Widerstand gegen "Stuttgart 21" Stadt der entgleisten Gefühle

Menschen ohne jeglichen radikalen politischen Hintergrund klettern das erste Mal in ihrem Leben durch Bauzäune und nehmen an Sitzblockaden teil. "Stuttgart 21" reißt Baden-Württembergs Landeshauptstadt aus ihrer Beschaulichkeit.

Von D. Deckstein und M. Kotynek

Sirenen heulen durch die Stadt, Blaulichter der Polizeiautos zucken durch die Nacht. Die Mannschaftswagen halten vor dem Bauzaun am Stuttgarter Hauptbahnhof, vor den Demonstranten, die die Nacht durchwachen. Sie wollen den Bahnhof beschützen, denn sie ahnen, dass jetzt der Bagger kommt - jenes Gerät, das den Nordflügel des Bahnhofs abreißen soll. Sie werfen sich vor dem Bautor auf den Boden, wollen den Weg versperren. Die Polizisten tragen sie weg. Am Donnerstagmorgen steht dann der große, orangefarbene Abrissbagger auf dem Baugelände. Damit naht die Stunde, in der das Milliardenprojekt "Stuttgart 21" beginnt, reale Formen anzunehmen - genau das, was die Demonstranten seit Monaten verhindern wollen.

Sitzblockaden im Schwabenland: Der Widerstand gegen den milliardenteuren Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs reißt nicht ab.  

(Foto: ddp)

Kaum jemals zuvor hat der Begriff vom "Bürgerprotest" solch sicht- und begreifbaren Anschauungsunterricht geboten wie bei den Protesten der Stuttgarter gegen das ungeliebte Bahnprojekt. Die neue Art politischer Beteiligungskultur hat auch ein bürgerlich-konservatives Milieu in Wallung und Bewegung gebracht, das früher die Nase rümpfte über aufständische Junge, Altlinke, Fortschrittsverweigerer, Punks oder krawallbereite Demo-Touristen. Unter den Tausenden, die sich um den alten Kopfbahnhof versammeln und friedlich durch den benachbarten Schlosspark und die Innenstadt ziehen, finden sich Rentner mit selbstgemalten Plakaten neben gutsituierten Perlenkettenträgerinnen, gepiercte Jugendliche im Gothic-Look neben Anzugträgern aus einer Stuttgarter Werbeagentur. Oder die 51-jährige Sportlehrerin, die ihr Leben lang noch nicht demonstriert hat, aber nun sagt: "Jetzt würde ich mich sogar als Parkschützerin an einen Baum ketten."

Mittlerweile treffen sich die Gegner täglich. Neben der wöchentlichen Montagsdemo gibt es immer mittwochs einen Kultur-Abend, bei dem Autoren literarische Texte lesen, Kabarettisten auftreten, Architekten diskutieren und Streicherensembles Quartette von Joseph Haydn spielen. Freitags ist meist Großdemo, und täglich um 19 Uhr machen die Menschen in vielen Städten und Dörfern von Württemberg eine Minute lang Lärm. Sie nennen das "Schwabenstreich". Dazwischen beobachten Hunderte über eine Internet-Kamera Tag und Nacht, was auf dem Bahnhofsplatz passiert. Über Internet-Foren, Facebook, Twitter und SMS schlagen sie Alarm, wenn etwas passiert oder verabreden sich zu spontanen Protesten.

Eine der Leitfiguren des gutbürgerlichen Protests ist der Schauspieler und Wahl-Stuttgarter Walter Sittler, 57, der im November vergangenen Jahres im Schlossgarten einen "Widerstandsbaum" pflanzte und sich damit erstmals öffentlich als Stuttgart-21-Gegner outete. Seine Rolle bei den Protesten versteht er durchaus als "Anheizer" und hofft, dass sich statt der zuletzt 20000 bald 50000 Bürger dem kollektiven Bahnwiderstand anschließen werden. "Ich bin bestimmt kein Revolutionär", sagt Sittler, "aber ich will mich als Bürger dieser Stadt zu Wort melden."

Das wollen mit ihm die Bürger-Demonstranten, die zuallererst den Kopfbahnhof behalten und keinen unterirdischen Neubau haben wollen, die um die ausufernden Kosten des Projekts fürchten, um die Stuttgarter Mineralquellen im Untergrund, und die sich überhaupt von den Politikern ignoriert und überfahren fühlen. Auch wenn die Geschichte des Mammutprojekts von Widerständen und gerichtlichen Klagen gepflastert war, die den Baubeginn um zehn Jahre verzögert haben: Jetzt, da die Bagger vor dem Bahnhof stehen, manifestiert sich das Misstrauen in "die da oben" wie nie zuvor.

"Bei Abriss Aufstand"

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