15. Februar 2013 12:35 Fernbusfahren im Selbstversuch Auf Zickzackkurs durch die Republik

Seit Anfang des Jahres dürfen Fernbuslinien in Deutschland verkehren. Aber kommt man damit tatsächlich vom Fleck? Unsere Autorin hat versucht, das Land von West nach Ost zu durchfahren. Drei Tage lang.

Von Eva Thöne

Tag 1: Von Isenbruch nach Düsseldorf

Am westlichsten Punkt Deutschlands friere ich, umgeben von schneebedeckten Äckern, unter weitem grauen Himmel. Der Grenzstein neben der Straße ist so unauffällig, dass man fast übersieht, wenn man plötzlich mit einem Bein in den Niederlanden steht. Von hier, dem Dorf Isenbruch in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Selfkant, starte ich heute einen Road Trip einmal quer durch Deutschland bis zum östlichsten Punkt: Neißeaue in Sachsen. Und zwar mit dem Bus.

Schließlich sind seit Anfang dieses Jahres Fernbuslinien in Deutschland erlaubt, nachdem sie fast 80 Jahre lang zum Schutz der Bahn vor Konkurrenz verboten waren. Weil die Fernbusse bislang aber vor allem große Städte anfahren, muss ich ab Isenbruch erst einmal Regional- und Stadtlinien bis zum Hauptbahnhof in Mönchengladbach nehmen. Von dort komme ich laut der Homepage des Verkehrsverbands Rhein-Ruhr mit mehrmaligem Umsteigen bis zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, dem Etappenziel.

In Isenbruch ist der Bus fast leer. Nur Michele und Susana, zwei 15-Jährige mit Kajalaugen und Röhrenjeans, drücken sich in der letzten Reihe auf den Sitzen herum, die mit ihrem blau-rot-gelbem Quadratmuster an das Computerspiel Pac-Man erinnern. Draußen ziehen rote Klinkerbauten mit gepflegten Vorgärten vorbei, in die der Bus lustvoll Schneematsch spritzt. Wenn man hier im Selfkant aus dem Fenster schaut, wird klar, warum das deutsche Busgefühl bislang kaum kompatibel ist mit Aufbruch und genussvollem Unterwegssein. Dass sich Peter Fonda als Aussteiger Wyatt in "Easy Rider" bei seiner Flucht vor gesellschaftlichem Zwang auf eine Harley Davidson schwingt und nicht an einer Haltestelle auf den nächsten Bus wartet, verwundert hierzulande wenig: Denkt der Deutsche an Busreisen, graust ihm beim Gedanken an zusammengepferchte Rentner, die auf einer Kaffeefahrt zum Kauf von Heizdecken gezwungen werden.

Draußen hängt eine neongelbe Werbung für eine Après-Ski-Wanderdisco einsam über einem Acker, der frisch gedüngt riecht. Zu der Party in Süsterseel wollen Michele und Susana auch. Ansonsten fällt ihnen aber fast nichts ein, was man so unternehmen kann, wenn man jung ist und am westlichsten Zipfel Deutschlands lebt. "In Geilenkirchen gehen wir in den McDonald's, und in Oberbruch gibt es im Cheetah ziemlich gute Musik, aber da werden die Ausweise kontrolliert." Trotzdem wollen die beiden auch für ihre Ausbildung im nächsten Jahr hierbleiben. Vielleicht wollen sie so wenig wissen vom Aufbruch, weil der Selfkant trotz Dunggeruch kosmopolitisches Flair ausstrahlt: zumindest nachts, wenn der Himmel zwischen Millen und Tüddern orange leuchtet von der Hochhaussiedlung in der niederländischen Stadt Sittard, wo Michele und Susana manchmal zum Shoppen hinfahren.

