Zschäpe und ihre Verteidiger Zum Schweigen verurteilt

Kein "Guten Morgen", kein "Danke": Bislang kam der Hauptangeklagten Zschäpe im NSU-Prozess kein Wort über die Lippen. Diese Regungslosigkeit scheint sie Kraft gekostet zu haben.

(Foto: dpa)

Die Frau, die in ihrem zivilen Leben als redselig galt, hat bislang geschwiegen. Beate Zschäpe folgte damit in den bisher 128 Verhandlungstagen im NSU-Prozess dem Rat ihrer Anwälte. Das könnte sich nun ändern. Ihr Schweigen macht Zschäpe erkennbar zu schaffen.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Beate Zschäpe redet gern. Das tat sie jedenfalls immer. Mit Nachbarn, bei einem Gläschen Sekt. Mit der Freundin aus der Wohnung gegenüber, mal über Männer, mal über Kinder. Selbst wenn sie bewacht von Polizeibeamten vier Stunden lang im Auto sitzt, schweigt sie nicht, sondern plaudert. Übers Wetter. Über Thüringer Bratwürste. Aber auch darüber, ob sie vor Gericht reden soll oder nicht.

Die Frage "Reden oder Schweigen?" begleitet die Hauptangeklagte im NSU-Prozess seit Anbeginn. Im Gerichtssaal hat man bisher kein einziges Wort von ihr gehört. Kein "Guten Morgen", kein "Danke", nichts. Selbst als die Mutter eines jungen Mannes, den der NSU erschossen hatte, sie unter Tränen anflehte, doch zu sprechen und nicht die Schuld anderer auf sich zu nehmen, blieb sie regungslos.

"Dass gleich alle Verteidiger entfernt werden, ist äußerst unwahrscheinlich"

Wohin steuert der NSU-Prozess, nachdem Beate Zschäpe ihren Anwälten das Vertrauen entzogen hat? Kann sie ihre Anwälte einfach feuern? Eine Einschätzung im Video. mehr ...

Aber es kostet Kraft, diese Fassade über Monate, Woche für Woche, aufrechtzuerhalten. Seit 128 Tagen sitzt Beate Zschäpe nun im Gerichtssaal, und ihre Kraft lässt spürbar nach. In den vergangenen Wochen litt sie immer wieder unter Übelkeit, hatte Kopfschmerzen, mehrere Prozesstage fielen deswegen aus. Einmal ging es ihr so elend, dass sie darum bat, die Nacht nicht allein in ihrer Zelle verbringen zu müssen. Sie wollte jemanden zum Reden haben. Eine andere Gefangene legte sich zu ihr.

Es brodelt in Beate Zschäpe. Sie sitzt nun seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft, sie erlebt, wie ein Zeuge nach dem anderen auftritt und seine Eindrücke über sie zum Besten gibt. Und sie kann nichts dazu sagen. Ihre Anwälte haben ihr geraten, nicht zu reden - und nun will sie diese Anwälte plötzlich loswerden. Zumindest ließ sie dem Gericht mitteilen, sie vertraue ihnen nicht mehr. Was bedeutet das? Will sie reden? Oder ist sie nur dieser Situation überdrüssig, in der sie seit über einem Jahr wie unter der Lupe betrachtet wird? Erwartet sie womöglich, dass ihre Verteidiger mit einem einzigen Schnitt durch den gordischen Knoten ihre Situation ändern? Will sie Verteidiger, die den Konflikt mit dem Gericht suchen?

Die Verteidiger suchen bisher nicht den großen Auftritt. Sie setzen allein darauf, dass sich das Konstrukt der Anklage nicht beweisen lässt. Danach war Zschäpe Mittäterin bei allen zehn NSU-Morden, indem sie die bürgerliche Fassade aufrechterhielt, ohne die ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nie so lange aus dem Untergrund heraus hätten morden können. Sie habe also arbeitsteilig einen Part in dem Mord-Trio übernommen, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen, wirft ihr die Anklage vor.

