Wikileaks-Informant Manning ersucht Obama um Begnadigung

Spionage, Geheimnisverrat, Computerbetrug: Der Wikileaks-Informant Bradley Manning wird vom US-Militärgericht in Fort Meade zu 35 Jahren Haft verurteilt. Mittlerweile hat er US-Präsident Obama um Begnadigung gebeten.

Der zu 35 Jahren Haft verurteilte Wikileaks-Informant Bradley Manning hat US-Präsident Barack Obama um eine Begnadigung gebeten. Mannings Anwalt David Coombs sagte in Fort Meade, dass sein Mandant zumindest auf eine Herabsetzung des Strafmaßes hoffe.

In einer Botschaft von Manning an Obama, die Coombs verlas, hieß es: "Wenn Sie meine Bitte um Gnade ablehnen, dann werde ich meine Zeit absitzen in dem Wissen, dass man manchmal einen hohen Preis bezahlen muss, um in einer freien Gesellschaft zu leben." Das Weiße Haus reagierte kühl. Sollten der 25-jährige Manning oder seine Anwälte ein Gnadengesuch einreichen, werde dies "wie jedes andere Gesuch" geprüft, sagte Obamas Sprecher Josh Earnest.

Schuldig wegen Spionage, Geheimnisverrats, Computerbetrugs und Diebstahls - zählt man alle Anklagepunkte zusammen, drohte dem Wikileaks-Informanten Bradley Manning eine mögliche Höchststrafe von 100 Jahren Gefängnis. Ein US-Militärgericht in Fort Meade bei Washington verurteilte Manning am Mittwoch zu 35 Jahren Freiheitsstrafe.

Militärrichterin Denise Lind hatte zuvor festgelegt, dass von der Strafe 1294 Tage - das sind knapp dreieinhalb Jahre - abgezogen werden. Sie begründete dies damit, dass Manning bereits seit Mai 2010 hinter Gittern sitze und dabei neun Monate in Einzelhaft verbringen musste. Bei guter Führung besteht die Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung, sobald er mindestens ein Drittel seiner Strafe abgesessen hat. Lind ordnete außerdem an, den Obergefreiten unehrenhaft aus der Armee zu entlassen.

Das Enthüllungsportal Wikileaks hat die Strafe angesichts einer möglichen vorzeitigen Haftentlassung als "entscheidenden strategischen Sieg" bezeichnet. Manning könne bereits in "neun Jahren" aus dem Gefängnis freikommen, erklärte das Portal über Twitter. Russland sprach von einer "ungerechtfertigt harschen" Strafe. Der für Menschenrechte zuständige Mitarbeietr im Außenministerium, Konstantin Dolgow, sagte der Nachrichtenagentur Interfax, Washington lege eine "Doppelmoral" an den Tag, sobald US-Interessen auf dem Spiel stünden und nehme keine Rücksicht auf die Wahrung der Menschenrechte.

Schuldig gesprochen wurde Manning bereits Ende Juli, in 20 von 22 Anklagepunkten. Vom Hauptvorwurf der "Feindesunterstützung" sprachen die Richter den Angeklagten damals aber frei. Eine Verurteilung in diesem Punkt hätte eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Bewährung zur Folge gehabt.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft berief sich unter anderem auf Artikel 104 des Militärgesetzbuches ("Uniform Code of Military Justice") sowie auf das Spionagegesetz aus dem Jahr 1917; beide sehen als höchstes Strafmaß die Todesstrafe vor. Militärstaatsanwalt Ashden Fein verzichtete in seinem Schlussplädoyer jedoch auf diese Maximalstrafe und forderte insgesamt lebenslang plus 154 Jahre Haft für Manning.

Richterin wirft Manning "rücksichtsloses Verhalten" vor

Der 25-jährige Soldat hatte gestanden, der Enthüllungsplattform Wikileaks Hunderttausende Dokumente aus Datenbanken der Armee und des Außenministeriums übermittelt zu haben. Manning war als Nachrichtenanalyst im Irak stationiert gewesen, wo er das Material, darunter zahlreiche diplomatische Depeschen, kopiert hatte. Der Whistleblower begründete seinen Schritt mit dem Wunsch, die Welt über die Kriege im Irak und Afghanistan aufzuklären: "Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit sehen."

In ihrer Urteilsbegründung macht Richterin Denise Lind dem US-Soldaten schwere Vorwürfe: Er habe bei der Weitergabe geheimer Dokumente mutwillig gehandelt. "Mannings Verhalten war rücksichtloser Natur, was es tatsächlich und unmittelbar gefährlich für andere sein ließ", schrieb die Richterin in dem Ende vergangener Woche veröffentlichten Papier. Manning habe sich denken können, dass die Infos den Vereinigten Staaten schaden oder anderen Ländern einen Vorteil verschaffen könnten.

Der nach seiner Festnahme degradierte Manning hatte sich am Mittwoch vor Gericht für seinen Geheimnisverrat entschuldigt. Die Verteidigung hatte den Soldaten, der während des Prozesses stets seine dunkelblaue Paradeuniform getragen hat, als "naiven, jungen Mann mit guten Absichten" dargestellt. Sein einziges Ziel sei es gewesen, Kriegsgräuel im Irak zu enthüllen und "damit weltweite Debatten und Reformen auszulösen" .

Unterstützer wie der Wikileaks-Chef Julian Assange beklagten danach, dass die US-Militärjustiz den 25-Jährigen mit der Aussicht auf ein hartes Urteil förmlich erpresst habe. "Es dauerte drei Jahre und mehrere Millionen Dollar, um zwei Minuten taktischer Reue aus diesem tapferen Soldaten herauszuholen", so Assange.