Bundesländer-Vergleich Ausgebremst zwischen den Ballungsräumen

Ausgerechnet auf den wichtigsten Fernverkehrsstrecken zwischen den Metropolen der Republik ist die Bahn am unpünktlichsten. Das belegt jetzt eine ausführliche SZ-Analyse, für die Millionen Verspätungsangaben des Konzerns im Internet mitprotokolliert wurden - die Auswertung nach Bundesländern und Nachbarstaaten offenbart interessante Details.

Von Stefan Plöchinger

Welche Fernverkehrsstrecken in Deutschland sind besonders überlastet? Die Süddeutsche Zeitung hat in dem aufwendigen Projekt Zugmonitor seit fünf Monaten Pünktlichkeitsangaben der Bahn im Internet mitprotokollieren lassen. Eine Auswertung der riesigen Datenbank (mehr dazu...) fördert jetzt Erstaunliches zutage: Ausgerechnet auf den Hauptstrecken des ICE-Netzes sind die Verspätungen am größten.

Wo immer Züge lange Strecken zwischen zwei Bahnhöfen zurückzulegen haben, womöglich auf einer Schnellstrecke, sind sie überdurchschnittlich oft unpünktlich. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Die interaktive Karte oben gibt Ihnen einen groben Überblick über die Erkenntnisse - hier lesen Sie eine Auswertung nach den verschiedenen Regionen Deutschlands:

[] Bayern

Die Achse Donauwörth-Würzburg ist am stärksten belastet, mit 25 Prozent Verspätungsquote und 15 Minuten Durchschnittsverspätung im SZ-Datensatz. Weitere Problemstrecken: Rosenheim-Prien-Traunstein-Freilassing, also die Strecke von München nach Salzburg, und München-Augsburg-(Günzburg)-Ulm in Richtung Stuttgart. Alle diese Verbindungen sind überdurchschnittlich unpünktlich - wie in etwas geringerem Maße auch die ICE-Schnellstrecke München-Nürnberg-Würzburg-Fulda/Aschaffenburg. Besser schneiden die kleineren innerbayerischen Verbindungen, die Strecken über Ostbayern ins Ausland und vor allem die ICE-Strecke von Nürnberg nach Berlin ab. (Mehr Details zur Lage in Bayern lesen Sie am Sonntagabend auf Süddeutsche.de.)

[] Baden-Württemberg

Die am schlimmsten verspätete Trasse geht einmal quer in West-Ost-Richtung durch das Bundesland: Die Verbindungen der Strecke Ulm-Stuttgart-Karlsruhe-Straßburg - eine transeuropäische Verbindung von Budapest, Wien und München nach Paris - finden sich ganz an der Spitze der Unpünktlichkeits-Rangliste. Allein zwischen Stuttgart und Karlsruhe sind 22 Prozent der Züge verspätet, im Schnitt um 14 Minuten. Die West-Ost-Achse durch Stuttgart ist es, die durch das umstrittene Projekt Stuttgart 21 beschleunigt werden soll. Überlastet sind auch die Verbindungen Baden-Baden-Freiburg, Mainz-Mannheim, Stuttgart-Vaihingen-Heidelberg, Mannheim-Kaiserslautern und nicht zuletzt Frankfurt Hbf-Mannheim - eine Teilstrecke der größeren Verbindung zwischen München und Deutschlands Westen, die eigentlich seit langem ausgebaut werden sollte, über deren Trasse es aber ebenso lange Streit gibt. Eher im guten Mittelfeld liegt die vielbefahrene Verbindung entlang des Rheins von Mannheim über Karlsruhe nach Basel.

[] Rheinland-Pfalz/Saarland

Als Rheinschiene ist die Verbindung Mannheim-Mainz-(Bingen)-Koblenz-(Andernach/Remagen)-Bonn bekannt. Sie ist eine der wichtigsten Güterverkehrstrassen in Europa, stark belastet - und im Personenfernverkehr überlastet. Nur wegen dieser Strecke steht Rheinland-Pfalz an der Spitze der verspätungsgeplagtesten Bundesländer. Negative Spitze unter den Einzelverbindungen dieser Trasse: Koblenz-Mainz mit 25 Prozent unpünktlichen Zugfahrten und 15 Minuten Verspätung im Schnitt. Alle Züge ins benachbarte Saarland müssen durch Rheinland-Pfalz, hier sieht es nicht so viel besser aus: Auf der Verbindung Kaiserslautern-Saarbrücken sind 21 Prozent verspätet, um im Schnitt 12 Minuten. Auch die Linie Frankfurt-Paris verkehrt durch das Saarland, die Züge passieren nach Saarbrücken bei Forbach die Grenze - zwischen diesen Bahnhöfen und der französischen Hauptstadt fallen satte 22 respektive 31 Prozent Verspätung an, und zwar um im Schnitt 13 respektive 19 Minuten. Diese Quote ist Rekord bei den häufigeren Zugverbindungen.

