Whistleblowerin Chelsea Manning Die Heldin ist frei

Die Whistleblowerin Chelsea Manning ist vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden. Ihre Leaks haben den Blick auf die USA und ihre Kriege verändert.

Von Thorsten Denkler, New York

Chelsea Manning zählt die Tage. Noch 40 Tage, noch 30 Tage. Am 1. Mai notiert sie: "Das ist der Monat!". Am 4. Mai: "Noch zwölf Tage!" Am 9. Mai: "Freiheit war nur ein Traum und schwer vorzustellen. Jetzt ist sie bald da! Ihr habt mich das überleben lassen."

An diesem Mittwoch ist Chelsea Manning aus dem Militärgefängnis entlassen worden. Das berichtet die BBC unter Berufung auf die US-Armee. Sieben Jahre war sie in Haft. Sieben Jahre dafür, dass sie den größten Militär-Skandal in der Geschichte der USA aufgedeckt hat. Sie hat dann die längste Haftstrafe hinter sich, die je ein Whistleblower in den USA verbüßen musste.

Chelsea Manning ist für viele eine Heldin und für manche eine Verräterin. Ohne ihre Leaks hätte US-Präsident Barack Obama so schnell wohl nicht den Rückzug eines Großteils der US-Truppen aus dem Irak und aus Afghanistan befohlen.

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Verurteilt wurde sie zu 35 Jahren. Obama hat sie im Januar in seinen letzten Amtstagen begnadigt. Gerade noch rechtzeitig, bevor sein Nachfolger Donald Trump das Amt übernahm. Mehr als 115 000 Menschen hatten im Dezember eine Petition unterschrieben, in der Obama um Begnadigung gebeten wurde.

Was sie tat, hat den Blick auf den Krieg im Irak, den Blick auf die Art und Weise, wie die USA Krieg führen, weltweit verändert. "Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit sehen. Denn ohne Informationen kann die Öffentlichkeit keine informierten Entscheidungen treffen", hatte sie dem Mann gesagt, der sie später an die US-Behörden verraten sollte.

Als Bradley Manning wurde sie 1987 in Oklahoma City geboren. Mit 20 Jahren trat sie ins US-Militär ein. Sie hatte gute Computer-Kenntnisse und wurde zum Nachrichtenanalytiker ausgebildet. Mit einer Spezialisierung auf die Auswertung von Datenbanken. Die Daten, mit denen sie später umgehen durfte, gingen hoch bis zur Geheimhaltungsstufe "Top Secret".

2009 wurde sie in den Irak geschickt. Sie hatte noch Hoffnung, dass die USA im Irak und in Afghanistan "einen Unterschied" machen könnten, dass sich die Dinge zum Besseren wenden würden.

Sie muss persönlich unter großem Druck gestanden haben. Aus dem Chat-Protokoll mit ihrem Verräter ist eine einsame Person herauszulesen. Von der Armee fühlte sich Manning im Stich gelassen. Sie steckte mitten in einem Findungsprozess. Ist sie ein Mann? Ist sie eine Frau? Das alles musste sie inmitten von "schießwütigen, hypermaskulinen, ignoranten Proleten" mit sich austragen.

Privat konnte sie ihre sexuelle Identität ausleben. Im Dienst aber durfte niemand davon wissen. Erst im Gefängnis erklärte sie sich im August 2013 verbindlich zur Frau. Aus Bradley wurde Chelsea Manning. Für ihre Forderung nach einer Geschlechtsangleichung trat sie zeitweise in den Hungerstreik. Einen großen Teil ihrer Haftzeit verbrachte sie im Militärgefängnis Fort Leavenworth, Kansas.

Im Irak hatte Manning Zugriff auf als geheim eingestufte Datenbanken. Dort muss sie auch Zugriff auf Daten und Videos gehabt haben, die ihre Sicht auf das Militär und die Rolle der USA offenbar massiv erschüttert haben. Sie sicherte rund 800 000 Dokumente und gab diese Daten an die Whistleblower-Plattform Wikileaks weiter. Es war das bis dahin größte Datenleck in der Geschichte der USA.