Westjordanland Ein Bild mit zwei Geschichten

(Foto: Abbas Momani/AFP)

Wie ein einziges Foto den Nahostkonflikt in seiner archaischen und zugleich medialisierten Form zeigt.

Von Peter Münch

Sie zerren, sie kratzen und sie beißen - und am Ende muss sich der von palästinensischen Frauen und Mädchen umringte israelische Soldat geschlagen geben. Eine Szene ist dies aus dem Dorf Nabi Saleh im Westjordanland, und sie zeigt den Nahostkonflikt in seiner ganzen archaischen und zugleich modern-medialisierten Form. Fast jede Woche wird in Nabi Saleh demonstriert, fast jede Woche kommt es zu Gewalt - und immer sind Fotografen am Ort, die den ritualisierten Schlagabtausch einfangen. Auch hier haben sie in einer Bilderserie festgehalten, wie der Soldat einen Zwölfjährigen festnehmen will, der nach Armee-Angaben mit Steinen geworfen hat. Der Soldat hält ihn am Boden fest, und dann kommen die Frauen. Am Ende muss er den Jungen freilassen - und seit sich die Bilder und ein Video von diesem Vorfall im Netz und in der Welt verbreiten, feiern die Palästinenser stürmisch einen Sieg von David gegen Goliath. Aber auch in Israel hat sich ein Sturm erhoben, die Zeitungen drucken das Bild auf Seite eins, und Ex-Außenminister Avigdor Lieberman fordert dringlich eine Parlamentsdebatte, weil die hier zu sehende "Schwäche und Hilflosigkeit" die Abschreckungskraft der Armee beschädige. Es ist ein Bild mit zwei Geschichten, doch um die Macht der Bilder wissen beide Seiten.