[] Hessen

In Deutschlands Mitte treffen die großen Bahnachsen zusammen - und fast jede von ihnen hat Probleme. Zwischen Frankfurt und Hanau läuft es eher noch (13 Prozent, 12 Minuten), doch dann: Hanau-Fulda ist die schlimmstverspätete Strecke des Bundeslandes (21 Prozent, 12 Minuten). Auf der gesamten Schnellstrecke Würzburg-Fulda-Kassel-Göttingen durch Hessen werden durchgehend 20 bis 21 Prozent unpünktliche Züge gemeldet, mit je 12 Minuten im Schnitt. Auch die andere Rennpiste nach Nordrhein-Westfalen leidet unter Verspätungen: Frankfurt Flughafen-Siegburg/Bonn (20 Prozent, 12 Minuten) und Frankfurt Flughafen-Köln Hbf (13 Prozent, 17 Minuten) sind schwierige Einzelverbindungen. Und dass es in die anderen Himmelsrichtungen nicht viel besser aussieht, zeigen zum Beispiel die Probleme auf den ICE-Strecken Fulda-Eisenach (19 Prozent, 12 Minuten) und Frankfurt Hbf-Mannheim (14 Prozent, 14 Minuten). Am besten läuft es in Hessen zwischen kleineren Städten oder auf kürzeren Strecken.

[] Nordrhein-Westfalen

Mit Abstand am schlimmsten betreffen Verspätungen die Linie Oberhausen-Arnhem in die Niederlande: 27 Prozent Verspätungen wurden hier registriert, 14 Minuten dauern sie im Schnitt. Die heikelste Einzelstrecke ist von der niederländischen Grenze ostwärts auf der Strecke Rheine-Osnabrück Hbf-(Bünde)-Bad Oeynhausen-Minden-Hannover (18 Prozent, 13 Minuten). Sie bestimmt das Spitzenfeld der Verspätungen in Nordrhein-Westfalen zusammen mit der Verbindung Dortmund-Münster-Osnabrück (17 Prozent, 15 Minuten). Ebenfalls problematisch sind mehrere Linien aus Köln: Liège-Aachen-Köln (17 Prozent, 14 Minuten), die Rheinschiene über Bonn nach Rheinland-Pfalz, die Schnellstrecke zum Frankfurter Flughafen (siehe jeweils oben) sowie Köln-(Solingen)-Wuppertal-Hagen-Hamm-Bielefeld-Hannover (17 Prozent, 13 Minuten). Immerhin: Besser geht es auf der wichtigen ICE-Strecke Köln-Düsseldorf-Duisburg-Essen-Dortmund - sie liegt im Mittelfeld - und auf kürzeren Verbindungen vor allem im Rhein-Ruhr-Gebiet.

[] Niedersachsen/Bremen

Osnabrück-Bremen ist mit mehr als 20 Prozent und 14 Minuten Verspätungen Spitze, und auf der Linie Bremen-Hamburg geht es mit 17 Prozent und 15 Minuten weiter. Auch die Verbindungen aus Nordrhein-Westfalen nach Hannover sind überlastet (siehe oben) - wie generell alle wichtigen Strecken rund um die wichtige Bahn-Drehscheibe Probleme machen. Die Linie Göttingen-Hildesheim kurz vor Hannover weist 23 Prozent und 12 Minuten Verspätungen auf; sie dient als Abzweig von der Nord-Süd-Achse Fulda-Kassel-Göttingen nach Berlin. Verspätungen von 13 bis 15 Prozent respektive 13 bis 17 Minuten fahren Züge auf den Achsen Berlin-Wolfsburg-Braunschweig-Hildesheim/Hannover ein. Kaum besser steht es um die Linie Hannover-Hamburg mit 12 bis 13 Prozent und 14 bis 16 Minuten Unpünktlichkeit. Im Flächenland Niedersachsen ist es klar zu sehen: Gerade auf den langen Hauptstrecken zwischen Deutschlands Metropolen wird die Bahn am häufigsten und längsten ausgebremst.