Nach Zwischenhalten in Höngen, Heinsberg und Erkelenz stehe ich am Busbahnhof von Mönchengladbach, wo mich der Fahrer hilfsbereit darauf hinweist, dass man mit dem Bus dreimal umsteigen muss, die S-Bahn aber nur 40 Minuten bis zum Düsseldorfer Bahnhof braucht. Ich fahre dennoch eine Zick-Zack-Route, für die das Wort "Rumgurken" wohl erfunden wurde. Viele der ausgeschilderten Orte enden hier auf "broich", und fast jede Imbissbude vor den beschlagenen Busfenstern beginnt mit "Schlemmer-" . "Normalerweise kriegen die Leute den Anschluss immer", hat der Busfahrer noch ganz harmlos gesagt. Kurz darauf sprinte ich vergeblich durch Korschenbroich. Provinz sei keine Gegend, sondern eine Einstellung, hat mal jemand gesagt. Der war aber bestimmt noch nicht hier, denke ich, ein wenig bockig, weil ich verfroren an einer zugigen Haltestelle warten muss.

Durch den verpassten Anschluss brauche ich länger als zwei Stunden für die 30 Kilometer zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf. Im Düsseldorfer Industriegebiet ruckeln wir im Feierabendverkehr nur langsam voran. An einem Laternenpfahl wirbt ein neongelbes Plakat für eine Ü30-Party, aber es riecht nicht nach Dung, sondern fruchtig und nach Kräutern zugleich. Der Busfahrer zeigt mit dem Finger nach links: An der Eupener Straße steht eine Teefabrik, die Aromen in die kalte Winterluft pustet.

Tag 2: Von Düsseldorf nach Magdeburg

Im Dämmerlicht laufe ich gegen den Strom von Berufspendlern bis zum Busbahnhof, der hier in Düsseldorf stiefmütterlich versteckt fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Als ich um 9 Uhr in den Fernbus steige, bleiben die meisten der 53 Sitzplätze leer. Mit mir sind nur Helga Laskowski und ihre Nichte an Bord, beide sind leidenschaftliche Fernbusfahrerinnen. Helga Laskowski lebt von Witwenrente, mit der Bahn hätte sie von Düsseldorf bis Hannover 61 Euro bezahlt, mit dem Bus kostet die Strecke weniger als die Hälfte. Und für den Becher Kaffee in ihrer Hand, den einer der beiden Fahrer ihr von der Kaffeemaschine direkt gegenüber dem engen, aber sauberen Toilettenkabuff gebracht hat, bezahlt sie 90 Cent und nicht 2,80 Euro wie im Bordbistro der Bahn. In Düsseldorf war die 80-Jährige zum Geburtstag ihres Enkels, aber nach einer Woche habe es ihr dann auch gereicht: "Die jungen Leute kümmern sich ja gar nicht mehr um einen, sondern machen immer nur so rum mit Computern und Internet."

Die angesprochene Generation sammelt sich derweil mit jedem Halt im hinteren Busteil an. Alle sitzen im selben Bus, dennoch bleibt jeder für sich. Nicht mal einen Hängefernseher mit Generationen übergreifenden Spielfilmen in Dauerschleife gibt es hier. Im vorderen Busteil blättert Helga Laskowski im Magazin Mein Spaß, im hinteren lernt eine Studentin für ihr Germanistik-Seminar. Vorne unterhalten sich zwei Rentnerinnen aus Duisburg über Krämpfe, hinten schläft man alleine in seiner Sitzreihe, während eine amerikanische Serie auf dem Laptop läuft. Vorne leeren sich die Reihen in Hannover, hinten will fast jeder bis zur Endstation Berlin.

Noch sind die meisten Passagiere von Fernbussen älter als 60 Jahre. Aber wenn man in den hinteren Teil des Busses blickt, leuchtet es ein, warum Anrufer in der Service-Hotline von deinbus.de konsequent geduzt werden und warum Mein Fernbus mit kostenlosem Wlan an Bord wirbt. Fernbusse passen einfach zu gut zu jungen Menschen, deren Freundeskreis weit verstreut und digital vernetzt ist und denen es nichts ausmacht, dass man für die 475 Kilometer von Düsseldorf nach Magdeburg acht Stunden braucht. Zum Arbeiten brauchen sie kein Büro und keine Bibliothek, nur Laptop oder Tablet. Doch mit dem Unterwegssein in "Easy Rider" hat die flexible Produktivität von Simone, die nicht gedankenverloren aus dem Fenster, sondern konzentriert auf ihr Word-Dokument schaut, nichts zu tun. Und selbst als leidenschaftlicher Reisender schafft man es nicht lange, den Blick an der Landschaft vor dem Busfenster festzuhaken.

