Zeugenbericht im NSU-Prozess Schöne Urlaubstage auf Fehmarn

Uwe Mundlos ging gerne im Urlaub surfen. Miturlaubern fanden ih ziemlich unauffällig.

Sie waren mehrmals mit ihnen im Urlaub: Im NSU-Prozess werden Zeugen befragt, die mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe die Ferienzeit beim Campen auf Fehmarn verbracht haben. Niemand will geahnt haben, mit wem man es zu tun hatte.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Abends hat Familie M. auf dem Campingplatz gegrillt und mit drei Urlaubsbekannten "Wer wird Millionär?" gespielt. Das Wichtigste dabei hat Familie M. nicht gewusst: Wer die drei jungen, netten Spielpartner wirklich waren.

Beate Zschäpe nannte sich "Liese", Uwe Mundlos "Max" und Uwe Böhnhardt "Gerry". Dass sie Neonazis und Terroristen sein könnten, hat Familie M. keine Sekunde vermutet. Als dann der NSU aufflog, "waren wir geschockt, wie wenig wir tatsächlich von denen wussten", sagt Christian M.

Mit seiner Frau und zwei Kindern fuhr er jeden Sommer nach Fehmarn und verbrachte die Ferien in einem Wohnwagen. 2007 lernten sie dort das Trio aus Zwickau kennen.

Christian M., 54, ist Bauingenieur und ein sportlicher Typ. Gemeinsam mit Max alias Mundlos ging er surfen. Uwe Böhnhardt fuhr oft mit einem Schlauchboot los, Zschäpe machte mal einen Ausflug mit den Kindern der Urlaubsfreunde in einen Freizeitpark. Es waren schöne Tage.

Entspannter Smalltalk am Grill

Christian M. spricht am Dienstag im NSU-Prozess von einer "ungezwungenen Atmosphäre" auf dem Campingplatz. Jedes Jahr im Sommer traf man sich wieder, das wurde am Grill gefeiert. Das Trio aß gerne Würstchen aus Thüringen und verschickte sogar mal welche in einem Päckchen ohne Absender.

Der Familie M., die aus Niedersachsen kommt, erzählten die drei ein paar Alltagsgeschichten von früher aus der DDR: wie es damals beim Einkaufen war oder beim langen Warten auf ein neues Auto.

Die Gegenwart ist eher im Ungefähren geblieben. Angeblich arbeitete Uwe Mundlos in einer Computerfirma, Uwe Böhnhardt als Kurierfahrer. Auch Beate Zschäpe soll berufstätig gewesen sein, Genaues wusste man nicht. Gab es Gespräche über Politik? Kaum oder gar nicht. Es war ja Urlaub, "da will man abschalten und nicht so ins Detail gehen", sagt Christian M.

Am Körper von Gerry alias Uwe Böhnhardt haben die Urlaubsbekannten ein martialisches Tattoo mit einem Totenkopf und einem Soldatenhelm gesehen, aber groß Gedanken hat sich darüber niemand gemacht. "Eine Jugendsünde", hieß es. Und Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit seien nie Thema gewesen.

Zschäpe gab sich politisch neutral

Aber das Politische lauert überall, sogar im Urlaub. Bei Familie M. sitzt es auf einer Tasche der Tochter: Sie trägt einen Aufnäher mit dem Spruch "Gegen Nazis" und dem Bild einer Faust, die ein Hakenkreuz zerschlägt. Das Trio soll zu dem Aufnäher nie etwas gesagt haben. In Gesprächen mit der Tochter habe sich Beate Zschäpe politisch neutral gezeigt.

Böhnhardt oder Mundlos soll mit einer Tochter der Urlaubsbekannten mal, beiläufig und humorvoll, über das Bauen von Bomben gesprochen und dabei sein chemisches und technisches Wissen offenbart haben. Von rechtsextremer Propaganda war wohl nichts zu spüren. Hat sich das Trio zur Tarnung zusammengerissen? Oder war es den Dreien im Urlaub nicht so wichtig, einen Standpunkt zu vertreten? Brauchten sie Urlaub von sich selbst?

Aus Sicht von Zschäpes Verteidigern ist eine rechtsextreme Gesinnung ihrer Mandantin für die Zeit nach dem Untertauchen 1998 ohnehin noch nicht erwiesen. Die Anklage sieht dagegen keinerlei Anzeichen dafür, dass Beate Zschäpe im Untergrund plötzlich von ihren früheren Einstellungen abgerückt ist. Schließlich soll sie noch im November 2011 die Bekenner-Videos verschickt haben, in denen sich der "Nationalsozialistische Untergrund" seiner Morde an neun Migranten und einer Polizistin brüstete.

Ausländerfeindliche Kommentare

Vor Kurzem hat vor Gericht ein ehemaliger Nachbar des Trios aus Zwickau gesagt, in der Hausgemeinschaft sei bereits damals darüber gesprochen worden, dass Zschäpe keine Ausländer möge. Dazu muss man wissen, dass einige dieser Nachbarn selbst für Vorurteile gegen Ausländer empfänglich waren. So blieb es auch, als das Trio in Zwickau umzog: Im neuen Haus traf sich ein Nachbar mit Freunden regelmäßig im Keller zum Biertrinken, ab und zu kam Zschäpe dazu.

Im Keller stand ein Hitler-Bild auf dem Tisch. Es stammte aus dem Nachlass eines Mannes, dessen Bruder im Keller regelmäßig mittrank. Er sagte am Dienstag im NSU-Prozess, das Hitler-Foto sei bei der Wohnungsauflösung des Bruders übrig geblieben: "Das war das einzige, was zu verwerten war." Als Neonazi brauchte man sich in diesem Umfeld nicht so zurücknehmen wie auf dem Campingplatz mit den kultivierten Urlaubern aus Niedersachsen.