Zeugenaussagen haben Zschäpe belastet - das hat ihr offenbar zu denken gegeben

Die Argumentation der Bundesanwaltschaft ist gewagt. Zschäpe war - soweit man weiß - an keinem Tatort dabei. Aber Zschäpe hatte Zugang zum Tresor in der Wohnung in Zwickau, darin lagen Waffen und die Handschellen der ermordeten Polizistin aus Heilbronn. Zschäpe verwaltete während des Urlaubs das Geld, sie war bei einer Waffenübergabe dabei, sie hatte, so erklären Zeugen, die beiden Männer "im Griff". Ihre Fingerabdrücke wurden auf Zeitungsausschnitten gefunden, die der NSU für seine Bekennervideos verwendete.

Es hat sich bisher viel Belastendes angesammelt in diesem Prozess. Das Gericht sieht das offenbar so. Bei einer Entscheidung über die Haftfortdauer eines Mitangeklagten erklärten die Richter, die Anklage habe sich bisher bestätigt. Das musste auch für Zschäpe ein Warnschuss sein.

Nun ist vielleicht der Grundkonflikt mit den Anwälten wieder aufgebrochen. Denn obwohl Zschäpe und vor allem ihr Verteidiger Wolfgang Heer im Gerichtssaal geradezu vertraut tuscheln, hatte Zschäpe schon von Anfang an Bedenken, ob die Schweigestrategie richtig sei. Die ließ sie zumindest einmal erkennen, als sie auf einer Autofahrt lange mit einem BKA-Beamten plauderte. Der machte ihr deutlich, dass Sprechen Vorteile haben könne - so habe der RAF-Terrorist Christian Klar bis zuletzt geschwiegen und musste seine Strafe voll absitzen, die Terroristin Susanne Albrecht aber redete und kam nach ein paar Jahren frei. Zschäpe schien darüber nachzudenken, sagte dann jedoch: "Aber einen Fall wie mich hat es doch noch nie gegeben."

Der Vorsitzende Richter ist bekannt dafür, bohrende Fragen zu stellen

Danach aber hat sie sich mit ihren Verteidigern auf diese Strategie festgelegt.

Ihre Anwälte haben gute Gründe. Denn wenn Zschäpe spricht, dann muss sie schon alles sagen. Zu harmloseren Dingen zu reden und zu brisanten zu schweigen, das wäre für ihre Glaubwürdigkeit tödlich. Wenn jemand grundsätzlich schweigt, darf ihm das nicht negativ ausgelegt werden. Wenn er sich aber nur selektiv einlässt, dann kann sich ein Gericht denken, warum das wohl so ist. Und Schlüsse ziehen. Richter Manfred Götzl ist dafür bekannt, wenn nötig auch tagelang zu fragen: mit wem der NSU Kontakt hatte, wer die Bekennervideos drehte, wo sie die Waffen besorgten, wie die Opfer ausgesucht wurden, mit welchen Gesichtsausdruck ihre Männer von den Mordreisen heimkehrten. Und natürlich, was sie wusste, wie sie ihre Freunde unterstützte.

Und er würde wohl nicht recht glauben, wenn Zschäpe erzählen würde, dass sie zwar 13 Jahre lang mit beiden zusammengelebt hat, aber nichts von ihrem Treiben ahnte. Also ist eine Aussage auch riskant. Denn Zschäpe könnte dadurch zeigen, dass sie tiefer verstrickt war, als man bisher weiß. Zschäpe hat, als sie sich im November 2011 stellte, gesagt, sie wolle aussagen. Später erklärte sie, ihre Aussage werde nicht unbedingt die Höhe der Strafe mindern. Das könnte der springende Punkt sein, weswegen ihre Anwälte ihr raten zu schweigen.

Offensichtlich tut sich Zschäpe nun nicht so leicht damit, schriftlich niederzulegen, warum sie ihren Anwälten misstraut. Am Donnerstag räumte ihr das Gericht einen zusätzlichen Tag dafür ein, bis einschließlich Freitag. Dann müssen ihre Verteidiger Stellung nehmen. Sie dürften durchaus interessiert sein an Zschäpes Argumenten, denn bisher war kein Konflikt zu erkennen. Im Gegenteil, die Anwälte hatten sich völlig auf ihre Mandantin konzentriert und schon geklagt, dass sie wegen des aufwendigen Verfahrens keine anderen Aufträge mehr annehmen könnten. Am Dienstag, dem nächsten Prozesstag, muss dann das Gericht entscheiden, ob es dem Antrag Zschäpes nachkommt. Das wird es wohl eher nicht tun.