Täter von Würzburg Axt-Angreifer war den Behörden unbekannt

  • Die Identität des Attentäters von Würzburg wurde hierzulande offenbar nie kontrolliert.
  • Er war zuvor mit seinen Fingerabdrücken in Ungarn registriert worden und hätte dem Dublin-Abkommen zufolge wieder dorthin zurückgeschickt werden können.
  • Zwei seiner Opfer befinden sich weiterhin in einem lebensbedrohlichen Zustand.
Von Katja Auer, Würzburg

Die Identität des Axt-Attentäters von Würzburg ist vor dessen Tat in Deutschland nicht überprüft worden. Der 17-jährige Afghane kam am 30. Juni 2015 bei Passau über die Grenze, also noch vor dem großen Flüchtlingsansturm im vergangenen Jahr. Inzwischen werden Asylbewerber dort erkennungsdienstlich behandelt, bei dem jungen Mann sind seinerzeit aber noch keine Fingerabdrücke genommen oder Fotos gemacht worden, hieß es am Donnerstag aus Ermittlerkreisen. Er war zuvor mit seinen Fingerabdrücken in Ungarn registriert worden und hätte dem Dublin-Abkommen zufolge wieder dorthin zurückgeschickt werden können. Das Abkommen ist zwischenzeitlich jedoch ausgesetzt worden.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte schärfere Kontrollen an den EU-Grenzen. Es dürfe niemand in Deutschland unterwegs sein, dessen Identität nicht eindeutig geklärt sei, sagte er.

Papiere hatte der junge Mann bei seinem Grenzübertritt nicht bei sich. Danach war er in den Landkreis Würzburg verlegt worden. Er wurde zunächst in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Dort stellte er auch seinen Asylantrag, das Verfahren war allerdings bis zu der Tat nicht abgeschlossen. Der 17-Jährige hatte lediglich eine sogenannte Aufenthaltsgestattung.

Unklarheiten in den Angaben hätten auffallen können

Für Asylbewerber aus Afghanistan dauert das Verfahren zurzeit besonders lange, da Flüchtlinge aus anderen Ländern wie Syrien vorrangig behandelt werden. Der Jugendliche habe zum Zeitpunkt der Tat noch keinen Termin zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gehabt, heißt es aus Ermittlerkreisen. Im Zuge dieses Asylverfahrens hätte auch die Identität des jungen Mannes überprüft werden müssen, eventuelle Unklarheiten in den Angaben hätten den Behördenmitarbeitern bei dieser Gelegenheit auffallen können.

Es gab nach der Tat Zweifel daran, dass der Angreifer tatsächlich aus Afghanistan stammte, da er in einem Bekennervideo einen paschtunischen Dialekt aus Pakistan sprach und bei ihm ein Brief gefunden wurde, der in Urdu verfasst war, einer pakistanischen Amtssprache. Allerdings wird die auch in Teilen Afghanistans gesprochen. Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass der Attentäter doch aus Afghanistan stammt.

Der 17-jährige Afghane hatte am Montagabend in einem Regionalzug in der Nähe von Würzburg fünf Menschen mit einer Axt und einem Messer schwer verletzt. Der Angreifer wurde von Beamten eines Sondereinsatzkommandos erschossen. Zuvor war er mit erhobener Axt auf zwei Polizisten zugelaufen. Bis zu dem Tag war er nie als Radikaler aufgefallen. Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft.

Zwei Opfer noch in Lebensgefahr

Zwei seiner Opfer befinden sich weiterhin in einem lebensbedrohlichen Zustand. "Beide schweben in Lebensgefahr, der eine mehr, der andere weniger", sagte Georg Ertl, der ärztliche Direktor der Uniklinik Würzburg am Donnerstagnachmittag. Einer der beiden liege noch im Koma. Bei einem sei man "vorsichtig optimistisch". Die beiden Schwerstverletzten gehören zu einer Familie aus Hongkong, die sich im Zug von Treuchtlingen nach Würzburg befand. Als Erstes soll er den Freund der Tochter der Familie attackiert haben. Auf seiner Flucht griff er eine Spaziergängerin an. Ihr Zustand soll sich inzwischen stabilisiert haben. Der Vater der Familie aus Hongkong liege inzwischen nicht mehr im künstlichen Koma, sagte Ertl. Er sei wach und atme selbständig. Die Mutter und eine Tochter wurden ebenfalls verletzt, aber nicht lebensgefährlich. Der junge Afghane, der seit zwei Wochen bei einer Pflegefamilie in der Nähe von Ochsenfurt lebte, hatte seine Opfer anscheinend wahllos ausgesucht.

Eine Angehörige der Hongkonger Familie sei in Nürnberg behandelt worden, da die Kapazitäten in Würzburg nicht ausreichten, sagte Ertl. Sie habe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Am Donnerstag sollte sie aber zurück nach Würzburg verlegt werden. Die Angehörigen, die nach dem Attentat informiert wurden und nach Unterfranken gereist waren, dürfen die Patienten inzwischen besuchen. Auch Vertreter der Einwanderungsbehörde und chinesische Journalisten sind in Würzburg eingetroffen. Darüber, die Patienten heim nach Hongkong zu verlegen, könne derzeit aber noch nicht gesprochen werden, sagte Ertl.