Wulff-Rücktritt Fall eines längst Gefallenen

Christian Wulff war weder ehrlich zu sich noch zum Volk. Die ganze Affäre zeigt: Er hätte nie Bundespräsident werden dürfen. Ob das Amt dauerhaft beschädigt ist, hängt auch davon ab, wie nun ein Nachfolger gefunden wird. Oder besser: eine Nachfolgerin.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Es ist schlimm, so etwas über einen Bundespräsidenten sagen zu müssen. Aber der Rücktritt von Christian Wulff war fällig, überfällig geradezu. Wochenlang hat er das Volk zum Narren gehalten. Wie ein Puzzle musste Detail um Detail aneinandergesetzt werden, um am Ende endlich ein klares Bild von einem Mann zu bekommen, der als Saubermann erster Güte von Merkel in dieses Amt gehievt wurde, um vor allem eines zu machen: keinen Ärger.

Wulff aber ist nicht die integere, über alle Zweifel erhabene, moralische Instanz, die er sein müsste, um dem Amt die Würde zu geben, die es verdient. Er hat sich von falschen Freunden blenden und verführen lassen. Er hat den Luxus genießen wollen, den jene genießen können, die es zu viel Geld gebracht haben. Auf der anderen Seite hat er mit viel Energie die Fassade des bescheidenen Landesvaters aufgebaut, mit Klinkerhäuschen von der Stange und Urlaub an der Nordsee. Wulff lebt und lebte in zwei Welten, die nicht zusammenpassen wollen.

Er sei "immer aufrichtig" gewesen, sagte er in seiner Rücktrittserklärung. Tatsächlich aber war Wulff immer nur dann aufrichtig, wenn sich etwas nicht mehr verschweigen ließ.

Wäre er "immer aufrichtig" gewesen, er hätte von Anfang an gesagt, dass er einen Privatkredit der Unternehmer-Familie Geerkens angenommen hat. Dass er auf Kosten reicher Freunde Urlaub gemacht hat, sich Hotelrechnungen und Flüge bezahlen ließ. Dass er Bild-Chef Diekmann gedrängt hat, seine Berichterstattung zurückzuziehen.

Jetzt ist klar: Wulff hätte nie Präsident werden dürfen. Wer genauer hingeschaut hätte, der hätte das sehen können. Wer sich mit umstrittenen Leuten umgibt wie dem Finanzjongleur Carsten Maschmeyer, der kann vieles werden. Bundespräsident eher nicht.

Sein Rücktritt ist der Fall eines längst Gefallenen.

Aber die Affäre Wulff ist auch eine Affäre Merkel. Sie hat ihn zum Bundespräsidenten gemacht in der vagen Hoffnung, ein politisch erfahrener Amtsinhaber werde ihr nicht so viele Scherereien machen wie sein Vorgänger Horst Köhler, der Seiteneinsteiger. Der fiel vor allem mit massiver Kritik am politischen System und an den Parteien auf, insbesondere an den Regierungsparteien Union und FDP. Zuweilen überkam einen das Gefühl, Köhler stünde nicht über der Politik, sondern jenseits der Politik. Im Volk machte ihn das beliebt.

Merkel wollte Wulff. Wulff wollte das Amt. Warum, dass wusste er selbst nicht genau. Weil es doch mal gut sei, dass ein junger Präsident mit Frau und Kindern in Schloss Bellevue einzöge - das war ernsthaft sein erster Erklärungsversuch. Er wollte anders sein als seine im Vergleich eher greisen Vorgänger.

Er hat es geschafft. Niemand vor ihm hat das Amt so beschädigt wie er. Niemand vor ihm hat so deutlich sich über alles andere gestellt. Er wollte nicht zurücktreten. Er musste. Es ging nicht mehr anders.

Sein Nachfolger oder, was wünschenswert wäre, seine Nachfolgerin, wird einiges zu tun haben, um das in der kurzen Amtszeit von Christian Wulff zerstörte Vertrauen in das Amt wiederherzustellen. Dieser Gedanke sollte all jene leiten, die sich jetzt auf die Suche nach geeigneten Kandidaten machen. Wenn es gelänge, tatsächlich eine Persönlichkeit zu finden, die von allen demokratischen Parteien getragen wird, es wäre der erste wichtige Schritt, das Amt des Bundespräsidenten wieder zu dem zu machen, was es vor Wulff war: ein Amt mit Würde und immer im Dienste des Volkes.