"Wir sind Viele" - Anklage gegen den Finanzkapitalismus Gott liebt die Zornigen

Der Zorn ist eine Todsünde, sagen Theologen. Doch das Beispiel Jesus zeigt: Der Zorn kann eine Christenpflicht sein. Man kann die Occupy-Bewegung als Exorzismus verstehen, als Besetzung der Finanzplätze mit besseren Geistern.

Eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus von Heribert Prantl - Auszug aus der Streitschrift der Süddeutschen Zeitung Edition.

Occupy - so heißt der neue Widerstand. Das Anliegen dieser Befreiungsbewegung ist, zu verhindern, dass aus der Krise des globalen Kapitalismus eine globale Krise der Demokratie wird, schreibt Heribert Prantl in seiner soeben erschienenen Streitschrift Wir sind Viele - Eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus. Der politische Leitartikler der Süddeutschen Zeitung geißelt darin die radikale Ökonomisierung der Politik und des öffentlichen Lebens, ergreift Partei für den Protest und fordert neue Regeln für ein sozialverträgliches Wirtschaften als Voraussetzung für inneren Frieden. Er wirbt für eine gewaltfreie, produktive Unruhe von Millionen Menschen, die tun wollen, was Demokratie heißt: Gemeinsam die Zukunft gestalten. Auszüge aus der Streitschrift, die Sie im SZ-Shop bestellen können.

Man könnte versucht sein, an Weihnachten einmal eine andere Krippe aufzustellen, nicht die idyllische Krippe, nicht die mit den Schafen, Hirten und dem Jesulein-Jesus, sondern eine Krippe, in der zweitausend Schweine stehen. Nein, das ist keine Blasphemie. Die Geschichte mit den zweitausend Schweinen ist eine Geschichte aus dem Evangelium nach Markus. Es ist eine Geschichte über gute und böse, reine und unreine Geister. Es ist eine biblische Geschichte, auf die man stößt, wenn man darüber nachdenkt, wohin eine Welt kommt, der die Gabe und die Kraft fehlt, zwischen guten und bösen Geistern zu scheiden.

Von unreinen Geistern ist in den Evangelien die Rede, wenn es um die Heilung von Besessenen geht - zum Beispiel im Evangelium von der Heilung des Besessenen aus Gerasa. Als Jesus dort ankam, kam ihm ein "Mensch mit einem unreinen Geist" entgegen - ein tobender Mensch, einer, vor dem alle Angst hatten, ein Mensch, den nichts und niemand halten konnte. Im ganzen Neuen Testament begegnen wir keiner weiteren Darstellung von solch unheimlicher Zerrissenheit, solcher Ohnmacht und solchem Ausgeliefertsein mehr. Die Heimat dieses tobenden Menschen ist die Heimatlosigkeit, sein Leben das Unleben, seine Kontaktform die Kontaktvermeidung. Er hatte, so steht es bezeichnenderweise da, "seine Wohnung in den Grabhöhlen".

Man hatte versucht, so berichtet es der Evangelist Markus, ihn mit Fußfesseln und Ketten zu binden; er zerriss die Ketten und er zerrieb die Fußfesseln. "Und niemand vermochte ihn zu bändigen." Es schien, als sähe dieser wüste Mann die ganze Welt nur durch die Schleier der Zerstörung. Und was machte Jesus? Als der Ungeist auf den Befehl, auszufahren (also zu verschwinden), nicht reagierte, redete er mit ihm und er fragte den Dämon, der in diesen Menschen gefahren ist, nach seinem Namen. "Wie heißt du?"

Es ist dies die einzige Frage, die zu helfen vermag. Eugen Drewermann hat darauf hingewiesen, dass in der Psychoanalyse im Grunde nichts anderes geschieht, als dass diese eine Frage immer wieder mit anderen Worten geduldig gestellt wird: "Wer bin ich selber?", "Was lebt in mir?", "Was ist mein Wesen?" Und der Dämon antwortet: "Legion ist mein Name, denn unser sind viele."

Wenn der Ungeist in die Schweine fährt

Der tobende Mensch, der Besessene aus Gerasa, hat kein eigenes Ich mehr, mit dem man reden könnte. Stattdessen existiert in ihm eine Vielzahl von Handlungs- und Denkgewohnheiten, die sich verselbständigt haben, in ihm stecken Ängste, Zwänge und Handlungsmuster. Jesus erlaubt es dem Besessenen, die unreinen Geister in eine Herde von Schweinen fahren zu lassen (also in die Tiere, deren Genuss Mose verboten hatte). Es ist ein furchtbares Ausagieren aller bisher verinnerlichten Aggression und Gewalt, die jetzt nach außen drängt und sich entlädt. Und dann heißt es bei Markus: "Die Herde aber stürzte sich dann hinunter in den See, etwa zweitausend an der Zahl, und sie ertranken im See." Der Besessene ist geheilt, sein unheimliches Wesen ist verschwunden; er wird von Jesus beauftragt, zu verkünden, was der Herr an ihm tat und wie er sich seiner erbarmte. Der Mann hatte schon auf Erden wie in der Hölle gelebt und er kehrte in der Nähe Jesu vom Tod ins Leben zurück. Jesus schickt ihn nach Hause. Er soll Ruhe finden.

Es ist dies eine Exorzismus-Geschichte. Solche Evangelien klingen schon einigermaßen suspekt: Man denkt an Verschwörung und Aberglauben, an finstere Filme und an Schauerromane. Es steckt aber ein tiefer, ein existentieller Ernst in solchen Geschichten: Sie handeln vom Ungeist, der die Menschen zerfrisst. Sie handeln von dem Ungeist, der zur Verwahrlosung der Menschen und der Gesellschaft führt. Der Dämon des Evangeliums vom Besessenen von Gerasa ist die zerstörerische Variante des Freigeistes: es ist der Geist der pervertierten Freiheit, der keine Bindungen akzeptiert, der sie zerreißt, es ist der Geist der Hemmungslosigkeit und der Gier. Es ist der Geist, der den Turbo des Kapitalismus, den Turbokapitalismus antreibt. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat das 1998 in seinem Werk "Der flexible Mensch" beschrieben, er hat dargelegt, wie sich der "Freigeist" des Kapitalismus auswirkt: Der Mensch, der freigesetzt von seinen Wurzeln und Bindungen flexibel überall einsetzbar ist, ist zugleich Opfer und Idealtypus des Kapitalismus. Insofern ist der Besessene eine schillernde Figur: Er ist Treiber und Getriebener zugleich.

Schickt Exorzisten zu den Analysten