Dubai Die Wüste schwebt

Dubais Aufschwung stockt, etliche Bauprojekte verzögern sich oder werden ganz aufgegeben. Der Fotograf Tor Seidel dokumentiert diesen ungewissen Zustand.

Von Stefan Fischer

Auf den Vorsatz von Tor Seidels Bildband ist eine doppelseitige Grafik gedruckt, eine Modellzeichnung von Dubai. Wie ein modernes Märchenland sieht die Hauptstadt des Emirats darauf aus. Die Idee von Urbanität, die sich dort Bahn bricht, ist die eines Stadt und Staat gewordenen Freizeitparks. Die Realität sieht anders aus, das belegt Seidel mit seinen Fotografien. Wobei die Fotografie von Haus aus ein zweifelhaftes Verfahren ist, wenn es darum geht, die Realität wiederzugeben.

Das lässt sich an Dubai sehr gut zeigen. Die Stadt ist, seit sie als urbane Weltmarke entwickelt wird, mehr ein Versprechen als ein realer Lebensraum. Auf den meisten Bildern jedoch, die man von Dubai zu sehen bekommt, ist die Idee, die die Stadt von sich selbst hat, eingelöst. Ihre erdachte Zukunft erscheint meistens bereits als gegenwärtige Realität. Tor Seidel unterdessen zeigt eine andere Stadt, indem er entweder den Bildausschnitt weiter fasst, als seine Berufskollegen das für gewöhnlich tun. Oder indem er schlicht in die andere Richtung fotografiert. Der Bildband heißt "The Dubai", angelehnt an das irrwitzige Projekt "The Palm". Die künstliche Inselgruppe steht stellvertretend für die gesamte Stadt: Manches ist fertig, an manchem wird gebaut, manches wurde halbfertig aufgegeben. Man weiß es im Grunde, und hier sieht man es deutlich: Einige Versprechen Dubais sind leer - und Tor Seidel wirft mit seinen Bildern die Frage auf, ob sich nicht eines Tages Dubai in Gänze als ein hohles Versprechen erweisen wird.

Das Halbfertige dieser Stadt strahlt auf Seidels Bildern selten Dynamik aus. Vielmehr rostet, gammelt und staubt vieles im Wüstensand vor sich hin. Und etliche der fertiggestellten Bauten fristen ein Dasein als Solitäre, ohne Nachbarschaft, ohne dass ihre Rolle im städtebaulichen Gesamtkonzept kenntlich wird.

Andererseits zeigt Seidel die immense Willens- und Finanzkraft, die zur Verwirklichung vieler Reißbrett-Entwürfe geführt hat. Er könnte es sich einfach machen und seine Bilder so wählen, dass sie zeigen: Sie kriegen es doch nicht hin in Dubai. Er bevorzugt einen spannenderen Ansatz, zeigt die Schwebe, in der die Dinge offenbar gerade sind - am Ende einer Krise und im Angesicht eines Aufschwungs, dessen Kraft sich noch nicht absehen lässt.

Tor Seidel: The Dubai. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2014. 160 Seiten, 58 Euro.