[] Schleswig-Holstein/Hamburg

Dies ist auch mit der wichtigsten Expressstrecke zwischen den beiden größten deutschen Städten der Fall. Auf der Verbindung Berlin-Hamburg kommen 16 Prozent der Züge um durchschnittlich 17 Minuten zu spät. Von Hamburg aus starten auch die wichtigsten Fernzüge nach Schleswig-Holstein. Auf der Linie Hamburg-Lübeck-Oldenburg-Puttgarden meldet die Bahn 16-20-18 Prozent und 14-13-15 Minuten Verspätung, bei der in Hamburg startenden Linie Neumünster-Kiel 16 Prozent und 16 Minuten - wirklich drastisch ist die Lage aber auf der Verbindung Neumünster-Flensburg, die weiter nach Dänemark führt: Hier sind es 23 Prozent und 29 Minuten. Diese extreme Quote ist allerdings nicht zuletzt auf CityNightLine-Züge zurückzuführen, die hier oft stark verspätet halten.

[] Mecklenburg-Vorpommern

Je weniger große Strecken, desto pünktlicher die Bahn - das zeigt sich in Mecklenburg-Vorpommern. Der Halt Ludwigslust auf der Expressachse Hamburg-Berlin hat 18 bis 19 Prozent und 10 bis 15 Minuten Verspätung, und Verbindungen von/nach Schwerin sind unpünktlich (Rostock: 19 Prozent, 15 Minuten; Hamburg: 13 Prozent, 17 Minuten). Die meisten anderen Verbindungen sind viel besser im Takt als im Rest Deutschlands.

[] Berlin/Brandenburg

Die Linien aus Berlin nach Westen - ob Hannover, Hamburg oder Hessen - sind allesamt 13 bis 16 Prozent und 15 bis 17 Prozent unpünktlich. Hier haben Hauptstadtreisende die größten Probleme, und dies bringt Brandenburg im Ländervergleich weit nach oben. Anders ist die Lage jedoch bei den Strecken nach Süden. Die Verbindungen Berlin-Lutherstadt Wittenberg und -Bitterfeld in Sachsen-Anhalt (und weiter nach Leipzig in Sachsen) sind mit 11 respektive 9 Prozent und 15 respektive 11 Minuten Verspätung im guten Mittelfeld des deutschen Fernverkehrs. Etwas weniger gut steht es um die Linie Berlin-Dresden. Hier sind zwar nur 9 Prozent der Züge verspätet, aber wenn, dann um 19 Minuten. Unschöne Verspätungen bauen sich auch auf der Linie Berlin-Frankfurt an der Oder-Polen auf: 12 Prozent und 14 bis 17 Minuten Verspätung sind üblich; auf der von Hamburg über Berlin und Cottbus kommenden EC-Linie Forst-Polen nach Krakau sind es gar 28 Prozent und 21 Minuten.

[] Thüringen/Sachsen/Sachsen-Anhalt

Die wohl pünktlichste große Fernverkehrsachse der Republik, auf der viele ICE fahren, ist Berlin-(Lutherstadt Wittenberg/Bitterfeld)-Leipzig-Erfurt-Nürnberg mit vielen weiteren einzelnen Zwischenhalten. Allerdings ist sie auch die am schlechtesten ausgebaute, die Reise dauert viereinhalb bis fünf Stunden. Generell hat die südliche Hälfte Ostdeutschlands wenig Schnellstrecken, was das Netz weniger verspätungsanfällig macht. Auch die Unpünktlichkeit auf der Mitteldeutschland-Achse von Westen nach Eisenach-Leipzig-Dresden hält sich in Grenzen - anders die Lage bei der Verbindung Dresden-Bad Schandau-Decin in Tschechien: Hier sind zwar nur 6 bis 7 Prozent der Züge verspätet, aber diese um 27 Minuten; allerdings verkehren auf dieser Linie viele verspätete Nachtzüge, die die Mittelwerte rasch verzerren können.

[] Ausland

Fahrten nach Frankreich, Dänemark und in die Niederlande sind enorm verspätet, schlimmer als in vielen deutschen Bundesländern (14/11/11 Prozent und 24/24/17 Minuten, siehe Grafik oben) - ausgerechnet in anderen Ländern mit modernen Zugsystemen gibt es also Probleme. Verbindungen in Polen, Österreich, Ungarn und Italien sind dagegen zum Beispiel mit jenen in Bayern vergleichbar. Fernzüge nach Belgien, Luxemburg, in die Slowakei und vor allem die Schweiz fahren dagegen pünktlicher als in den meisten deutschen Bundesländern. (Detaillierte Tabelle...)

Weitere detaillierte Auswertungen können Sie selbst mit den Zugmonitor-Daten vornehmen. Wir stellen die rohen Tabellen mit den einzelnen Bundesländern und auch europäischen Nachbarstaaten hier zum Durchstöbern und Herunterladen zur Verfügung. Dort erfahren Sie auch mehr zur Genauigkeiten der Angaben.

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