Werkstattbericht Zu Besuch beim Kommando Spezialkräfte

Keine Truppe der Bundeswehr operiert geheimer als das Kommando Spezialkräfte. SZ-Autor Christoph Hickmann hat die deutschen Elitesoldaten besucht.

(Foto: REUTERS)

Wer über die Elitetruppe der Bundeswehr berichten will, braucht einen langen Atem. Ein Jahr nach seiner ersten Anfrage bekam unser Autor die Zusage. Er konnte eine Übung des geheim operierenden KSK beobachten.

Von Christoph Hickmann

Wenn man über die Bundeswehr berichtet, muss man manchmal Geduld haben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn man ein Anliegen oder eine Frage hat, bei dem oder der nicht restlos klar ist, wer dafür nun eigentlich zuständig ist - der Presse- und Informationsstab des Verteidigungsministeriums? Das Einsatzführungskommando, die Pressestelle des Heeres? Oder am Ende doch der Presseoffizier der betreffenden Division? Manchmal kann es einen Nachmittag dauern, bis die Zuständigkeitsfrage geklärt ist. Schließlich soll bei der Truppe alles seine Ordnung haben.

Manchmal allerdings muss man sich deutlich länger als einen Nachmittag gedulden. Zum Beispiel, wenn man über das Kommando Spezialkräfte berichten will, kurz KSK. Das kann schon mal ein Jahr dauern.

Die Eckdaten der Elitetruppe, in Dienst gestellt 1996, sind bekannt: Sie besteht aus etwa 1400 Soldaten, 400 bis 500 von ihnen sind sogenannte Kommandosoldaten. Aufgestellt wurde das KSK, nachdem 1994 in Ruanda deutsche Staatsbürger von belgischen Elitekämpfern in Sicherheit gebracht werden mussten. Heimatstandort ist die Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw, Baden-Württemberg. Darüber hinaus ist vieles geheim: Die Truppe operiert verdeckt, weshalb die Spezialeinheit auch innerhalb der Bundeswehr von einer Mischung aus Mythen und Mutmaßungen umwabert ist.

Dann, im Herbst 2014, kam der Anruf

Für Journalisten gibt es nur selten Gelegenheiten, das KSK in Aktion zu sehen - weshalb es besonders ungünstig ist, eine dieser Gelegenheiten zu verpassen, nämlich den Besuch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im vergangenen Jahr in Calw. Doch es ließ sich nicht ändern, passiert war passiert. Nach dieser verstrichenen Gelegenheit hieß es weiter Warten: Vielleicht würde es ja doch mal eine positive Antwort auf die Anfrage geben, gestellt vor ziemlich genau einem Jahr, also im Frühjahr 2014.

Nach dieser ersten Anfrage hatte man lange nichts gehört. Hakte man beim Ministerium nach, hieß es: Ja, man sitze an der Sache, aber es sei noch nichts entschieden. Hakte man beim KSK nach, hieß es, das Ministerium habe sich noch nicht festgelegt. Offensichtlich hielt man die Sache für heikel. Oder jedenfalls zu heikel, um einigermaßen zügig darüber zu entscheiden.

Dann, im Herbst vergangenen Jahres, kam der Anruf: Es sei möglich, das KSK bei einer Übung in Dänemark zu beobachten.

Gegenfrage: Ob es auch möglich sei, dort mit Soldaten zu sprechen?

Nein, das sei wegen der Sicherheitsvorschriften auf dem Übungsgelände leider nicht möglich.

Also hätte die Reise keinen Sinn ergeben.

Wieder Warten. Ob es irgendwann noch klappen würde?

Das Szenario: Geiselnahme in Kumrani

Schließlich, im Februar, wieder ein Anruf: Diesmal sollten ein Besuch in Calw und ein Einblick in die nächste Übung in Dänemark möglich sein. Anfang März war es dann so weit: Erst ging es in die Graf-Zeppelin-Kaserne, dann ein paar Tage später, an einem Freitag, nach Dänemark.

Geübt wurde dort eine Geiselbefreiung, das Szenario lautete: Geiselnahme in der Islamischen Republik Kumrani, Afrika, im Westen des Landes, über den die Zentralregierung keine Kontrolle mehr hat. Ende November schon sind die fünf deutschen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Brot für alle entführt worden, vier Männer und eine Frau. Verhandlungen mit den Geiselnehmern haben zu nichts geführt, die kumranischen Sicherheitskräfte sind nicht in der Lage, die Deutschen zu befreien, deshalb hat nun die Bundeswehr übernommen.

Wie passen geheime Operationen zu einer Parlamentsarmee?

Die klimatischen Verhältnisse hatten nicht viel mit Afrika zu tun, stattdessen pfiff in Dänemark ein äußerst scharfer Wind durch die Nacht. Ansonsten aber wirkte die Übung äußerst realistisch - unter anderem weil es ziemlich lange dauerte, alle Geiseln zu finden. Da blieb Zeit, auch die eine oder andere politische Frage zu reflektieren: Wie passt eigentlich eine geheim operierende Einheit zur Bundeswehr als Parlamentsarmee?

Bundestagsabgeordnete wie die Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger fordern, die "Unterrichtungspraxis" müsse "endlich verbessert werden" - Informationen müsse es "regelmäßiger" geben. "Wie alle Auslandseinsätze der Bundeswehr brauchen auch die Einsätze der Spezialkräfte die Aufmerksamkeit und Kontrolle der demokratischen Öffentlichkeit", sagt Brugger.

Rede und Antwort stand unter anderem der Kommandeur der Truppe, Brigadegeneral Dag Baehr. Baehr ist der erste Kommandeur des KSK, der auch Kommandosoldat war. Wie geht es nach dem Einsatz in Afghanistan weiter? Wird das KSK angesichts der vielen Krisen weltweit wichtiger? Diesen Fragen stellte er sich - und darüber hinaus die Frage, wie viele Menschen er eigentlich selbst in seinen Einsätzen getötet hat.

Ein Besuch bei deutschen Kriegern: "Hart an der Grenze"

Wie geht der "Einsatz" des KSK in Kumrani aus? Was antwortet Brigadegeneral Dag Baehr? Lesen Sie die Seite-3-Reportage von Christoph Hickmann über seinen Besuch in Calw und seine Beobachtungen bei dem Manöver in Dänemark jetzt digital.