und so ähnlich empfand man die Überraschung: Die deutschen Liberalisierungs-Juristen hatten trotz ihrer perfekten Vorsorge die Kabotage schlicht nicht geregelt und bestanden nun auf Genehmigungen für jede Strecke einzeln. Die hat die Touring schon, aber noch nicht für alle Routen, und so besteht ihr Angebot zum erheblichen Teil aus Fernbus-Linien, die "in Kürze" buchbar sind.