Vielleicht liegt es daran, dass man die Beine in den engen Sitzreihen kaum ausstrecken kann, trotzdem aber bald in einen leichten Dämmerschlaf fällt, weil die warme Luft der Bordheizung so dösig macht. Oder eher daran, dass man zwischen Abfahrt und dem Busbahnhof in jeder Stadt an mindestens einem Matratzenoutlet vorbeikommt. Ein Platz in Bahnhofsnähe ist mit großer Wahrscheinlichkeit nach Konrad Adenauer benannt, und vor dem Haupteingang des Bahnhofs steht fast immer ein Stück abstrakte Stahlkunst. War das vorhin wirklich Bielefeld oder sind wir zweimal durch Gütersloh gefahren? Durch den flüchtigen Fernbusblick wird Deutschland zu einem Land mit einem großen Bedarf an Matratzen, einer tiefen Verehrung für den ersten Bundeskanzler und einem fragwürdigen Kunstgeschmack.

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Tag 3: Von Magdeburg nach Möckern

Am Konrad-Adenauer-Platz steht zufällig auch der Busbahnhof Magdeburg, und in dessen Warteraum steht Detlef Damm am Kaffeeautomat und wundert sich, dass ich tatsächlich bei ihm bis Loburg mitkommen will: "Sie wissen aber, wo Sie da hinfahren?", fragt der Busfahrer, die Betonung liegt dabei auf dem "Wo". Eigentlich wollte ich ja sogar bis nach Neißeaue bei Görlitz, der östlichsten Gemeinde Deutschlands. Aber mein Plan, zumindest bis Dresden ein Teilstück auf einer internationalen Busverbindung zu fahren, geht nicht auf. "Mitfahren können Sie schon", hat die Servicemitarbeiterin von Berlin Linien Bus gesagt, als ich mich danach erkundigt habe. "Wir können Sie ja nicht mit Gewalt im Bus halten bei einem Zwischenhalt." Aber ich müsste den vollen Preis bis ins bulgarische Sofia bezahlen, 107 Euro. Das wäre Irrsinn. Bis Neißeaue sind es von Magdeburg aus noch mehr als 300 Kilometer. Deutschland ist breiter als gedacht.

Immerhin nimmt mich Detlef Damm noch bis nach Loburg mit, einem Stadtteil von Möckern, 40 Kilometer östlich von Magdeburg. Umgeben von Schneeäckern und wolkenverhangenem Himmel kann man sich bei der Fahrt durchs Jerichower Land ganz gut vorstellen, dass gleich rechts neben der Straße die niederländische Grenze liegt. Eine Phantasie, die aber nur bis zur Ortseinfahrt funktioniert. "Möckern ist die viertgrößte Stadt Deutschlands", erzählt Detlef Damm, "aber nur flächenmäßig." Auf der menschenleeren Hauptstraße im eingemeindeten Loburg reihen sich verlassene Geschäfte und Wohnhäuser mit zersprungenen, zugemauerten oder mit Matratzen verbarrikadierten Fenstern aneinander.

In Magdeburg wird jedes Jahr eine große Jobmesse veranstaltet, um junge Menschen vom Wegziehen abzubringen. Hier aber bekommt man das Gefühl, dass gar keine Jugendlichen mehr da sind, die man zum Dableiben überreden könnte. Eine Jahrgangsstufe der örtlichen Sekundarschule wurde schon gestrichen, weil die Mindeststärke für die Klasse nicht zusammenkam. Als mich Detlef Damm an den zugewucherten Gleisen des stillgelegten Bahnhofs absetzt, denke ich, dass die ganzen jungen Kreativen mal hier aus dem Bus steigen sollten statt in Berlin. Das wäre eine klassische Win-Win-Situation.