Chinesische Touristen im Ausland Schwarze Liste für schlechtes Benehmen

Die Sache mit dem Gesicht in China ist nämlich so: Man kann als Chinese nicht bloß sein eigenes verlieren, sondern, wenn es dumm läuft, gleich das der ganzen Nation dazu. Und deshalb springt der Staat nun mal wieder ein. Am 1. Oktober tritt Chinas erstes Tourismusgesetz in Kraft. Touristen, die sich schlecht benehmen, sollen in Zukunft mit Sanktionen rechnen müssen. Die Provinzen Hainan und Hunan preschen schon mal vor: In Hunan gibt es seit dieser Woche eine schwarze Liste für Leute, die unangenehm auffallen. Im Extremfall sollen Reisebüros in Zukunft solche Leute nicht mehr als Kunden annehmen.

Gleichzeitig läuft in den Staatsmedien eine Kampagne zur Volkserziehung. Die Webseite des Parteiblatts Volkszeitung hat eine "Gebrauchsanweisung gegen den Gesichtsverlust auf Auslandsreisen" verfasst, den Auftakt macht ein Online-Spiel. Unter einem Bild von Eiffelturm, Freiheitsstatue und Sphinx kann man mit einer Armbrust die vom Himmel in großen Blasen herabfallenden Untugenden abschießen: Toilette wieder nicht gespült. Sich um Plätze geprügelt. Sachen im Hotel geklaut. "Gratuliere", heißt es am Ende: "Sie haben 15 Prozent des unzivilisierten Benehmens vernichtet." Es ist gar nicht so einfach.

In der im August als Teil der Hauptnachrichten ausgestrahlten Reihe "Zivilisiertes Reisen" überfielen Reporter des Staatssenders CCTV mit vorgehaltenem Mikrofon verdutzte Rucksackträger: "Warum stehen Sie hier auf dem Rasen, obwohl da 'Betreten verboten' steht?" Sie berichteten von mustergültigen Reiseleitern, die "vor jeder Reise die Gebräuche und Gesetze des Gastlandes studieren", und die ihre Gruppe mit selbstentworfenen Schildern in Schach halten, auf denen ein Zeigefinger über geschlossenen Lippen zur Ruhe mahnt. Sie interviewten eine Beamtin der Tourismusbehörde, die fand, die Reisenden sollten sich auch gegenseitig überwachen. Und sie zeigten einen sogenannten Kurs für zivilisiertes Reisen: "Wenn wir im Flugzeug freie Plätze sehen, meine Damen und Herren", mahnte der Lehrer die Teilnehmer, "dann prügeln wir uns nicht darum, in Ordnung?"

Ein älteres Ehepaar aus dem Kurs kam zu Wort: "Das sind ja oft so kleine Dinge, die uns hier zu Hause überhaupt nicht auffallen", sagte der Mann. "Hier bei uns geht's einfach locker zu", warf die Frau ein. Dann wieder der Mann: "Aber wenn du so was im Ausland tust, hallo, dann ist das aber was ganz anderes. Da hast du ganz schnell das Image Chinas auf dem Gewissen."

Chinesen lösen Deutsche ab

102 Milliarden Dollar haben chinesische Touristen im vergangenen Jahr im Ausland ausgegeben, ganze 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bewohner der Volksrepublik haben insgesamt erstmals die höchsten Reiseausgaben weltweit. mehr ...

China galt ja einmal als Reich der Höflichkeit und Etikette. Die Klage darüber, dass das Land diesen Ruf längst verspielt hat, ist alt. Der nun neuaufgelegte "Kompass für zivilisiertes Reisen" (ganz wichtig: Schuhe und Socken nicht in der Öffentlichkeit ausziehen) stammt aus dem Jahr 2006. Die amerikanische Fachzeitschrift Anthropology News widmete dem Phänomen 2010 einen Aufsatz.

An Erklärungsversuchen mangelt es nicht. Da werden die politischen Tumulte im letzten Jahrhundert angeführt, die viele Chinesen mittleren und höheren Alters um eine ordentliche Bildung brachten. Das plötzliche Aufkommen einer Klasse von Neureichen in China, die sich oft ebenso arrogant und ignorant verhält wie Neureiche anderswo. Die Tatsache, dass in China Recht und Gesetz nichts wert seien, weshalb sich auch keiner daran halte. "Öffentliche Ordnung ist nicht die größte Stärke der Chinesen", schrieb die Zeitung China Daily: "Die Leute gehen bei Rot über die Ampel. Fahrer rasen und fahren Slalom. Autos parken auf dem Radweg. Pendler raufen sich in Bussen. Busfahrer und Passagiere brüllen sich an. Ordentliches Schlangestehen ist eine Rarität." Die Zeitung endete ihren Artikel resigniert: "Experten sagten, chinesischen Touristen das richtige Benehmen beizubringen und ein positives Image zu schaffen, könne mehrere Generationen dauern."

Derweil mögen allzu zerknirschte Chinesen Trost finden in einer Umfrage des amerikanischen Einkaufsportals Living Social, das im vergangenen Jahr in mehreren Ländern nach den schlimmsten Touristen der Welt fragte. Chinesen belegten am Ende Platz zwei. Auf Platz eins kamen die US-Amerikaner - dorthin gewählt vor allem von sich selbst.