Wandel der Kindererziehung in Deutschland Mehr Liebe, weniger Hiebe

Untersuchungen belegen, dass Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, später häufiger zu Gewalttätern werden als Kinder, die gewaltfrei aufwachsen. In Deutschland ist die Prügelstrafe für Eltern seit 2000 gesetzlich verboten - und auch sonst hat sich in der Erziehung vieles zum Guten gewandelt. Nur für Jungen aus Migrantenfamilien gilt das nicht.

Ein Gastbeitrag von Christian Pfeiffer

In ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erzählte Astrid Lindgren vor 34 Jahren folgende Geschichte: Eines Tages hatte ein kleiner Junge etwas getan, wofür er nach Meinung seiner Mutter eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben. Er sollte nun im Garten selber nach einem Stock suchen und der Mutter bringen. Ihr Sohn kam weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Sie nahm ihren Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche. Dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: niemals Gewalt!

Christian Pfeiffer leitet das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Eine neue Studie des Instituts zeigt, wie sich die gewaltfreie Erziehung in Deutschland immer mehr durchgesetzt hat.

(Foto: dpa)

Astrid Lindgrens Heimatland Schweden war 1979 weltweit das erste Land, das das elterliche Züchtigungsrecht gestrichen hat. 24 weitere, darunter Deutschland zum Jahr 2000, sind seitdem gefolgt. Die große Mehrheit der Staaten, darunter die USA, Frankreich und Großbritannien, konnte sich bisher nicht zu diesem Schritt entschließen. Dies überrascht angesichts der großen Zahl von Untersuchungen, die es zu den negativen Wirkungen des Schlagens von Kindern gibt. Ein Beispiel bietet unsere 2007/2008 bundesweit durchgeführte Befragung von 45.000 Neuntklässlern.

Danach werden mit Gegenständen oder sonst massiv geschlagene Kinder später sechsmal häufiger zu Mehrfach-Gewalttätern als gewaltfrei und liebevoll erzogene. Dreimal so oft geraten sie in kriminelle oder rechtsextreme Jugendcliquen. Sie konsumieren fünfmal häufiger regelmäßig Cannabis und schwänzen viermal häufiger für mindestens zehn Tage im Jahr die Schule. Eine weitere Befragung zeigt die Folgen bei Erwachsenen. Wer in der Kindheit die Ohnmacht des Geschlagenen erlitten hat, möchte später dreimal häufiger eine scharfe Schusswaffe besitzen und sich so endlich mächtig fühlen. Außerdem befürwortet er tendenziell ein hartes Strafrecht sowie die Todesstrafe.

Mehr als die Hälfte der Befragten ist völlig gewaltfrei aufgewachsen

Angesichts dieser Zusammenhänge versprechen die Daten einer Repräsentativbefragung aus dem Jahr 2011 zur Kindheit von 11 500 Menschen zwischen 16 und 40 Jahren wichtige Erkenntnisse. Die Ergebnisse der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Untersuchung können wir nun mit denen vergleichen, die wir vor 19 Jahren in gleicher Weise anhand einer Stichprobe mit 3300 Personen ermittelt hatten.

Seit 1992 hat sich der Anteil der einheimischen Deutschen, die zu Hause völlig gewaltfrei aufgewachsen sind, von 26,4 auf 52,1 Prozent fast verdoppelt. Auf der anderen Seite ist die Quote der massiv geschlagenen Kinder um etwa ein Fünftel auf 11,9 Prozent zurückgegangen, die der leicht gezüchtigten sogar um zwei Fünftel. Außerdem haben alle von uns gemessenen Formen elterlicher Zuwendung zugenommen. Drei von vier Eltern nehmen inzwischen ihre Kinder auf den Arm und schmusen mit ihnen.

Noch deutlicher wird der Wandel der Erziehungskultur, wenn wir die Antworten der 31- bis 40-Jährigen und die der 16- bis 20-Jährigen einander gegenüberstellen. Im Vergleich dieser beiden Kindheiten ist das massive Schlagen seit den 80er Jahren um mehr als die Hälfte von 15,6 auf 7,2 Prozent zurückgegangen. Das gewaltfreie Erziehen hat dagegen von 45,1 auf 62,8 Prozent zugenommen, das häufige Schmusen von 68,6 auf 75,2 Prozent. Ferner zeigt sich, dass der beschriebene Wandel der Erziehungskultur vor allem den Mädchen zugutekommt. Während sie vor 20 bis 30 Jahren im Vergleich zu den Jungen häufiger massiv geschlagen wurden, trifft das heute mehr die Jungen. Anders als früher liegen die Mädchen heute beim häufigen Schmusen mit den Eltern klar vorn.

Auch in türkischstämmigen Familien profitieren die Mädchen vom Wandel der Erziehungsstile - allerdings nicht die Jungen. Sie werden sogar häufiger als früher geschlagen; es zeichnet sich auch kein Anstieg der Zuwendung ab. Dagegen sieht es bei den Mädchen völlig anders aus. Das Prügeln ist auf weniger als die Hälfte zurückgegangen, die Zuwendung hat sich deutlich erhöht. Vor allem die türkischen Mütter haben ihren Erziehungsstil gegenüber den Mädchen verändert.

Jungen werden mehr geschlagen und weniger geliebt

Insgesamt geht der Trend "weniger Hiebe, mehr Liebe" stärker von den Müttern aus als von den Vätern. Väter tun sich nach wie vor schwer damit, ihre Söhne in den Arm zu nehmen. Früher hat das nur jeder vierte getan, heute immerhin jeder dritte, während aber inzwischen jeder zweite mit seinen Töchtern entsprechend liebevoll umgeht. Schmusen ist nach wie vor überwiegend Sache der Mütter. Auch hier aber profitieren die Mädchen mehr als die Jungen.

Die Frage, warum das so ist, wird uns noch lange beschäftigen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der seit 20 Jahren stärker werdenden Leistungskrise der Jungen. Das elterliche Loben und Strafen orientiert sich nun einmal auch an den Schulnoten der Kinder. Vielleicht aber hängen auch andersherum die wachsenden Schulprobleme der Jungen damit zusammen, dass sie im Vergleich zu Mädchen mehr geschlagen und weniger geliebt werden. Beide Erklärungsansätze können sich sogar gegenseitig ergänzen.

Hat sich dieser Wandel der Erziehungskultur bereits positiv ausgewirkt? Ja: Die Jugendgewalt geht seit einigen Jahren zurück. Dies zeigen unsere seit 1998 wiederholt durchgeführten Schülerbefragungen ebenso wie die Statistiken der kommunalen Unfallversicherer. Letztere belegen, dass schwere schulische Gewalttaten seit 1997 um 40 bis 50 Prozent abgenommen haben. Und schließlich bestätigt sogar die Polizeiliche Kriminalstatistik trotz der steigenden Anzeigebereitschaft der Opfer den positiven Trend. Natürlich haben zu dieser erfreulichen Entwicklung auch andere Faktoren beigetragen. Aber mitentscheidend ist: Kinder werden heute von ihren Eltern weniger geschlagen und liebevoller erzogen als vor 20 oder 30 Jahren.

Wer am Stock spart, verdirbt das Kind" - der Spruch wird einem Berater des Königs von Assyrien im 7. Jahrhundert vor Christus zugeschrieben; auch in den Sprüchen Salomons heißt es: "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn." Heute wissen wir: Wer als Kind nach oben buckeln muss, wird später nach unten treten. Gewaltfreie Erziehung aber fördert den aufrechten Gang.

Christian Pfeiffer, 67, ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen mit Sitz in Hannover.