Zum Tod von Richard von Weizsäcker Der Bundeskönig

Richard von Weizsäcker: Er füllte das Amt des Bundespräsidenten aus wie nur wenige.

(Foto: Regina Schmeken)

Richard von Weizsäcker war intellektuell, charismatisch und höflich. Eigene Erinnerungen an die Nazi-Zeit prägten sein politsches Wirken - und halfen ihm, Weichen richtig für die Zukunft zu stellen.

Ein Nachruf von Oliver Das Gupta

Was für ein Leben. Ins spätgeadelte Bildungsbürgertum hineingeboren, als Soldat am Angriff auf Polen und die Sowjetunion beteiligt. Ein Bekannter der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Strafverteidiger des eigenen Vaters, der als NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg angeklagt war. Unternehmer. Vordenker und Vorkämpfer der Brandt'schen Entspannungspolitik. Regierender Bürgermeister von West-Berlin und Präsident des Evangelischen Kirchentages, Vizepräsident des Bundestages. Und schließlich angekommen in jenem Amt, das nur wenige so ausfüll(t)en wie er: Bundespräsident.

Kaum ein anderer Politiker hatte bei den Deutschen ein höheres Ansehen als Richard von Weizsäcker, gerade weil er sich von niemandem ganz für sich vereinnahmen ließ. Über die politischen Lager hinweg wurde er - selten genug bei Politikern - für glaubwürdig gehalten. Die Bundesbürger fühlten sich von diesem charismatischen und zugleich intellektuellen Menschen als Denker und Redner gut vertreten. Der Mann aus württembergischen Adel, der da in der Villa Hammerschmidt und im Schloss Bellevue residierte, war für jene mit einem Faible für die Monarchie fast so gut wie ein König. Und selbst von den meisten Linken war er bald akzeptiert.

Später, als Präsident außer Dienst, bezog er ein Büro im Kupfergraben in Berlin. Altes Gemäuer, die Kanzlerin wohnt nebenan, vis-a-vis steht das Pergamonmuseum. Dort empfing Weizsäcker Gäste und Freunde, dort gab er Interviews, in denen er es mitunter durchaus krachen ließ - nur strich er in der Autorisierung Texte so zusammen, dass er wieder staatstragend auftrat.

Weizsäcker ließ in solchen Gesprächen seinem Temperament freien Lauf und: er schwäbelte. Dann ruderte er mit den Armen, reckte Fäuste, die Hände schnappten in die Luft. Er erzählte auch aus seinem Leben, auch Privates, von seiner Frau Marianne, von seiner Zeit als junger Staatsanwalt, als nach seinem Befinden die Gerechtigkeit allzu oft auf der Strecke blieb. Zwischendurch stand der Altbundespräsident auf und schenkte seinen Gästen Tee nach.

Volkstribun? Wollte er nicht sein

Das Zeug zum Volkstribun hatte er nicht, das wusste er. Ein solcher wollte er auch nicht sein. Weizsäcker war gewiss nicht uneitel, aber er war zu diszipliniert, um dieser Eitelkeit so nachzugeben, wie es viele andere tun. Er lebte sie aus über geistvolles Auftreten und starke Argumente, vorgetragen in geschliffener Sprache.

Menschenmassen zum Nachdenken zu bringen, nicht sie zu entflammen, das hatte er im Sinn. Seine Worte zur Wende, wonach das geteilte Deutschland nicht "zusammenwuchern" sollte, irritierte damals viele, die im Rückblick solche Sätze nun anders sehen.

Macht haben, Menschen verzücken, Karriere in der CDU machen - das war die Sache von Helmut Kohl, Weizsäckers Förderer und Antipoden. Es mochte Weizsäcker im Stillen ärgern, dass Kohl als "Kanzler der Einheit" gefeiert wurde, aber selten vom "Präsidenten der Einheit" die Rede war.

Anmerken lassen hat er sich das freilich nicht. Er neidete Kohl auch dessen Rolle nicht, denn er hatte ja seine: als Bundeskönig, der über Parteien und Tagespolitik schwebend die "Machtversessenheit und Machtvergessenheit" geißelte, eine Formulierung, die er später als "natürlich etwas polemisch" nannte und dabei lächelte. Aber er setzte diese Worte damals wohltemperiert ein und sie trafen den Empfänger aus Oggersheim empfindlich.

Richard von Weizsäcker mit seiner Ehefrau Marianne 1968 in Bonn.

(Foto: dpa)

Wie groß der Spalt zwischen den beiden geworden war, ist seit Langem bekannt. Weizsäcker ging in seinem höchsten, aber machtlosen Staatsamt an die Grenze des Zulässigen, er definierte den Wirkungskreis des Bundespräsidenten neu. So pflegte er etwa in den 80er Jahren eigensinnig und eigenmächtig Kontakte zur DDR-Führung - am Kanzleramt vorbei. Weizsäcker erlaubte es sich einfach. Einige in der Union nahmen ihm das noch lange übel.

Weizsäcker und seine CDU. Ob er noch einmal in sie eintreten würde, wurde er einmal gefragt. Er wich aus. Es darf bezweifelt werden. Fakt ist: Ohne die Partei wäre er nicht Bundespräsident geworden. Viele Abstimmungen hat der Freiherr, den der junge Helmut Kohl in die Politik bugsiert hatte, verloren: in der Partei, die Abgeordnetenhauswahl in Berlin, eine Bundespräsidentenwahl.

Doch die wichtigeren gewann Weizsäcker. Manche verlor er wenigstens nicht. Zum Beispiel als es darum ging, die CDU/CSU-Fraktion zu überzeugen, nicht gegen die Ost-Verträge der sozialliberalen Koalition zu stimmen (Weizsäcker sprach von einem " furchtbaren Kampf"). Oder etwas später, als seine Parteifreunde versuchten, die KSZE-Schlussakte von Helsinki zu kippen. Da sei ihm seine eigene Fraktion "wie von Sinnen" vorgekommen.